Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1840)
- Article
- Pesth: über jüdische Zustände
- Date
- 1840-08-08
- Page
- 245 (sequence 2)
- Language
- German
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245 scheint und wahrlich des Ringens wcrth ist die Krone des Verdienstes und des allgemeinen Besten. Lichtnnd Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Die Juden in Rhodus. Konstantin Opel, 8. Juli. Die Ermordung des Pater Thomas in Damaskus, angeblich durch Juden, beschäftigt die europäische Journalistik bedeutend. Es haben sich sowol dort wie hier Parteien für und gegen die Juden gebildet, indessen dürfte das Schuldig oder Nichtschuldig der Angeklagten sich noch nicht so bald Herausstellen, weil nicht allein Frankreich, sondern auch Oesterreich, vorzüglich aber England, sich der Sache auf das Lebhafteste angenommen haben, und zwar letzteres Cabinet zu Gunsten der Juden. Hier herrscht darüber nur Eine Stimme, daß der französische Conful in Damaskus zu weit gegangen sei, Herr Thiers sich nicht uupartheiisch genug gezeigt habe, und die Sache dadurch den Schein der Gehässigkeit erhielt. Pater Thomas war ein ehrlicher, ein braver Greis, und sein Schicksal wird allgemein bedauert, allein er war kein Franzose, sondern ein französischer Protegirter. Die Protectionen stehen aber, mit wenigen Ausnahmen, bei den Türken wie bei jedem rechtlichen Christen im gehässigsten Lichte. Hat ein Grieche, Armenier, oder sonst irgend ein Naja des Sultans, Lust, das Gaunerhandwerk im Großen zu treiben, so laßt er sich durch den Kanzler irgend einer Gesandtschaft protcgiren, d. h. unter den Schutz einer europäischen Macht stellen. Dies bedeutet eben so viel, als sich dem türkischen Gesetz entziehen. Den Misbrauch, der damit getrieben wird, und der die Christen in den Augen der Türken sehr herabsetzt, werde ich nächstens einmal darstellen. Mein heutiges Schreiben hat den Zweck, eine in ihren Details noch wenig bekannte traurige Begebenheit, ein Seitensiück oder ein Nachspiel zu dem Vorfall in Damaskus, der Ocffentlichkeit und der gerechten Indignation aller civilisirten Völker preiszugeben. Durch die Burcaur des hiesigen obersten Gerichtshofs und die des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten erhielt ich Kunde von einem angeblich durch Juden verübten Kinderraube zu Rhodus. Später lernte ich Hrn. Isaak Pincherle aus Triest kennen, den Chef des Hauses Isaak Pincherle und Comp., welches seit zehn Jahren zu den ersten und acWarstcn Handelshäusern in Smyrna gehört. Dieser führte am 5. Jul. die wegen des unglücklichen Vorfalls hier anwesenden vier jüdischen Abgeordneten von Rhodus, die Herren Abraham Amato, Baruch Benatta, Isaak Capeluto und Jakin Misrachi, zu mir. Die Deputirten wünschen durch Vermittelung eines unparteiischen demschen Blattes Europa von dem unwürdigen Benehmen mehrer christlichen Consuln hinsichtlich der hart bedrängten jüdischen Gemeinde zu Rhodus in Kenntnkß zu setzen. Folgendes ist ihre Aussage, die ich in Gegenwart des Hrn. Pincherle und zweier vereideter Dolmetscher niederschrieb, und, seither mit der hier der Regierung vorgelegten Originalklage verglichen und gleichlautend befunden habe. „Montag den 18. des Mondmonats Adar (jüdische Osternzeit 1840) verbreitete sich zu Rhodus das Gerücht, ein griechisches Kind v. 12—l‘d Jahren, aus dem Dorfe Triande, sei von seiner Mutter zu dem fränkischen Kaufmanne Draghi geschickt worden, um baumwollenes Garn zu kaufen, jedoch nicht nach Hause zurückgekehrt. Den andern Morgen machte die Mutter des Kindes Anzeige davon bei Iussuf-Pascha von Rhodus; dieser gab der Frau zwei Kavaffe (Gendarmen), um mit diesen das Kind aufzusuchcn. Alle Mühe war jedoch vergeblich. Wahrend der Zeit ließ der Pascha die vier Iudenvorstehcr zu sich rufen, und verordncte, daß sie bei ihrer Gemeinde eine Haussuchung anstelle» möchten, um vielleicht den Knaben in dieser zu entdecken. Unter Gemurr, Geschrei, Hin- und Hcrsuchen kam der Freitag heran, und noch war keine Spur des Kindes gefunden. Zu gleicher Zeit wurde allgemein ausgesprengt, die Israeliten müßten cs gemordet haben. Auf dieses Gerücht hin schickte bei Sonnenuntergang der Pascha einen Kavaß zum Juden Stambuli mit dem Andenken, augenblicklich zu ihm zu kommen, indem es sich um eine Geldangelegenheit handele. Bei dem Gewaltigen aber angekommen, begann dieser: „Höre, Stambuli, zwei griechische Frauen und ein griechischer Priester sind dem verloren gegangenen Knaben am Montag begegnet; er trug in einer Hand einen Korb mit Eiern, in der andern aber einen indischen Hahn. Auf ihre Frage: Knabe, wo gehst du hin? erwiderte er: Stambuli, der hier vor mir gcht, hat solche gekauft, und ich trage die Waare zu ihm. Nun sage also, Stambuli, was hast du mit dem Kinde gemacht?" Der auf das höchste überraschte Jude entgegnete, daß er den Knaben weder kenne noch jemals gesehen, am allerwenigsten aber Eier und Geflügel von ihm gekauft habe, indem seine Hühner ihn so reichlich damit versahen, daß er solche selbst verkaufen könnte. Der Pascha sagte: „Du willst also nicht gestehen? nun gut!" Hierauf ließ er ihm 500 Stockprüge! auf die Fußsohlen geben, dann Beine und Arme auf den Rücken binden und in dieser Tortur den Unglücklichen 4 Stunden verharren. Als der arme von Schmerzen Gepeinigte nahe daran war, den Geist aufzugeben, wimmerte er, man solle doch sagen, was man von ihm begehre, er sei zu Allem bereit. „Du mußt sagen, du habest das Kind einem andern Juden gegeben", war das Bedeuten des Pascha. Aus seine Zusage wurde er losgebunden und zum Kiaja-Bei (Untergouverneur) geführt, woselbst sich der schwedische Consul Stephanak befand. Beide nahmen den Delinquenten ins Verhör unb beide sagten ihm: „Wenn du dein Leben retten willst, so erkläre, daß du das Kind durch einen zweiten Juden dem von Smyrna angekommenen englischen Dragoman übergeben hast; sagst du dies, so erhältst du nicht allein eine namhafte Summe Geldes, sondern wir werden dich auch noch zum Saraf befördern." Zur Vervollständigung des Ganzen diene folgende Einschaltung: Vor einiger Zeit kam ein in London etablirter jüdischer Kaufmann, Hr. Davis, nach Smyrna. Dem Hause Isaak Pincherle u. Comp, empfohlen, machte er durch dieses in Waschschwammen in kurzer Zeit für 20,000 Fl. Geschäfte. Nachdem diese in Smyrna beendigt waren, wollte er für die Zukunft einen beständigen Agenten an Ort und Stelle selbst, nämlich in Rhodus, als dem Hauptstapelplatze für Schwamme, ctabliren. Zu diesem Zwecke wurde ihm vom Hause Pincherle ein sehr rechtlicher verher'rathcter junger Mann aus Smyrna, Namens Elias Kalamin', empfohlen. Dieser begleitete Hrn. Davis in dev Eigenschaft eines Dragoman nach Rhodus, unterrichtete ihn im Schwammgeschäft und, nachdem derselbe Kenntniß vom P'atze genommen, mictbete er für seinen Agenten dort ein Haus. Alle Consuln, meist Kausttutc, geriethen dadurch in die größte Besorgniß, daß Hr. Davis, als