Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1840)
- Article
- Hannover: fortschreitende Entwickelung der Juden
- Date
- 1840-09-26
- Page
- 301 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360133-2363658--0937-2363691- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
301 Zwecke derselben durch Wort und That zu begeistern weiß, und keine Gelegenheit unbenutzt verstreichen läßt, um durch sittlich-religiöse Ausbildung den moralischen Fond der Gemeinde zu heben. So hielt er z. B. verflossenen Winter zweimal wöchentlich Vorlesungen über ausgewählte Abschnitte der heiligen Schrift vor einem zahlreichen Auditorium Erwachsener. So erbaut er noch jetzt jeden Sabbat eine große Zahl seiner Verehrer durch religiöse Vorträge. Dafür hat er sich aber auch bereits unentbehrlich gemacht und hat trotz seiner Anspruchlosigkeit es dahin gebracht, daß man ihm neulich als Beweis der Dankbarkeit der Gemeinde ein kostbares Ehrengeschenk überreichte. Ihm würdig zur Seite steht der Landrabbine, Dr. Adler, dessen Wirksamkeit zu Folge seiner Stellung sich nicht allein auf hiesige Gemeinde beschränkt, sondern^ auch über das Land ausdehnt. Erhalt es für seine Schuldigkeit, wenigstens aller vier Wochen mit einer Predigt in der Synagoge hervorzutreten, während man so oft andern Orts die Rabbiner sich höchlichst sträuben sieht, diesen schönsten Theil ihres erhabenen Berufs zu erfüllen. Leider fehlt freilich Manchem dazu das Geschick und die gelehrte Bildung; dies dürfte hier zu Lande aber in einer größern Stadt wenigstens wohl kaum mehr Vorkommen, denn überall hin sind gediegene, philosophisch gebildete Männer verstreut, die in freien, deutschen Vorträgen das Volk zu belehren und zu erbauen wissen. — Das ist die freundliche Seite unsrer Lage, und sie ist im Stande über vieles zu beruhigen, was uns sonst zu Herzen geht. Dessen, 14. Sept. Eine Annonce in Nr. 37 der allgemeinen Zeitung des Zudenthums, ausgegangen von der Direction des Hamburger-Leipziger Tempelvereins zu Leipzig, hat hier einen Übeln Eindruck gemacht. Man machte nämlich bekannt, daß diejenigen Israeliten, die zur Zeit der künftigen Michaelis-Messe an den einfallenden Festen ihre Andacht in der erwähnten geweihten Stätte halten wollten, sich vorher melden sollten, widrigenfalls sie nicht berücksichtigt und keinen Platz im Heiligthume erhalten könnten. Man entschuldigt zwar die Maßregel mit der Beengung rücksichtlich des Lokals; aber dem ohnerachtet berührt es unangenehm, die Stätte der Gottesverehrung zu einem Lokale gemacht zu sehen, wo nur Abonnenten eintreten dürfen. Wird denn übrigens das Lokal dadurch weiter und geräumiger, daß man sich vorher anmeldet, oder ließe sich nicht auch denken, da nun die Direction einmal fürchtet, der zum Tempel geweihte Ort werde nicht alle beherbergen, daß sich so viele meldeten, daß das Unterbringen auch unmöglich würde. Der Tempel ist ja zu dem ein Haus, wo jeder so viel Scheu haben wird, um nicht mit roher Gewalt einzudringen, wenn er denselben überfüllt finden sollte. Uns erscheint aber eine solche Absonderung nicht allein gegen den Geist einer religiösen' Gemeinschaft, sondern auch unpolitisch, wenn sich nämlich nur einiger Maßen annehmen ließe, daß die Direction des Tempelvereins daneben auch die Absicht hegte, andere, zur Zeit noch dieser Form Abgeneigte, dafür zu gewinnen. Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte 'der Gegenwart. Erfolgte Schritte zu Gunsten der in Damaskus Verfolgten. (Fortsetzung.) Die jüdische Religion angehend: ihre Lehre verabscheut das Blut: sie hat keine Geheim-Vorschriften. Wenn etwas der Art existirte, so stritte es mit dem geoffenbarten Gesetz. Diese Anklage gegen die jüdische Religion ist erst im Mittelalter entstanden, zu einer Zeit als alle Arten von Erpressungen und Grauclthaten gegen die Juden von Seiten der Christen geübt wurden. In den ersten Zeiten des Christenthums findet man keine Spur davon; und wenn wirklich das jüdische Gesetz solche Ausrottungen beföhle, warum erblicken wir zwölf Jahrhunderte lang kein solches Attentat gegen die Christen? Warum bemerken wir gegentheils, daß die Christen es sind, die sich bis zum 12. Jahrhunderte verpflichtet fühlen, sich wegen dergleichen von Heiden und Juden ihnen aufgebürdeten Beschuldigungen zuvertheidigen? Die Anklage der Lehre ist eine schändliche Anklage, eine grobe Verleumdung. Glücklicher Weise ist die Verleumdung zu einer Zeit erfolgt, wo der Schrei bis zu den Ohren ihrer Brüder auf europäischer Erde hat dringen können. Sie haben sich bei der Erzählung der Martern, der Verläumdüngen moralisch verletzt gefühlt, sie haben sich erhoben, wie ein Mann. Die Familie Rothschild ist mit ihrem Beispiele vorangegangen. Noch einige Worte zum Beweise von der Abgeschmacktheit der Anklage. Ihr behauptet, der jüdische Glaube befähle Menschenopfer; aber dann meint ihr, daß dieselben auf dem ganzen Erdbälle zu einer bestimmten Zeit, nämlich zur Zeit des Osterfestes erfolgten. Woher kommt es, daß in Ländern, wo die Polizei gut organisier ist, wo man so viel Eifer an den Tag legt, Verbrechen zu entdecken und die schuldigen zu bestrafen, kein Lärm wegen solcher Uebelthaten entsteht? das jüdische Gesetz ordnet dergleichen Verbrechen nicht an. Ihr sagt, cs verlange Menschenblut! — Ich anworte euch, ohne Zweifel kennt ihr einige Juden von ehrenwerthen Charak, ter. Sie füllen alle Gewerbe aus, bilden sich unter euch in allen freien Künsten empor. Sie würden einer Religion entsagen, die den Mord, den Meuchelmord verlangte, wenn ihr nicht bezeugen könntet, daß sie eine sehr rechtschaffene Stellung einnehmen. Und doch sehet ihr sie täglich, den Cultus ihrer Väter treu üben? Die Liebe zu ihrer Religion kennt keine Schranken! Warum? Weil ihre Religion des Blutes ist! - Hegt ihr noch einen Zweifel? Herr Fould hat auf der Rednerbühne Worte vollkommner Ueberzeugung gesprochen. Herr Cremieux hat der Presse seinen heiligen Zorn und seinen kräftigen Unwillen übergeben. Zu London ist Herr Moses Monte-