Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1840)
- Article
- Leipzig: Betrachtungen über die Damaskus-Geschichte
- Date
- 1840-10-31
- Page
- 338 (sequence 2)
- Language
- German
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- 338 aufzuweisen. Mit blutendem Herzen sieht es der Menschenfreund, schlagt das Buch zu und schweigt, oder wenn er redet, so klagt er über die Thorheit der Welt, die sich des Glaubens willen zerfleischte, des Aberglaubens willen Bruderblut vergoß. Er beseufzt jene traurigen Denkmale einer unvernünftigen Zeit, wie sie noch in Schriften fortleben, die der Haß und die verbündetste Leidenschaft geschrieben nnd verdammt jene Männer, die es sich zur Aufgabe ihres Lebens, zum Handwerk machten, Haß auszusäen, Zwietracht zu pflanzen, um die Freude, ja wohl auch die Früchte der Verfolgung zu ernten. — Und jetzt? Noch ragen solche scheußliche Denkmale der Barbarei bis in das Leben der Völker herein, noch feiert man hier und dort das Gedächtniß an Märtyrer, welche ein Opfer des jüdischen Blutdurstes geworden sein sollen. Und was thut die Literatur, wenigstens zum Theil? Sie erzählt die abscheulichen Märchen weiter, um zu beweisen, daß die vermeintliche That zu Damaskus nicht isolirt dastehe, daß ihre Möglichkeit wenigstens nicht abzuleugnen sei. Was thun Behörden und Gemeindevorstände? Sie. unterstützen die Feste mit ihrem Eifer und ihren Anordnungen, welche der Pöbel noch jetzt zum Andenken an ihre von den Juden des Glaubens willen erschlagenen Märtyrer feiert. Wir sagen nicht zu viel, wir fußen auf dem Böden der Geschichte. Nur einiger dieser trostlosen Dinge laßt uns erwähnen. Habt ihr noch nichts gehört von der Krnnci Kenuesse zu Belgien? Geht hin und sehet da, wie sich die Geistlichkeit anstrengt, erfinderisch zu sein in Feierlichkeiten und Processionen, wie sie Ablaß verkündigt für jeden der in diesen festlichen Tagen unter den Augen der Priester erscheint, wie städtische Behörden Volksfeste, Pferderennen, Fischerstechen u. s. w. veranstalten , wie-alle geschlossene Gesellschaften zu festlichen Freuden zusammentreten, wie die öffentlichen Sammlungen und Museen dem Publikum offen stehen, die Straßen sich schmücken, des Abends die Städte beleuchtet werden, wie alles Volk aus .der Nahe und Ferne heranströmt an die großen Städte und Pfarrkirchen, um an der Feier Theil zu nehmen, oder Ablaß zu empfangen. Und woher all' dieses festliche Gepränge? Woraus bezieht sich der Jubel einer ganzen Nation des erleuchteten 19. Jahrhunderts? Eine Nation, die, weil sie sich in freier Ausübung ihrer Religion gedrückt glaubte, jüngst von einer gerechten Krone sich losriß? Ich will es euch erzählen: — Aus der Catharinen-Kapelle zu Brüssel war vor grauen Jahrhunderten ein Ciborium mit geweihten Hostien entwendet worden. Natürlich hatte man alsbald auch die Juden in Verdacht des Raubes. Da kam eines Tages zu den Pfarrer von St. Catharinen ein altes Weib, brachte das heilige Gefäß und erklärte, es von den Juden empfangen zu haben, die es ihr mit dem Aufträge überlassen, es zu ihren Glaubensgenossen nach Köln zu bringen. Dies Weib, eine gebotne Jüdin, ihres unjüdischen Wandels willen aus der Gemeinde gestoßen, hatte sich in den Schoß der katholischen Kirche gerettet und auf ihre gehässige Aussage hin, wurden sogleich alle Juden eingekerkert. Das Weib sagte vor Gericht aus, sie selbst habe gesehen, wie die Juden in einer großen Versammlung die Hostien mit Ruthen gestrichen und mit Messern durchstochen hätten. Da sei ein großer Blutstcom aus ihnen hervorgedrungen, der sie alle bespritzt habe, erschrocken wären sie entflohen, und in der Verlegenheit auf eine gute Weise sich der fürchterlichen Wunderkapsel zu entledigen, hätten sie die Alte beauftragt, das Gefäß nach Cöln zu bringen. Die Folter diente jetzt den Richtern zur Erpressung des Geständnisses und von ihrer Marter überwältigt ward einer der Gequälten Christ und bestätigte die Aussagen der Alten. Er drang auf die Verbrennung aller mit ihm eingezogenen Schlachtopser, „denn — sagte er — warum ertragen diese häßlichen Menschen die Qualen der Tortur? weil sie wohl wissen, welch ungeheuren Verbrechens sie sich schuldig gemacht haben." Diese Worte erschienen dem regierenden Herzoge Wenzeslaus sehr einleuchtend; er befahl, daß alle Juden durch die Hauptstraßen ^der Stadt geführt, mit glühenden Zangen gezwickt, dann vor dem Thore de Hall an Pfosten gebunden und lebendig verbrannt würden. Der Befehl ward vollzogen am 22. Mai 13/0. --- Die Hostien bluteten noch Jahre lang. - (Schluß folgt.) Großbritannien. I London, 15. Okt. Im Begriffe, noch einige Schlußworte zu meiner letzten oder ersten Mitteilung hinzuzusügen und jene merkwürdigen Erscheinungen aus dem eigenthümlichen Zustande unserer religiösen Verhältnisse nach innen und außen zu erklären, finde ich mich durch einen besondern Umstand veranlaßt, die kurze Zeit abzuwacten, in der eine bedeutende Veränderung fämmtlicher Cultusangelegenheiten eintreten dürste. Der hiesige Rabbine Hr. Herschel, den Sie mindestens aus dem Ihnen eingesandten Briefe an Sir Mos. Montefiore kennen*) ist beim Einsteigen in einen Omnibus lebensgefährlich verwundet worden, und giebt leider sehr wenig Hoffnung aus Wiederherstellung seiner Gesundheit. Dieser Mann, dessen persönlichen moralischen Charakter zu beurtheilen hier nicht der Ort ist, hat bisher durch seine Stellung einen bedeutenden Einfluß auf die religiöse Entwickelung des englischen Judenthums, namentlich gegen die in letzter Zeit begonnenen Reformationsversuche im Cultus ausgeübt. Ist es nun dem auf englischen Boden verpflanzten Polen, der in England keinem anderen Clubb als etwa dem täglich bei ihm stattsindenden Minjan angehören mochte, nicht zu verdenken, *) S. Orient Nr. 38.