Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1840)
- Article
- Pesth: die Kleinkinder-Bewahranstalt
- Date
- 1840-10-24
- Page
- 334 (sequence 2)
- Language
- German
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334 Nothnagel, und schlimm genug, daß die vernachlässigte häusliche Erziehung, die einem Kinde nie zu ersetzen ist, solche Anstalten räthlich und nothwendig macht. Warum dergleichen Institute mit solchem Enthusiasmus von den Leuten ausgenommen worden, ist gerade das/ warum wir sie verwerfen möchten. Man freut sich, wenn die kleinen Männchen und Püppchen wie die abgerichteten Papageien etwas herzuplappern vermögen, es kitzelt einem, oder man ist erstaunt, oft ohne sich dessen deutlich bewußt zu werden, wenn die kleinen zwei- und dreijährigen Altbärte unsre eignen Ideen, Gefühle und Empfindungen auszukramen scheinen, ohne daran zu denken , daß das Alles nur Angelerntes ist, daß Alles nur auf Unkosten ihrer Gesundheit, ihrer körperlichen Ausbildung erfolgt. Warum sind die Menschen, die so spät zu lernen anfingen, die oft bis ins vierzehnte Jahr unter der Heerde aufwuchsen, die sie weideten, noch solche große Meister gewordene Nicht darum, weil ein wunderbarer Geist in ihnen schlummerte, wie in andern Menschen, sondern darum, weil all ihre Vermögen, körperliche und geistige, Zeit hatten sich zu entfalten, zu erstarken, weil keine unbefugte Hand eingriff in das stille Walten und Wachsen der Kräfte, weil der frische, freudige Wildling unbeschnitten heranwachsen und fette Aeste zu treiben vermochte, die sich dann ohne Besorgniß leicht veredeln ließen. Es ist ein altes Wort, dessen Wahrheit der gemeinste Mann kennt, jemehr man die kleinen Thiere hätschelt und aus einer Hand in die andere gehen läßt, desto ärmlicher bilden sie sich aus, aber weil man den Menschen nicht mit dem Thiere vergleichen soll, so ist man gegen solche Gesetze und Winke der Natur taub. Eine Kleinkinder - Bewahranstalt müßte nichts von alle dem aufzuweifen haben, womit sich die unsrer Zeit biö zur unausstehlichsten Tändelei schmücken. Doch es ist hier nicht der Ort, dies weiter auseinander zu fetzen. — Die hiesige steht unter der Leitung der Herrn Engler und Weiß und nimmt Kinder vom zweiten bis fünften Jahre auf. Wenn sie sich den Namen einer Schule beilegt, so beweistsie noch mehr, daß sie ihre Aufgabe gar nicht begriffen hat. Die am 24. Sept. abgehaltene, öffentliche Prüfung bewies uns hier, worauf es angefangen sei, nämlich mehr auf die Ehre der Lehrer, als auf das Wohl der Kinder. Es war eine ziemliche Anzahl Zuhörer aus den hohem Standen gegenwärtig und der Enthusiasmus für die Anstalt ungetheilt, als die Kleinen ihre Gebetchen hersagten, ihre Liederchen anstimmten. Wir sagen es noch einmal, möge ein solches Faulbett für Eltern gutheißen, wer da will, wir können uns nicht damid befreunden. Wußlanb.' Serp zi g, 9. Ott. (Aus dem Warschauer Courrier.) Am 14. u. 45, dieses fand die Prüfung der hiesigen Rabbinatsschüter im Beisein des Oberinspettors aller Schulen des Königreiches, des Direttors des Warschauer Gymnasiums, der Mitglieder des Examinations -Comite's, des Warschauer Rabbinen und vieler ansehnlicher israelitischen Gemeindegliederstatt. Die Prüfung erstreckte sich über Religion, Talmud, Exegese, hebräische, russische, polnische, deutsche Sprache, Mathematik, Zoologie, Botanik, Mineralogie, Physik, Chemie, Geschichte und Geographie. Nach Beendigung des Examens erfolgte durch den Oberinspektor die übliche Preisvertheilung von Prämien und Belobigungsschreiben an ausgezeichnete Schüler, so wie die Aushändigung der Testimonia an die Abgehenden. Nach diesem Acte begab man sich in den Betsaal der Schule, die Feier durch einen Gottesdienst und Gebete für den Monarchen und die höchsten Landesbehörden zu beschließen. — Wir müssen gestehen, daß wir erschrocken sind vorder ungeheuren Masse von Gelehrsamkeit, die bei diesem Examen entwickelt worden ist. Nicht weniger als fünfzehn Gegenstände der Wissenschaft sind der Prüfung unterstellt worden, und dabei Diseiplinen, wovon eine recht gut hinreicht, das Leben eines Mannes zu beschäftigen. Dies ist mehr als ein Schüler leisten kann, itnb wenn man auch nur von ihm verlangt, daß er blos einen gewissen Schematismus auswendig kennen foll>- das ist die Aufgabe eines' wunderbaren Genies, das das Werk eines Polyhistors. Wozu dieses Allerlei? Um die Schülerfür ihren künftigen Beruf zu befähigen? Um sie dahin zu bringen, sich in der Wissenschaft einst selbst zurecht zu finden? Oder glaubt man wirklich, dies Alles ihnen lehren zu können? Wie viele Lehrer mögen dabei bethätigt sein?! Oder wird hiefes encyklopädische Wissen auch nur aus einigen encyktopädischen Köpfen. herausgeboren? Doch wir enthalten uns alles weitern Urtheils, um gegen eine Anstalt nicht ungerecht zu werden, die. wir naher kennen müßten, um über ihren Werth und ihr Wicken richtig zu urtheilen, die obigen Fragen jedoch drängt uns der erste Ueberblick der Angelegenheit, auf. Eine andere Nachricht desselben Blattes, in Nr. 219' verdient um deswillen weitere Verbreitung, weil sie zuden manchfachen Beispielen, die den Vorwurf' der Feigheit und der Selbstsucht von dem israelitischen Charakter abwälzen, ein neues hinzufügt. Am 8. Juli Nachmittags 4 Uhr nämlich stürzte die zwölfjährige Tochter eines hohen christlichen Beamten Warschaus in einen öffentlichen Brunnen, , als auch ein Israelit auf den dadurch/ entstandenen Lärm herbeieilte. Er, mit Namen Krösler, bedachte sich nicht lange, und ohne — wie die öffentliche Danksagung des gerührten Vaters aussprichd — darauf Rücksicht zu nehmen, daß es grade der von feiner Religion streng eingestharfte Ruhetag (Sabbat) war, ohne zu bedenken, daß er selbst Gatt§ und Vater mehrerer kleinen Kinder ist, ohne sich erst zu erkundigen, wem das Unglück begegnet sei, oder ob er einen Lohn