Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1840)
- Article
- Mainz: Replik gegen jüdische Industrie-Schulen
- Date
- 1840-08-29
- Page
- 269 (sequence 2)
- Language
- German
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269 kleines, zartes Blumenleben an, wir hauchen mit unserm kalten, rauhen Verstandesodem nur zu oft den zarten Blüthenstaub aus den Blumenkelchen ihres harmlosen Lebens, und erziehen taube Früchte. Gleicht die an gezogen e Idee der Industrieschulen, wie sie der resp. Verfasser verwirklicht sehen möchte, nicht auf ein Haar unfern Arbeitshäusern für lüderliches Gesindel, wie dieselben unser speculirendes Jahrhundert geschaffen? Es nimmt nicht Wunder, daß der Verft bei seiner rasenden Consequenz nicht auch sogleich eine Kleinkinderbewahranstalt damit verbunden hat, in welcher die armen Kleinen dressict werden, so bald sie der Amme entlaufen sind, oder, vom fünften Jahre an, wo sich die armen Unschuldigen erst recht als Ich fühlen lernen, will er sie in die Schule genommen, in seine Zwingburgen eingepfercht wissen, damit jeder Selbstständigkeit der Hals gebrochen werde. Man ziehe nur den auf S. 468 angeführten Arbeits- und Lebensplan eines solchen kleinen Kinderzuchthauses einigermaßen in Erwägung, und man wird finden, wie sich der Verft alle ersinnliche Mühe gibt, jeden Lebensaugenblick der Kinder mit seiner Tyrannei zu bestimmen, damit ihrem freien Willen auch nicht eine Minute Zeit übrig bleibe, und sie sich recht frühzeitig an den gedankenlosen blinden Gehorsam gewöhnen möchten. Und um etwas Pikantes einzumischen, so erzählt er uns auch etwas von spartanischer Suppe und spartanischer Abhärtung. — Doch wir gehen vielleicht zuweit hierin; der Verft greift nicht aus der Luft; er fußt auf Beispiele; England hat seiner Idee das Material geliefert! — Beruft euch nur, was die Erziehung der niedern Volksklassen zumal anlangt, auf England! England und sein Ebenbild, Amerika, haben uns schon mit dem unheilvollen Institute der Fabriken sch ulen, mit der fabrikmäßigen Erzieh - Methode nach Bel-Lancaster beglückt, daß wir durchaus nicht nöthig haben, noch ein neues derartiges System in unserm Leben einzubürgem. Und für wen sollen diese Anstalten eigentlich, für die Kinder solcher Eltern, die jährlich, wie der Verfasser will, 50 oder wenigstens 25 Thlr. zu zahlen im Stande sind? Wenn sie nur irgend ein Herz im Leibe haben, so werden sie ihre Kinder nicht in diese Zuchthäuser stecken. Betrachten wir freilich die Sache als Nothnagel, als Anstalt,- arme Kinder zu versorgen, dann schweige ich gern, denn Noch kennt kein Gebot, und ich würde rachen, dergleichen Institute an Waisenhäusern anzuknüpfen, oder wo dergleichen noch nicht bestehen, nach dem dort angezogenen Muster dergleichen ins Leben zu rufen; denn für derartige Institute möchte der Entwurf zum Muster zu nehmen sein; aber nur nicht für die freien Kinder freier Eltern. — Allein der Verfasser will dadurch die Ungewohnheit, das Ungeschick der Juden für manuelle Arbeit beseitigen, Führt der Weg zum Ziele durch diese Zuchthäuser? Habe die große Masse unter den Christen, welche durch Handarbeit ihr tägliches Brot verdienen, und die zur Handarbeit Lust und Geschick mit auf die Lehre bringen, auch solche Anstalten nöthig gehabt, um dafür zugestutzt zu werden? Der jüdische Vater ist daran nicht gewöhnt, und sein Vorbild verdirbt den Sohn! Seit wie lange kann dies die Erfahrung beweisen? Klagt man in Landern, wo den Juden seit längerer Zeit freisteht,, durch Professionen sich zu nähren, über Arbeitsscheu? haben nicht vielmehr die Institutionen Schuld an dem Ungeschick und der Trägheit der jüdischen Jugend gegen manuelle Beschäftigungen, welche dieselben bisher so eifrig abgesteckt haben, damit sie nicht mit christlichen Instituten, welche dafür bilden, in Berührung kommen? Wir klagen über die christliche Vornehmthuerei, Adsonderungssucht und Intoleranz, welche uns aus manchen Kreisen des Lebens scheiden und sind selbst wuthentbrannt für dergleichen Absonderungen. Alles wollen wir für uns haben, und dennoch mit unfern christlichen Brüdern ein gemeinschaftliches Leben leben. Ware nicht eine katholische, eine evangelisch-lutherische, eine evangelisch-resormirte Jndustrieschule ein Unsinn? Und eine jüdische sollte kein Unsinn sein? Schickt Eure Kinder, Israeliten, in christliche Anstalten der Art, wenn ihr das Bedürsmß darnach fühlt, es gibt deren genug. Gewöhnt sie dadurch nicht allein an den Umgang mit denen, mit welchen sie sich befreunden müssen, wenn sie später als Bürger mit ihnen leben wollen, thut es auch aus Politik. Bedenkt, daß man blos in der Jugend dauernde Freundschaft schließt, daß dieses Zusammenleben Eurer Kinder mit den Kindern der Christen das herrlichste Mittel ist, diese jenen zu befreunden, den Christen im spätem Leben die Juden nicht anders erscheinen zu lassen, als Menschen. Bedenkt, daß das Beispiel bei Kindern mächtig wirkt und daß das Vorbild christlicher Kinder hierin von wesentlichem Nutzen sein muß. Vor allen Dingen aber, Ihr Eltern, laßt Euer Kind gewahren, laßt es ohne tölpische Einmischung seine Kräfte üben, seine 5jatibe gebrauchen, seinen Körper stahlen, wie es die Natur verlangt, seht ihre Spiele an, wofür sie selbst diese nehmen, für ernste Arbeiten und Beschäftigungen, und ihr werdet zu euerer Freude erfahren, daß sie handfertig werden und keine Arbeitsscheuen, wenn Ihr auch ihre Jugend nicht beeinträchtigt durch das Auflegen eines gewissen Tagewerkes. Sollten diese hingeworsenen Gedanken noch nicht hinreichen unsre Meinung zu erklären, so wollen wir gern weiter Rede stehen. . G. Cöslin, 17. Aug. (Eingesandt.) Zeitgemäße Anfrage! Der gegenwärtige Zustand der Juden in allen den Ländern, wo sie nicht völlig emancipirt sind, ist so sehr kritisch, ihre Stellung in politischer Beziehung nach Außen. sowohl, wie in religiöser nach Innen so precar, daß folgende Frage, die meines Wissens in der neuern Zeit des radicalen Durchforschens nicht angeregt