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Der Orient · 1840-10-10 · Heft 41 (10.10.1840) · p. 320

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 41 (10.10.1840)
Article
Ueber die jüdischen Gemeinden in Danzig
Date
1840-10-10
Page
320 (sequence 2)
Language
German
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320 llches Oberhaupt anerkennen, der in der Synagoge ber Mit: schottländischen Gemeinde, jalö der vornehmsten unter ihnen, seinen ausschließlichen Sitz hat. Von den Familien, welche diese Gemeinden bilden, herrscht bei einig en Reicht hum, bei mehreren Wohlhabenheihraber beinahe die Mehrzahl lebt kümmerlich und fast im Elend, auf täglichen Erwerb oder kärgliches Almosen angewiesen. Dabei kann Bildung und Gelehrsamkeit, ja selbst Frömmigkeit nicht wahrhaft gedeihen. Und in der Lhat, rein talmudische Bildung findet sich nur noch bei einigen alten Leuten, welche diese Studien nach ihrer Art gemacht haben; grammatikalische Kenntniß der hebräischen Sprache möchte kaum bei sehr wenigen vorhanden sein, und um die neuere schöne Literatur bekümmert sich Keiner, kaum daß es Einige geben möchte, die sich daran zu erfreuen im Stande wären, wenn sie eine Arbeit der Art zufällig zu Gesichte bekämen. Allgemeine wissenschaftlichc Bildung ist man nur bei den beiden jüdischen Aerzten Hieselbst vorauszusetzen berechtigt; denn die Kenntniß von einer oder zweien außerdeutschen Sprachen, weniger aus literarischem Bedürfniß, als zu Reise- und .Handelszweckcn erlangt, begründet heutzutage nicht mehr den Anspruch auf Bildung, und ein oberflächliches Geplauder über > Malerei, und Musik bekundet weder Kunstkennerschaft noch Kunststudien; wenn gleich einzelnen Individuen natürlicher Schönheitssinn nicht abgehen mag. Nichts desto weniger hat man fast allgemein das Unbequeme und Lästige des jüdischen Cermonialgesetzes zu fühlen angefangen; Eltern, deren Kinder christliche Schulen besuchen, haben den Mangel eines ordentlichen Religionsunterrichtes öfters bedauert, und der bessere kleinere Theil endlich hat das Unerquickliche des immer weniger verständlichen Gottesdienstes auf das ernstlichste beklagt. Daher auch hier das Bedürfniß und Geschrei nach Reform; daher findet man auch hier zwei Blätter, die Judenzeitung und den Orient. — In wiefern Hr.Dr. Bra m, der sich zum Reformator Danzigs berufen glaubte, dieser Mission gewachsen ist, kann ich nicht nach allen Richtungen hin beurtheilen; über seine Kenntnisse und namentlich sein pädagogisches Latent muß ich schweigen, mir .steht nur über seinen Charakter und seine allgemeine Bildung eine sehr individuelle Meinung zu. Jedenfalls ist sein Eifer für die Errichtung und die Erhaltung der jüdischen Freischule ein höchst lobenswerther und erfreulicher, der, wie ich bestimmt hoffe, segensreiche Früchte tragen wird; und zum Lheil hat er schon dahin gewirkt, daß sich ein Verein zur Bekleidung der Freischüler gebilder hat, während für eine große Anzahl jüdischer Waisenmädchen, schon seit mehreren Jahren, von den hiesigen Frauen auf eine freigiebigere Weise gesorgt ist. Die Idee einer jüdischen Gemeindeschule bewies ihre Unzeitigkeit und ihre Unhaltbarkeit für unsere Stadt durch das Eingehen der Schule nach Verlaus eines Jahres. Und was sagen die Rabbmen zu all dem? Sie lassen rs gehen wie Gott will, der Eine aus Indolenz und gänzlicher Abhängigkeit von einigen Gemeindemitgliedern; der Andere, dem es nicht an Fähigkeiten, und vielleicht auch nicht an gutem Willen , fehlt, weil er gleich beim Antritte seines Amtes in eine durchaus schiefe und zweideutige Stellung, namentlich zu seiner, von Parteien zerrissenen Hauptgemeinde hineingezwängt worden ist. Läßt sich unter diesen Verhältnissen eine wirkliche Besserung erwarten? Ich bezweifle es im Allgemeinen. — Es ist gewiß ein großer, Schritt dadurch geschehen, daß für den Unterricht der ärmsten Kinder zweckmäßig gesorgt ist; aber wie sieht es mit den vom Glücke minder vernachlässigten aus? Und was kann für die Erwachsenen geschehen? Eine Verbesserung des Gottesdienstes-läßt unter diesen Umständen sich auch nicht erwarten, wie ich mir eine solche, von einer gewissen Restauration des ganzen äußern Glaubensgebäudes gesondert, überhaupt nicht denken kann. Es ist durchaus nichts wesentlich gebessert, ob auch eine oder die andere störende Nebensache abgeschafft oder geändert ist; und. wirkliche, nöthige und zweckmäßige Veränderungen scheinen so viele positive Glaubensregeln zu berühren, daß eine Erschütterung derselben für einen einzelnen Mann oder auch eine einzelne Gemeinde gar zu kühn wäre. Ob es dabei gerade nöthig ist, daß alle unwissenschaftlichen Rabbincn abgeschafft werden müssen, damit man an einzelnen Sonnabenden hin und wieder nüchterne Homilien oder kindische Erklärungen der Festtage im monotonem Gekrächze anhöre, statt von rauher Lippe manch kräftig erhebendes Wort, manchen geistreichen Gedanken, manch schönes Bild zu vernehmen? Das ist eine andere Frage. Jedenfalls muß der Mann, der von der Kanzel herab erregen und im Glauben erkrästigen und im Leben belehren und durch sein Beispiel ermuntern soll, bei seinen Glaubensgenossen durch seinen Charakter und seine wahrhafte Religiosität sich die allgemeinste Liebe und Achtung erworben haben. Von Außen her also müssen wir unser Heil erwarten, und ich bin überzeugt, daß es in unsrer Stadt Gemeinden giebt, die einem allgemeiner» kräftigen Impulse völlig folgen dürften. Es giebt Gott Lob schon Männer von Gewicht' auch in unserm Vaterlcmde, die den Beruf dokumentirt haben, auf wissenschaftlicher Basis mit wahrer Religiösitat die Religion ihrer Väter von all den Schlacken , welche eine Reihe von trüben Jahrhunderten ihr angeklebt, unter Gottes Beistände zu reinigen und zu säubern, den reinen Geist des ächten mosaischen Jndenthums aus der Rächt eines formstarren Mysticismus ans reinste Licht lebendigen Glaubens hervorzuziehen und Israel seiner ursprünglichen göttlichen Bestimmung wiederzugebcn. Danzig, 1840. D-^-n. Personalchronik und Miseellen. In der Warschauer Synagoge in Leipzig während der Messe haben die gebildeten Versteher an Rosch ha^Schana für die geschichtlich - unvergeßlichen Reisenden im Oriente in der Damaskus-Angelegenheit, namentlich für Moses Montefiore und Cremieux, ein Gebet verichtet und für ihr Wohl an die Armen gespendet. Solche erhebende Beispiele geben das schönste Zeugniß ab, wie wach das Gefühl für gemeinsames jüdisches Interesse sei. — * * * Von der Bibelübersetzung ins Ungarische des Herrn Moritz Bloch (in der vorigen Nummer steht druckfehlerhaft Klein für Bloch) sind bereits zwei Bände der Lora im Druck erschienen. Hr. Bloch hat schon große Ehre durch seine nationale Arbeit eingearntet, indem der Graf Joseph Leleky an ihn schrieb, ob er wünsche, in die gelehrte Gesellschaft als Mitglied ausgenommen zu werden. Es ist ein bisher unerhörter Fall, daß die gelehrte Gesellschaft, deren Mitglieder Grafen und Fürsten sind und deren Präses der Palatin selber ist, einen Juden als Mitglied aufnehmen wollen. —- A hron CH orin's Büchlein I eled Sekunim ist in die Bibliothek der genannten gelehrten Gesellschaft ausgenommen worden. 7— ■- Verlag von C. 8. Fritzfche. Druck von Z. H. Na g es.

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