Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1840)
- Article
- Warendorf: die Haindorf'sche Stiftung
- Date
- 1840-08-22
- Page
- 260 (sequence 2)
- Language
- German
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260 wachsende Teilnahme erworben, aber auch vielen Segen gewirkt. Der 11. und 12. Bericht (1837 — 38) des Dirigenten der Anstalt, Dr. Haindorf, liegt uns vor und gewähre eben so interessante als erfreuliche Resultate. Die Anstalt erfreut sich der Theilnahme der höchsten Behörden, Landräche und Ortsobrigkeiten, und wird auf das Kräftigste nicht allein durch Wort und Willen, sondern auch durch Geldbeiträge unterstützt. Man wird auf das Innigste bewegt, wenn man das über anderthalb hundert Seiten starke Verzeichniß derjenigen Edeln überfliegt, welche die Anstalt durch milde Beiträge halten und darunter die gewichtigsten Namen liest: den Fürst zu Salm-Salm, den Fürst zu Salm-Horstmar, den Bischof v. Paderborn, den Reg.-Rath Graf v. Merveldt, den Fürst zu Lippe-Detmold, den Graf von Scollberg, den Graf von Spee, den Oberprasi'denten von Vincke, kurz Männer aller Conftssionen und jeden Standes. Vorzügliche Anerkennung und den Dank aller Menschenfreunde verdienen sich aber der Oberprasident Vincke, Dr- Haindorf selbst und dessen Schwiegervater, der Rentner Elias Marcks in Hamm. Ersterer hat sich nicht allein durch einen Geldbeitrag zur Unterstützung der Anstalt betheiligt, sondern auch jederzeit mit besonderem Wohlwollen das Emporblühen der Anstalt zu befördern gesucht. So z. B. ist es sein Werk, daß die Vereinsschule von der Regierung das Prädikat einer öffentlichen zugestanden erhielt, daß durch eine spätere Kabinetsordre auch die Aufnahme das jüdischen Religionsunterrichtes auf den öffentlichen Lehrplan genehmigt ward und dadurch nicht nur die Dotirung der Anstalt, wie wir gleich sehen werden, gesichert, sondern auch die Erweiterung ermöglicht ward, die Kinder auswärtiger, bemittelter Ettern in die Anstalt aufzunehmen und dadurch der Anstalt selbst einen Vortheil zu gewähren. (Die Pensions- und Unterrichtskosten für die Kinder letztgenannter Eltern betragen beiläufig gesagt 100—150 Thlr. jährlich.) Dr. Haindorf, die Seele des ganzen, gehört unter jene höhern Naturen, die dem Wohle ihrer Mitmenschen alles zu opfern im Stande sind. Der edle Mann widmet dem Werke nicht blos seine Zeit und Kraft, er steht in dem Verzeichnisse der Contribuenten auch mit '200 Thlrn. Beitrag, so wie sein Schwiegervater mit 400 Thlrn. Ohne letztem wäre das Institut übrigens wohl nie zu Stande gekommen, wenigstens hatte es gewiß stets mit Armuth zu kämpfen gehabt. Der Edle hat ein Capital von 25,000 Thlrn. ausgesetzt, die Kosten der Anstalt zu bestreiten. Dadurch daß die Zöglinge derselben gehalten sind, nach erlangter Selbstständigkeit die allmälige Rückzahlung ihrer Ausbildungskosten zu bewirken, wird nicht allein die Kraft der Anstalt vermehrt, sondern auch die endliche Wiedergewinnung des Anfangskapitals erzielt. Au dem Ende werden Schulamts-Canditaten nur unter folgenden Bedingungen ausgenommen: 1) Daß der Ausgebildete wenigstens 8 Jahre beim Schulfache und zur Disposition des Vereins bleibe. 2) Die Rückzahlung seiner Ausbildungskosten in jährlichen Raten von mindestens 5 Thlrn. bewirke. Im Uebrigen wird keiner in das Seminar ausgenommen, der nicht die Vorkenntnisse milbringt, die jedes andere Seminar verlangt, und der nicht die Verpflichtung übernimmt, sich placiren zu lassen, wie es das Seminar verlangt. Für Handwerkslehrlinge müssen die Angehörigen die Verpflichtung übernehmen, dem Knaben beim Handwerke zu halten. Die Lehrlinge aber müssen versprechen, nach erlangter Selbstständigkeit, die Kosten ihrer Ausbildung zu erstatten, oder müssen sich bequemen, im Interesse des Vereins einen Knaben ohne Entgeld in die Lehre zu nehmen. Willkürlich Austretende haben sofort die verursachten Kosten zu erstatten. — Seit dem Bestehen der Schule sind 63 Lehrer ausgebildet und sämmtlich placirt worden. Dr. Haindorf nimmt die Angestellten, wo dieselben jetzt wirken, noch fortwährend unter seine Obhut und läßt sich darüber wenigstens berichten. Die Schule zählt weit über hundert Schüler. Die abgegangenen Seminaristen haben die öffentlichen Prüfungen durchgängig sehr wohl bestanden. Handwerkslehrlinge hat der Verein bis jetzt 117 bei Meistern untergebracht. Wegen 32 neuen steht er zur Zeit noch in Unterhandlung mit Lehrmeistern. — Mit Recht verdient die herrliche Anstalt die Beachtung aller Behörden und Menschenfreunde. Galizien. Tarnopol, 4. Aug. Den 15. Juli reiste unser Rabbiner S. I. Rapaport von hier ab, um einem ehrenvollen Rufe nach Prag zu folgen; der Verlust, der die an großen und bedeutsamen Männern ohnehin armen israelitischen Gemeinden Galiziens trifft, wird um so mehr hier allgemein gefühlt, als bereits alle Parteien sich mit ihm ausgesöhnt hatten. Seine gelehrten alten Freunde, die mit großen Aufopferungen ihm in einer sehr schlechten Zeit beigestanden, begleiteten ihn bis Slotschow, einige sogar bis Lemberg, alle aber schieden tief erschüttert und mit wehmüthigen Herzen von diesem Forscher, der eine Zierde Galiziens war. Möge er in Prag den Lohn seiner frühern Kämpfe finden! — Ein schmerzliches Ercigniß aber hat bei unserer Ankunft in Lemberg unsre Herzen erschüttert und die ganze Gemeinde in Betrübniß gesetzt, daß wir, Begleiter des Herrn Rapaport, fast des Scheidens desselben vergessen hätten; es war ein Schmerzensruf der jüdischen Gemeinde zu Tarnow. Eine christliche Magd kam gegen Ende des vergangenen Winters nach Lemberg und stellte bei hiesigem Gerichte eine Klage, daß ein jüdischer Diener sie mit Gewalt in ein jüdisches Haus gebracht, wo ihr ein Arzt zur Ader gelassen und das Blut in