Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1840)
- Article
- Wien: Minchat Kenaot beurtheilt von Stern
- Date
- 1840-09-05
- Page
- 275 (sequence 2)
- Language
- German
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275 Kampf über ein gegen die damals im Judenthume sich erhebende triste Schule der Symbolik ausgesprochenes Anathema entstanden zu sein, welche, obwohl sich keines großen Anhanges erfreuend, doch bei den ihr nahestehenden Anhängern der Kabbala zu vielen Mißdeutungen und Mißverständniffen Anlaß gab und Zeitstimmen und deren antipodisches Echo hervorrief... Unter den schönsten gediegensten und vorzüglichsten der Briefe sind wohl die des hochberühmten R. Ralomo Sohn Aderet zu zählen, aus welchem eine Klarheit, ein Hell- und Scharfblick des Geistes, eine Potenz der Sprache und eine Kunstgewandtheit des Styles uns anspricht, die wir nur von dem als geraden und tiefen talmudischen Denker autorisirten Raschba erwarten können. Nach diesen sind die des Sammlers Abba Mare Ben Josef zu zahlen. Außerdem enthalt dieses Werk eine Einleitung in achtzehn Abschnitten, die so manche schöne moralisch -exegese Idee enthalten und das Büchlein Jareach in fünfzehn Abschnitten, von denen wir so eigentlich nicht wissen, was sie vorstellen. Mit dem innigsten Dank an den Herausgeber, können wir nur noch versichern, daß kein Freund der hebräischen Literatur diese schmackhafte Lektüre unbefriedigt aus den Händen legen wird. M. E. Stern. K österreichische Grenze, 14. Aug. Auf meiner jüngsten Reise durch Mahren habe ich die dortigen jüdischen Verhältnisse und Zustände ganz in der Nähe zu sehen Gelegenheit gehabt und mir Mühe gegeben, sie klar zu durchschauen. Sie bieten im Ganzen wenig Erfreuliches dar. Hier und da giebt sich allerdings ein vereinzeltes Streben,;ein Ringen und Kämpfen nach einer bessern Gestaltung der Dinge kund; aber nirgends ein Gesammtstreben, nirgends eine klare Einsicht in die Verhältnisse und Bedürfnisse, und um so weniger in das, was Noth thut. Die einzelnen Gemeinden haben im Allgemeinen dasselbe Gepräge, so daß, wenn man eine gesehen hat, man das Prototyp aller übrigen hat. — Schule, Gotteshaus und die Verwaltung der Communal-- angelegenheiten sind die einzigen Träger des jüdischen Gemeindelebens, der Spiegel, in dem sich der Stand der Bildung und Gesittung der Gemeinde treulich reflektirt. In welchem Zustande aber befinden sich alle drei? Eine Schule hat jede Gemeinde, weil sie zur Unterhaltung einer solchen gesetzlich verpflichtet ist; aber von allen, in den mährischen Gemeinden eingestellten Lehrern giebt es vielleicht nicht acht, die sich durch wissenschaftliche Bildung bemerkbar machten. Neben einem nothdürftigen Unterrichte in den ersten Elementen der Jugendbildung, im Schreiben, Lesen und Rechnen, wird nach dem ungeschriebenen Lehrbuche Bene-Zion eine religiösmoralische Unterweisung ertheilt; aber wie erbärmlich und kümmerlich! Ich kenne sogar eine Gemeinde, und zwar eine nicht unbedeutende, in welcher der an der Schule angestellte christliche Lehrer die jüdische Jugend auch in der religiösen Moral unterrichtet. Man kann sich leicht vorstellen, von welchem religiösen Geiste Lehrer und Lernende durchdrungen sind, und wie es mit der religiös-sittlichen Bildung der Jugend äussiehk. Zu dem Allen schweigt die Gemeinde,, theils aus Indifferenz und Apathie für jedes höhere Interesse, theils aus Furcht vor noch Aergerem. . Nicht besser steht es mit dem andern Theil der religiösen Bildung, namkich mit dem Bibel- und Talmud-Unterrichte aus. In denselben theilen sich gewöhnlich mehrere Privatlehrer und der größten Schülerfrequenz erfreut sich in der Regel jener, der sich mit dem geringsten Honorar begnügt. Aus diesem Zustande gänzlicher Verwahrlosung haben sich in neuerer Zeit blos die Schulen zu Prosnitz und Nikolsburg herausgearbeitet, besonders erstere, an der Hr. Josef Weiße, ein gründlich unterrichteter und mit den Bedürfnissen einer Schule ganz vertrauter Mann, als Lehrer wirkt. Auch das Gotteshaus ist fast in allen mährischen Gemeinden aus seinen mittelalterlichen Formen und den damit verbundenen entstellenden Eigenthümlichfeiten nicht herausgetretcn. Mit Ausnahme einiger Anfänge, die hier und da theils versucht, theils wirklich gemacht worden sind, die aber bis jetzt zu unbedeutend sind, als daß sich an dieselben die Hoffnung eines Fortschrittes knüpfen ließe, ist alles wie vor Jahrhunderten; die Rabbinen, denen die Sorgfalt für die gottesdienstlichen Angelegenheiten kraft ihres Berufes zugewiesen ist, haben im Allgemeinen für die Förderung derselben wenig gethan. Die meisten unter ihnen gehören der alten Zeit an, und sind für jeden Fortschritt unempfindlich; aber selbst die jüngem, die von dem Geiste der fortschreitenden Bildung nicht unberührt geblieben sind, können sich aus einer gewissen Engherzigkeit nicht Herausreißen. Die Tugend der Selbstverleugnung und edler Selbstaufopferung, die den Rabbinen der frühem Jahrhunderte so ganz eigen war, und sie über jede Rücksicht hinaussetzte, mangelt größtentheils den Rabbinen unsrer Zeit. Die Wahrung ihrer Rechte und ihres Einflusses den Gemeindegliedexn gegenüber, die Gunst der reichern und günstigem gestellten Gemeindemitglieder, kurz die Sorge für ein möglichst bequemes und sorgenfreies Leben', das sind die Rücksichten, die ihnen zunächst liegen; das Lehren und Lernen füllt nur den kleinsten Theil ihrer Zeit aus. Ihr Grundsatz ist im Allgemeinen: Prinuim est vivere, deinde phijosophari. —: Es ist daher kein Wunder, daß das Ansehn der Rabbinen in Mahren, wo sie in frühem Zeiten aus die Gemeinden einen so bedeutenden Einfluß üben, sehr gesunken ist. Denn einzelne Gemeindeglieder sehen in den Rabbinaten nichts weiter als eine Sinecur, und in dem Verweser derselben einen Güstling des Glücks, für den sie sich abmühen müßten, um ihm eine angenehme Existenz zu bereiten. — Bei solchen Verhältnissen ist. es leicht begreiflich, daß auch die übrigen Geweindeanstalten sich in einem unerfreulichen Zustande ,befinden. Soll daher den mährischen Juden geholfen werden, so 35 *