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Der Orient · 1840-09-12 · Heft 37 (12.9.1840) · p. 283

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 37 (12.9.1840)
Article
Straßburg: Charakteristik der Juden im Elsaß
Date
1840-09-12
Page
283 (sequence 2)
Language
German
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283 wohnen aber fast in jedem Dorfe Juden- und dreist kann man behaupten, daß überall/ wo sie wohnen, die Christen auch Juden sind. Im Unterelsaß sind sie sehr geliebt; ' nur im Oberelsaß haßt man sie, und sie vergelten dies reichlich wieder. Denn unterwürfig ist der elsasser Jude gar nicht; erstens lebt er nicht in Städten, sondern in Dörfern und Wäldern, und zweitens ist er von dem Gefühle der Freiheit um so mehr durchdrungen, da er keine künstliche Bildungsstufe hat. Nur die Stlldtjuden sind, wie überall alle Stadthandelsleute, kriechend und schmeichelnd. Sonderbar! Gerade der Jude aber pflegt im Elsaß das Deutsche. Erkläre das wer wolle, ich habe immer dafür meinen Verstand zu kurz gefunden. Zuerst spricht der Jude schon besser Deutsch, wenigstens spricht er die Doppellaute richtig aus, wahrend der Elsässer aus dem ei i, aus dem eu ü und aus dem au u macht. Dann trifft man nur bei Juden Lessing und Schiller; ich kenne Jüdinnen im Elsaß, die das Bischen Bildung was sie haben, blos diesen Männern verdanken, die kein Wort Französisch verstehen und dennoch aus der Tiefe des Herzens Deutschland hassen. Auf solche Widersprüche stößt man im Elsaß jeden Tag. Ich hielt mich einmal acht Tage in Hatten, einem Dorf unweit Weißenburg, auf, wo ein deutscher Jude, der ein elsasser Mädchen verleitete, von den dortigen Juden so zerschlagen wurde, daß er vierzehn Tage darauf starb; kein Mensch bekümmerte sich darum, die Missethater anzuklagen. Ich warf dies dem Maire des Dorfes vor, und er erwiederte mir buchstäblich mit folgenden Worten: „Was wolle se mache? Es isch halt ä Dütscher!" Der Jude lebt gut mit dem Protestanten, weil sie beiderseitig etwas von der Bibel verstehen, die der protestantische Bauer kaum lesen kann, obschon er sie schön einbinden läßt; er lebt gut mit dem Katholiken, ^weil dieser ihn lieber hat als den Protestanten. Wie weit jedoch die Katholiken im Elsatz zurück sind, beweist der Umstand, daß ein Cantonsarzt Namens Lyon, der in Sulz sous Forets war und als Jude den Bersöhnungstag nicht hielt, nach einem andern Canton versetzt werden mußte, weil die Katholiken darum petitionirren und behaupteten, ihre kranken Seelen nicht einem Manne vertrauen zu können, der gar nichts von seiner Religion halte. Jndeß sind die Juden in Dörfern, wo lauter Katholiken wohnen, nicht sehr beliebt, denn nirgend ist der Fanatismus größer als im Elsaß, und nur die Regierung steht ihm im Wege. Deswegen sind auch die elsasser Juden durchaus Philippisten, die Katholiken sehr oft Karlisten, die Protestanten aber alle Republikaner und Deutschthümler. Deutschland täusche sich daher nicht über das Elsaß. Ich fürchte, Frankreich bietet ihnen stets mehr, denn was jenen Punkt betrifft, den Ihr Correspondent hervorhob, daß man sich über Humann's Accent lustig machte, so ist ec sehr unbedeutend. Der Charivari spottet schon seit einem Jahre über Soult's Aussprache, der doch ein geborener Franzose ist. Wer im Elsaß Talent und freilich die Kenntmß der französischen Sprache besitzt, der erhält auch eine Stelle, aber nicht im Elsaß selbst, sondern in Frankreich, weil man im Elsaß nur Franzosen anstellt. Immer aber bleibt das ^Elsaß deutsch. Daß wir nicht gelehrt sind, dafür danken wir Gott. Weder Kant noch Hegel haben uns Lust gemacht, wieder deutsch zu werden, ihre Schüler noch weniger; wenn das Elsaß aber je wieder deutsch wird, so hat Schiller allein es Racine, Corneille, Rousseau und Moliere entrissen. L. A. Z. Deutschland. Männchen, 20. Aug. Sie werden allerdings schon durch anderweitige Nachrichtrn von dem Ministerial-Rescript, dad. 22. Juli d. I. in Kenntniß gesetzt worden sein, welches verfügt: daß die Fortsetzung der von dem Rabbiner Dr. Löwi in Fürth eingerichteten kirchlichen Feier einer gemeinschaftlichen Großjährigkeitserklärung derjenigen, welche im Laufe des Jahres das hierzu vorgeschriebene Alter erlangen, nicht gebilligt werden könne. Dennoch aber muß auch ich einige Worte darüber niederschrciben. — Es könnte vielleicht auf den ersten Anblick scheinen, als sei das Rescript vorzüglich gegen den Ausdruck „Großjährigkeit" gerichtet und die fragliche Feier darum verboten worden, weil die mit dem zurückgelegten 13. Jahre erfolgende, sogenannte Großjährigkeitserklärung des jungen Israeliten, (die blos die feierliche Bestimmung des Zeitpunktes sein will, an welchem derselbe an den Rechten und Pflichten der Gemeinde als religiösen Körpers Antheil erhalt), in wörtlichen Conflict geräth mit der Epoche der politischen Großjährigkeit; allein näher betrachtet kämpft das Resinpt nicht gegen das unpassende Wort, sondern „gegen die kirchliche Feier ge mein schaftlichen Großjährigkeitserklarung derjenigen, welche im Laufe des Jahres das hierzu vorgeschriebene Alter erlangen". Das ist nun freilich unbegreiflich! Ist der Dr. Löwi der unglückliche Stein des Anstoßes, an dem das an sich unschuldige, ja die Moralität fördernde Projekt gescheitert ist? Will man durch solche Maßregeln einer besorglichen Erhebung über die uns angewiesene beschränkte Stellung hinaus entgegentreten und sollen wir vielleicht blos von Zeit zu Zeit daran erinnert werden, daß wir Juden sind? Oder ist vielleicht wieder die im Finstern schleichende Jntrigue die Ursache jenes Verbotes geworden? Leider nistet diese Hyder noch immer im Schooße unsrer Synagoge, steht ihrem Einflüsse noch immer Thor und Thür offen. Wahrscheinlich wieder einmal eine Anschwarzrnig, eine Verkleinerung des edelsten Willens, eine jämmerliche Beschwerde, mehr gegen Personen, als Sachen gerichtet. Aber schlimm, daß die Behörde solchen Einflüsterungen Gehör schenkt, daß sie auf einseitige Vorstellungen hineine 37 *

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