Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1840)
- Article
- Lyon : Berichtigung von dorther [Nachricht]
- Date
- 1840-10-03
- Page
- 307 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360134--0961-2363759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 307 habe. Die.Errichtung einer Schule durch Hrn. Heymann's Bemühungen unter der Direction des Hrn. Worms wird ebenfalls erwähnt. Ohne die Verdienste des Hrn. Worms, heißt es, schmälern zu wollen (der zweite Reclamant nennt ihn einen Mann von Talent und Eifer) bemerken wir, daß er in einer Stadt wie Lyon, wo man eine Bevölkerung von mehr als 200 israelitischen Familien zahlt, wie verlassen erscheint, und daß seine Anstalt, eine Woche lang beobachtet, von nie wehr als circa 20 Schülern besucht wird. — Ueberdem wird in beiden Correspondenzen eines Hrn. Charleville als Predigers erwähnt, der von der Gemeinde geliebt und geachtet werde, und es klagt der zweite Reclamant, daß Hr. Heymann das Conststorium von Marseille nicht antreibe, den genannten Herrn als Rabbinen und Prediger zu bestellen. Deutschland. □ Berlin, im Sptbr. In der Zeitschrift für historische Theologie von Chr. Fr. Jllgen erschien im 3. Heft des Jahrganges 1837 ein weitläufiger Aussatz unter dem Titel: „Die wichtigsten Thatsachen zur Geschichte der Juden zu Regensburg," von Hrn. v. Train. Derselbe litt an einer unendlichen Breite, war aber nach Aktenstücken und Documenten bearbeitet. Daß diese nicht mit umsichtiger Kritik und vorurtheilsfreiem Sinne behandelt wurden, können wir, die wir von der Unschuld unserer Voreltern, von der Wahrheit und Reinheit unseres Glaubens zur Genüge überzeugt sind, von vorn herein behaupten. Die albernste und unglückseligste Erdichtung von dem-Gebrauche des Menschenblutes am Ostertage wird hier von Neuem als aus den Quellen sich ergebend wiederholt. Die Thatsache mag immerhin aus dem eigenen Geständniß der Juden constatiren, der Geschichtsforscher darf dennoch nicht vergessen, daß die Schmerzen , die Angst und die Qual der toctirten und gemarterten Juden nicht zu den Akten geheftet wurden, und daß der christliche Richter in gleicher Lage dasselbe Gestandniß von seinem Glauben wachen würde; er darf, wenn er gewissenhaft verfährt, die Sache nicht als historisch begründet darstellen. Die Hexenprozesse im Mittelalter dürften ihm die beste Analogie für ein Kriterium bieten; wie oft wurden nicht alte histerische Weiber in Prozession unter Anführung wohlgenährter, psalm ensmgender Mönche, begleitet von einer sich kreuzenden Menge, nach dem Scheiterhaufen geschleppt, die nach ihrem eigenen Geständniß Thaten vollführten, Thaten,. die den lieben Herrgott nicht wenig in die Enge trieben.; so daß, wenn der^ hochweise Mönchsorden sich nicht ins Mittel gelegt und diese Creaturen mit dem Flammentode vom Leben zum Tode geschafft hätte, der liebe Gott genöthigt gewesen wäre," sein .Amt und seine Regierung ohne Weiteres niederzulegen und sich m den Ruhestand zu begeben. Wahrlich, die Geständnisse solcher Thatsachen würden selbst die Herren Kerner und Eschen me ier nicht glauben, und doch sind sie aä ueta genommen; die Tortur kann unendlich mehr als ein reiner Geister - und Gespensterglaube, und als ein Kind eines fanatischen Aberglaubens, vermehrt sie durch ihre Resultate nur die Gewalt dessen, der sich ihrer bedient. Sie wird immer das zur Wirklichkeit Herausstellenwas früher nur in der Idee spuckte. Ein Geschichtsforscher, welcher die durch sie ermittelten und constatirten Thatsachen aufnehmen wollte, dürste bald zu einem Legendenschreiber heruntersinken. Ein jeder unparteiische Leser, glaubten wir darum, würde selbst einsehen, was er vom der erwähnten Abhandlung zu halten habe, und wir hielten es damals nicht für nothwendig, dem Wunsche .der Redaktion einer geachteten deutschen Zeitschrift nachzukommen, den ganzen Jahrgang 1837 der Jllgen'schen Zeitschrift zu beurtheilen, um unsere Meinung und Entgegnung über die diessallige Arbeit öffentlich aussprechen zu können. Zu unserer großen Entrüstung lasen wir daher in einer Recension der Jllgen'schen Zeitschrift in „der Haitischen allgemeinen Literatur-Zeitung 1840" Nr. 116 folgende Worte: „Möchte dieser Aufsatz auch in unfern Tagen von denjenigen Juden gelesen werden, welche mit einer wahren Berserkerwuth bei den bekannten Vorfällen in Damaskus selbst die Möglichkeit einer auf den Juden lastenden Schuld wegstreiten wollen." Wir glauben den Unterzeichneten Hrn. Dl. zu kennen, und wissen recht wohl, daß ihm bis zur Ueberzeugung dargethan ist, es sei an dieser Beschuldigung, der die Christen in den ersten Jahrhunderten selbst unterlagen, kein Titelchen Wahres. Wir möchten ihn nicht einer solchen Verstocktheit des Herzens beschuldigen, daß er selbst in der That glaubte, die Religion der Juden habe zu irgend einer Zeit solches Menschenopfer geboten, und in ihr haben dennoch so viele edle und gebildete Männer mit Begeisterung gelebt und - leben, noch. Er müßte selbst gleicher That fähig sein, wenn er von Männern, die m Bildung ihm gewiß nicht nachstehen und Juden sind, im Ernst denken könnte, sie würden einen Glauben, der Menschenblut erheischt, nicht unbedingt aufgeben. Aus Achtung gegen die Menschheit möchten wir ihm einen solchen Wahn und eine solche Verirrung nicht beimessen, und,wir vermuthm vielmehr, daß er in einer momentanen Verdummung sich habe Hinreißen lassen, und daß sein besseres Selbst und seine Bildung noch nicht ganz die Vorurtheile, die eine schlechte, verwahrloste Erziehung und beschränkte Eltern oder Erzieher ihm vielleicht beigebracht, besiegt haben-. Allein auch dafür,'daß ihm die Unschuld - und die Wahrheit nicht den Sieg über , seine Vorurtheile haben bestehen und erringen Helfen,, dafür, daß er sich durch schlechte Arbeiten hat . bestechen lassen, verdient er öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Die Verachtung eines jeden Gebildeten aber verdient gewiß in jeder- Beziehung. ein 40*