Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1840)
- Article
- Berlin: die Verirrungen der christlich-deutschen Gelehrsamkeit
- Date
- 1840-10-03
- Page
- 308 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360134-2363723--0964-2363760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 308 - Organ, daß seine Spalten solchem Leumund öffnet, und den Ernst der Wissenschaft entweiht, um das Hep-Hep- Geschrei eines pöbelhaften Gesindels mit anzustimmen. ^Königsberg in P„ 13. Sept. Das Herz der Könige und der Regenten ist in der Hand Gottes, nach einem göttlichen geheimnißvollen Witten wird es geleitet zum Heil oder .zur Geißel der Völker; aber kein Volk der Erde hat in seiner geschichtlichen Existenz darin die göttliche Vorsehung so tiefinniglich empfunden, als das jüdische, das winzige und zerstreute, gezerrte und 1 tausendfach mißhandelte Volk der Völker. Mit welchen trauernden Gefühlen wir die düstere Todeskunde unseres so innig geliebten Königs Friedrich Wilhelm IlL empfunden, welche Besorgnisse bei dem erfolgten Thronwechsel in unserm Herzen Raum gewonnen, das werden diejenigen wohl begreifen, welche die Bedeutsamkeit eines solchen Abschnittes in der Geschichte Preußens empfinden, welche wie wir in banger Scheu und Ungewißheit nicht wußten, wie Gott unsers Königs Herz lenken wird, und welche wie die Juden gerade eine Abneigung bei dem Regenten zu finden vermutheten. Die Vorsehung, welche über Könige und Völker wacht, hat es jedoch viel besser geleitet. Kaum waren die Trauertöne um den edlen Hingeschiedenen verklungen, als der liebeerzeugende Ruf durch alle preußische Provinzen erscholl, daß unser König Friedrich Wilhelm IV. mit wahrer Herrscher-Weisheit das Friedenswerk seines in Gott entschlafenen Vaters mit edler Kraft und herzgewinnendem Freimuthe fortsetzen wird, daß er, tief durchdrungen von der geschichtlichen Bestimmung unseres Staates, mit kräftiger Hand an Emporhebung unseres deutschen Vaterlandes arbeiten wird. Auch zu uns erscholl dieser begeisterte Freudenruf. Friedrich Wilhelm IV. stellte sich auf den hohen, einzig wahren Standpunkt eines weisen Regenten, wo die Unterschiede der Bekenntnisse und der .Stande der geschichtlichen Bestimmung gegenüber ganz verschwinden, auch wir Juden empfanden bald die Wohlthat dieses höhern Gesichtspunkces, und die wahrhaft königlichen Worte zu der jüdischen Deputation in Berlin haben sich tief in unsre Erinnerung geprägt. Möge mir daher die Redaktion verzeihen, wenn ich über eine einzige Seite unsrer unvergeßlichen Freudenfeste der Erbhuldigung berichte, eine Seite nämlich, die vorzüglich der Mißachtung und der Verlaumdung ausgesetzt ist, und an deren Entstellung sich schon angeborene Antipathie sogar versucht. Die specieUe Beschreibung der Huldigungsceremonie, die in der größten Ausführlichkeit schon die preußische Staatszeitung gegeben, übergehend, theile ich hier die berühmten Worte des Königs, die er, auf dem Balkon, vortretend, mit lauter, volltönender Stimme an das Volk gerichtet, ganz so mit, wie ich sie selbst gehört, nicht aber wie böswillige Eorrespondenten mitzutheilen für gut befunden haben. Diese Worte, die auch die Juden zum Theil betreffen, und die nur s o gesprochen worden sind, lauten: „Und ich gelobe vor Gott: dem Allmächtigen, euch, meine Lieben, die ihr hier versammelt seid, und dem ganzen Volke, ein milder, gütiger und barmherziger König und gerechter Richter zu sein. Ich werde Recht und Gerechtigkeit handhaben, ohne Ansehen der Person,' den Guten ein wohlwollender König, den Frevlern aber ein Schrecken sein. Alle Stande und alle.Bekenntnisse haben von mir gleichen Schutz zu erwarten. . Der Zustand unseres Vaterlandes ist, wie ihn unsre Vorfahren seit Jahrhunderten erstrebt haben, und wie er sich in Europa nicht wiedersindet. Bei uns ist Einigkeit, bei uns umschließt ein gemeinsames Band der Liebe und Treue den Fürsten und das Volk. Auf dieser Einigkeit beruht unsre Wahrhaftigkeit, die andere Staaten zu erstreben vergebens sich bemüht haben. Ich werde mich bestreben, sie zu erhalten für unser Vaterland, für Deutschland, für die Welt. Möge Gott wir helfen, gleich meinem unvergeßlichen Vater das Wohl unseres theuern Vaterlandes auf jede Weise zu fördern und die Liebe meines Volkes mir zu erhalten. Ich bitte um den Fürstensegen. Und noch Eins : so wie im edelrr Erze der Metalle viele enthalten und diese doch alle zu einem einzigen Ganzen innig verbunden sind, so mögen die verschiedenen Stämme des weiten preußischen Reiches fest und innig verbunden sein, in unverbrüchlicher Liebe zum gemeinschaftlichen Vaterlande. Und die herzliche Einigkeit zwischen Fürst und Volk möge sein wie ein gelungener Guß aus edlen Metallen, unangreifbar von jedem andern Roste, als von dem verschönernden Roste des Jahrhunderts." — Die Begeisterung, welche diese königlichen Worte hervorgerufen, lassen, sich kaum in Worte fassen; wie ein Strom rauschten die Ergießungen des Dankes einher. Auch unsere Zukunft liegt in diesen königlichen Worten; diese Rede ist unsre unvergeßliche Magna Charta, die wir Juden unfern Nachkommen als heiliges Vermachtniß Hinterlasten werden. Eine Zaubergewalt ist in den Worten unseres Königs verschlossen, die uns die Blicke in die Zukunft erheitert. — Sie werden mir erlauben, hier einige Einzelheiten zu erwähnen, die sowohl den vaterländischen Sinn der preußischen Juden, als auch die Gerechtigkeitsliebe des Regenten trefflich bekunden. Der Huldigungstag war auch für Juden eine der schönsten Festseier, und sehr viele beeilten sich , an diesem hochwichtigen Tage durch irgend einen Akt der erfreulichsten Art zu weihen. Am feierlichsten weihete dieses Fest der als Wohlthater sehr bekannte Kaufmann Julius Schönlank. Sammtliche Knaben und Mädchen der hier blühenden jüdischen Freischule wurden von dem erwähnten Herrn Schönlank sammt den Lehrern zu einem Mittagsmale geladen, welches er auch wahrhaft festlich in seinem Hause emrichtete. Ein dreimaliges Lebehoch auf das Wohl des geliebten Herrscherpaares von den zahlreichen Kindern und anwesenden Freunden beschloß diese schöne gemüthliche Feierlichkeit.