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Der Orient · 1840-10-24 · Heft 43 (24.10.1840) · p. 331

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 43 (24.10.1840)
Article
Algier: Jüdische Zustände daselbst ...
Date
1840-10-24
Page
331 (sequence 2)
Language
German
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331 umzustoßen, die für die Einsicht dieser Leute durch einen religiösen Fanatismus ohne alle Vernunft und durch eine Erziehung, welche die entsetzlichste, stupideste Tradition bewirkt hat, ganz ungenießbar geworden ist. Mit Ausnahme einiger unterrichteten Leute, lebt der größte Theil der Juden dieses Landes^in den Tag hinein, ohne sich weiter um die Folgen ihrer Handlungen zu bekümmern, und wenn auch ihre Einsicht von andern entwickelt worden ist, so sind sie deshalb doch unter obigen Verhältnissen nicht einen Schritt weiter gekommen; höchstens hat ihre Intelligenz auf ihren Handel vortheilhaften Einfluß und darauf, wo das Geld die Hauptrolle spielt. Sie erscheinen als treue Beobachter des Sabbats und ihrer Feste, die zahlreich sind, und welche in Betstunden, Besuchen, Au'fwandmachen und Schmausereien gebenbestehen: alles Quellen eines gewaltigen und unnützen Aufwandes, von dem selbst die Unglücklichsten durch das auffallendste Elend sich nicht entbunden glauben. So ist auch der heilige Bund vor diesen Feiertagen ein Punkt, wo ihre Ehre oder vielmehr der Dünkels der diese Leute beherrscht, sich verletzt fühlte, wenn sie ihm außerhalb der Kreise, die diese kläglichen Freudenbezeugungen zusammenführen, zubringen mußten, und man sieht Juden und Jüdinnen (denn die Weiber erscheinen vorzüglich mit der Sorge darum belästigt) die Zugänge zu den Laden, in denen ihre. Glaubensgenossen sitzen und auf Pfänder leihen, vollkommen belagern, um die Kostbarkeiten und andern Effecten wieder in ihre Hände zu legen, die das Elend trotz aller Noth zwischen zwei sich folgende Festen noch gerettet hat. Dieses abschreckende Gemälde dargebrachter Opfer für ein vergängliches' Vergnügen erinnert an das traurige Schauspiel, das Paris alljährig am Weihnachtsfeste, dem Carneval und am Osterfeste darbietet. An diesen Epochen des allgemeinen Volksruins rennen die Handwerker haufenweis in die Leihhäuser, um die zu ihrem persönlichen Unterhalte, zum Nutzen ihrer Wirthfchaft aller unentbehrlichsten Dinge dort zu verschleudern für einige Pretiosen, die die Noth dort aufgehäuft hat und um einige vergängliche Freuden zu genießen, geben sie, bei Gott! ihre Familie lieber eine ganze Woche lang dem Hunger Preis; denn es erfordert Zeit, Arbeit und sauren Schweiß, um die Störung des Hauswesens wieder unfühlbar zw machen, die durch solche Gelegenheiten herbeigesührt worden ist. Alle diese Uebelstande finden sich nun auch bei den geschilderten Juden; gleichwohl hat noch ein Unterschied hinsichtlich des Genusses statt. Der französische Handwerksmann nämlich opfert seinem Vergnügen auswärts seine ganze häusliche Wohlfahrt, während der Jude im Gegentheil sich auf die Familie zurück zieht. Dies geschieht aber freilich nur während der Festtage, die zur Zeit noch als Familienfeiertage glanzen. Es sind das momentane Gelegenheiten, wo Kinder ihren Eltern, junge Leute dem Alter einmal ihren Respekt beweisenund werden mit großer Etiquette beobachtet; dennoch aber erscheinen diese Familienfeste, obwohl sie alten Herkommens und lobenswerth sind, bereitszerstört und schwinden ganz aus dem häuslichen Kreise oder erscheinen nur durch den aller kältesten Egoismus, durch die ungeziemendste Berechnung wieder angelegt. Man glaubt nicht, wie viel Berechnung unter den Juden herrscht, wie sehr das Mein und Dein bei einem durch die innigste Blutsverwandschaft und Freundschaft verbundenen Volke auseinander gehalten wird. Die Vorwürfe, die sie sich in ihren Streitigkeiten über ihr gegenseitiges Interesse machew, hören gar nicht auf, sind bitter, wahre Zankereien, und gehen tri' ärgerliche Scenen über, die schamlos ganz öffentlich verhandelt werden. Es erfolgen hier von der' Oeffentlichkeit Vorwürfe und Gegenbeschuldigungen, und wer die geheicksten Familienangelegenheiten erfahren will, darf nur einem solchen Akte sich nähren und er wird in Mitten des Geschreies und der lebhaften Gestikulationenziemlich erbärmliche Geheimnisse erfahren, aber von' keinem' Theile sagen können, daß er besser wäre als der Andere. Diese' abscheulichen Scenen, oft zwischen Vater und Sohn, Mann und Frau, Bruder und Schwester, Geschäftsmann und dem mit ihm Betheiligten, geschehen unter den Augen zahlreicher Gaffer. Wir bemerken, daß man kaum eine halbe Stunde durch die Straßen zu gehen nöthig hat, um wenigstens auf ein halbes Dutzend derartiger Zankereien zu stoßen, die alle von denen ausgehen, die wir hier zu schildern bemüht sind. (Forts, folgt.) Lomöo-N, 4. Octbr. Die Morm'ng Chronikte vom 24. Sptbr. bringt uns Nachrichten über Montesiore und Cremieux, die aus-einem Privatbrufe genommen, uns allerdings schon bekannt, aber um deswillen interessant sind, weil sie die Bestätigung dessen enthalten, was wir schon wissen. Es heißt: Mein Herr Redacteur! Es ist von Sir M. Montesiore ein Schreiben, dat. Alexandrien d. 29. Aug. an. einenseiner Freunde eingegangen, worin derselbe berichtet, „daß er am 28. sich abermals zu Sr. Hoheit, dem Pascha, von dem er bis dahin keine Antwort bekommen, begab und zwar in Begleitung der DD. Löwe und Madden, und des Herrn Wire, um eine Resolution auf seine Bitten zu erhalten, nämlich um 1) einen Ferman für eine Reise-nach Damaskus, mit der Autorisation, sich über alle auf die Beschuldigung und Einziehung der Juden in jener Stadt bezüglichen Umstande Aufklärung-verschaffen zu können; 2) freies Geleit für alle in-dieser Angelegenheit aufzuführende Zeugen- und unbedingte Freilassung aller noch Jnhaftirten; 43 *

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