Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1840)
- Article
- Mitau: neue Kolonien in Südrußland
- Date
- 1840-09-12
- Page
- 286 (sequence 2)
- Language
- German
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286 wird, da schon jetzt viele Familien darum nachgesucht haben, daß man ihnen die Erlaubmß zu einer Colonie auf ihre eigenen Kosten geben möchte. Zugleich geschieht dadurch eine Wohlthat auch unserer Provinz, in der die Zahl der Juden, die 1827 noch 4965 betrug, seildem sich so vergrößert hat, daß 1835 nach ofsiciellen Angaben ihrer schon 22,531 waren. L. A. I. Licht- und Schsttenvilver aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Erfolgte Schritte zu Gunsten der in Damaskus Verfolgten. (Fortsetzung.) Doch hiermit schloß der genannte Comitee seine thatige Wirksamkeit noch keineswegs. Er breitete vielmehr jetzt seine Arme erst recht nach Außen hin, um zum Beitritte zu dem edlen Werke aufzurufen. So namentlich sandte er nach Altona, Amsterdam und Hamburg, dort Lheilnahme zu erwecken, die er auch in reichem Maaße fand. Der altonaer Gemeindcvorstand bewilligte eine namhafte Summe zur Unterstützung des fraglichen Zwecks und in Hamburg erzielte eine am 5. Juli gehaltene Versammlung die günstigsten Resultate. Die Versammlung kam darin überein, sich 'allen gesetzmäßigen Bestrebungen des Londoner Comitees anzuschließen, demselben seinen wärmsten Dank für die bisher übernommnen Mühen und gemachten Mittheilungen abzustatten; dem Sir Moses Montefiorc für seine Aufopferung nicht minder warm zu danken; dem Central-Consistorium zu Paris seiner Anstrengungen willen die gebührende Ehre zu erweisen; allen Nichtisraeliten, die für die Sache sich lebhaft interessi'rt, öffentlich zu danken, sofort eine Subscription zu eröffnen und deren Betrag an Hrn. Lionel von Rothschild zur Verfügung zu stellen (in Kürze wurden auch wirklich über 28,000 Mark Hamburger Courant unterzeichnet) und endlich zur Vermeidung jeder falschen Deutung dieser Sache die größte Oeffenrlichkeit zu geben. Jetzt, wo man sah, daß es Ernst wurde mit dem Einschreiten gegen die orientalische Grausamkeit, wo jeder Menschlichfühlende die Behandlung der Juden zu Damaskus für eine Grausamkeit erklärte, wo es sogar zum guten Tone, zur Geschichte des Tages gehörte sich für die Sache zu interesst'ren, jetzt, wo Montefiore bereits mit Cremieux zu Paris angekommen war (im letzten Drittel des Juni), um alles zur Reise zu ordnen, jetzt glaubte die Aristokratie noch einmal eine Rechtfertigung, gleichsam als Antwort auf die Beschuldigungen von Seiten Englands geben zu müssen, sie brachte das Ereigniß in der Pairökammer zur Sprache; aber freilich nur,'um auch fortan ihre vornehm behauptete Kalte in dieser Sache vor der Welt zu verteidigen. Und der Conseilspräsident erlaubte sich als Erklärung hinzuzufügen, daß er bis jetzt das Betragen des französischen Consuls keinesweges tadeln könnte, denn wenn derselbe die Aufspürung des Mörders verlangt, hatte er nichts gethan, als was seines Amtes sei, daß die Gerichtssormen des Orients leider! nicht die französischen wärm, sei zu beklagen, der Consul hatte natürlich aber dieser Procedur sich fügen muffen, und wenn es selbst gegründet sein sollte, daß derselbe die Folter unterstützt habe, so frage er hiermit an, ob derselbe sich dadurch zum Teilnehmer der Grausamkeiten gemacht habe. Diese Argumentationen aber war dem Volke zu fein, es handelte nach seiner derben Weise und ließ, statt der kalten Berechnung, das Herz vvrwalten. Cremieux, der eine Subscription eröffnet hatte, mußte zum Lohne seiner Bemühungen und zur Freude seines Herzens erleben, daß durch die veranstaltete Collekte zahlreiche Unterstützungsbeiträge zusammen kamen. Den Sophismen des Ministerpräsidenten aber antwortete ein Artikel des Journal des Debats, dem die vorgcbrachten Erklärungen des Herrn Thiers nicht füglich Stich halten mochten. Wie? — fragt das Blatt— man hat die unglücklichen Juden in ihren Wohnungen verhaftet, sie ihren Familien entrissen und zu den schrecklichsten Qualen vcrurtheilr. Einige sind diesen Martern erlegen, Andere haben sie zwar überstanden; aber als Krüppel. Solche Grausamkeiten fanden unter den Augen und unter Begünstigung des französischen Consuls statt. Frankreichs Bevollmächtigten ließ es geschehen, ohne gegen dieses haarsträubende Verfahren aufzutreten. Er hörte den Wehruf der Schlachtopfer und rief den Henkern nicht zu ,,Haltet ein!" durch seine Gegenwart hat er, als ofsicieller Beamter, diese Gräuel begünstigt, in Schutz genommen. Wir fragen jetzt, hat Frankreichs Consul auf diese Weise gethan, was seines Amtes war? Ist das die Stelle, die dem Vertreter eines Landes z'emt. das in der Civilisation, Toleranz und Humanität vorangeschritten ist? Man erklärt, der Consul Frankreichs sei mit der Untersuchung dieses kläglichen Vorfalls beauftragt gewesen und er habe sich nicht weigern können, die Urheber des an einem Katholiken verübten Mordes auszuforschen. Gut, wir tadeln Herrn Ratti-Menton auch keineswegs, weil er die Nachforschungen beantragt hat. Wir fragen nur, ob die Tortur zu den Mitteln gehört, die ein Repräsentant Frankreichs anwenden oder anordnen lassen konnte, um hinter die Wahrheit zu kommen. Wir fragen, ob der französische Consul nicht gefühlt hat, daß er sich gewissermaßen zum Theiln eh in er und zum Werkzeuge des Fanatismus, der Unwissenheit und der niedrigsten Leidenschaften hergegeben habe, denen der Mord des Pater Thomas zum Vorwände diente, um ein unschuldiges Volk, dessen religiöser Glaube am Ende doch Bibelglanbe ist, zu achten und zu berauben? Wir nehmen keinen Anstand, das Benehmen, des Herrn Natti-Menton äußerst zu radeln. Wir hätten gewünscht, in den Worten des Conftilspräsiventen einige Spuren dieses Gefühls zu entdecken, und bedauern, daß er in dem ganzen, fürchterlichen Vorfälle nichts weiter sieht, als eine armselige Frage der Etikette und eine Amtsehrensache. Einige großherzige Worte zu Gunsten der Vernunft, der Menschlichkeit und Duldung würden auf der französischen Tribüne besser geklungen haben als die unglaublichen Worte: „Jedes Land hat fline besondere Justiz; ote orientalische ist nicht die unsrlge." Die Lehrzeit dieser parlamentarischen Sprache steht in auffallendem und jämmerlichem Widerspruche mit den beredten Protestationen, die Lord Palmerfton und Sir R. Peel auf der englischen Rednerbühne zu Gunsten der verfolgten Juden in Damaskus ausgesprochen Hab ein " Aber nicht allein das feindselige Journal des Debats ließ sich also vernehmen, auch der Courr. franc. und Vertreter des jetzigen Ministeriums tadelte den Conseilspräsidenten sehr bitter, weil er nicht blos den französischen Bevollmächtigten, sondern auch die grausamen Zwangrrnttel der orientalischen Justiz vertheidigt habe.