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Der Orient · 1840-08-01 · Heft 31 (1.8.1840) · p. 240

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 31 (1.8.1840)
Article
Historische Entwickelung der jüdischen Bevölkerung und deren Ausbildung in Pommern
Date
1840-08-01
Page
240 (sequence 2)
Language
German
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240 einen Rabbiner berufen; denn alle fühlen das Bedürfnis sowohl für die Angelegenheiten der Synagoge, als besonders für die der Schule einen Seelenhirten in ihrer Mitte zu haben, da die Zeit schon gekommen, von der Amos (8,11) sagt: GPp 2JH *6 p&O GDI n n3"1:n« ynwb EK o n'vb üb). Nur der Metropolis Jndifferentismus wie Fanatismus, zwei natürliche Kinder des Schatren-Rabbinats, üben auf die jüdischen Bewohner der angrenzenden Provinzen den schädlichsten Einfluß aus. Wenn man Colberg, wo die Versöhnung an Jom Kipur schon mit Zankereien und Raufereien gefeiert wurde, das Städtchen Cörlin, wo Hochmnth, Unwissenheit und Verfolgungssucht zu einem scheußlichen Kleeblatt von jeher sich gestalteten, ferner Cöslin, dessen jüdische Familien die Harmonie bis auf den jüngsten Tag aufschoben, wenn man diese Städte als Mißgeburten betrachtet, und sie, als der Beachtung nicht würdig, ausnimmt: so zeigt sich in den einzelnen Städten ein recht gutes, echtjüdisches, mitunter patriarchalisches Leben. In Stolpe, wo mehrere des Talmuds kundige und der Bildung nicht abgeneigte Männer wohnen, waltet unter den Juden ein friedlicher Geist, sie leben, bei herrschendem Gemeinsinn, in Eintracht und Frömmigkeit beisammen, sie schließen sich den Christen an, und geben dennoch Ihren religiösen Sinn nicht aus, welchen sie jetzt, bei vieler Aufopferung, durch den Neubau einer Synagogewieder gezeigt haben. - Ein patriarchalisches Leben nimmt man bei den frommen Juden in Polzin wahr, sie wohnen friedlich und traulich beisammen, feiern den Sonnabend ohne irgend ein Geschäft zu betreiben, finden sich zahlreich in dem Gebethaufe ein, halten streng an jüdischem Brauch und jüdischer Sitte, und vergöttern fast jeden Talmud-Gelehrten. Beinahe dasselbe läßt sich von Schlave, Treptow, Schievelbein, Falkenburg, Tempelburg und Dr am bürg behaupten, wobei jedoch bemerkt werden muß, daß bei diesen frommen, wenngleich ungebildeten Juden ein ganz anderer, feinerer Ton als bei den polnischen herrscht. Mehr der Bildung und dem Fortschritte geneigt zeigen sich die Juden in Belgard, die, fromm und redlich, manche Mißbräuche, wie das Verkaufen der Mizwot aus der Synagoge gebannt, und das Unterhalten und Plaudern wahrend des Gottesdienstes bei Geldesstrafe verboten haben, die sogar den Wunsch, der allerdings einstweilen als solcher, als pimn votimi, unerfüllt bleiben muß, öffentlich aussprachen, daß sie gern erbauliche Predigten jeden Sonnabend hören möchten. An diese Gemeinde schließen sich mehr oder weniger, in Hinsicht eines gebildet orthodoxen Lebens, die jüdischen Bewohner der Städte An kl am, Wo llin, Naugard, G reifen Hagen und Neu - St e-rtin an, worunter die in Anklam ihres überaus friedlichen Zusammenlebens mnd ihres bei Allen durchgängig herrschenden Gemeinsinnes wegen besonders hervorzuheben sind. Wenn der Fama Zutrauen geschenkt werden darf, so soll diese Gemeinde geneigt sein, fünfzig Thaler .zum Gehalte eines Rabbiners in Stettin, unter annehmbaren Bedingungen und gerechten Anforderungen, beitragen zu wollen. In Stargard ward der Neologie mehr gehuldigt, aus welcher na? türlich, wie die Erfahrung überall gelehrt hat, Jndifferentismus, Gleichgültigkeit, die schleichende Krankheit des phlegmatischen Nordens, entstand; doch soll, wie schon früher bemerkt, auch diese Gemeinde zur Wahl eines Rabbiners gern schreiten wollen. Für die Ausbildung und besonders den Religions- Unterricht der Jugend bleibt in Pommern viel zu wünschen übrig, die Gemeinden sind zu klein, um einen eigenen jüdischen Lehrer auszunehmen, und die Schächter, in der Regel ohne Kenntnisse und ohne Liebe zum Lehren, leiten oder vielmehr verleiten die ganze Jugend dermaßen, daß selten, besonders unter der ärmem Klasse ein Knabe Eine Parscha Chumasch oder Ein Kapitel Passuk übersetzen, und daß Mancher kaum hebräisch lesen kann. Die Bemittelten, welche sich zwar Hauslehrer halten, fahren eben nicht besser bei dem Unterrichte ihrer Kinder; denn sw-nehmen unwissende Subjekte, ohne sie selbst prüfen zu können, aufs Gerathewohl in ihr Haus, und täuschen sich und schaden ihren Kindern. Daß viele Knaben Handwerker, und andere, von den Eltern nach großen Städten geschickt, mitunter recht tüchtige Menschen werden, ist allerdings nicht zu bewundern und hier zu. erwähnen; doch das Streben der Eltern zeigt uns ihre Liebe zur Bildung und zu den Fortschritten der Zeit, und muß in so fern hier hervorgehoben werden. Eins thut Noch, und das ist: das Anstellen dreier tüchtiger Rabbinen, die, mit der Reife vom Gymnasium entlassen, ihre Universitäts-Studien gehörig absolvier haben, von denen der Eine in Stettin, der Andere in Stargard und der Dritte in Stolpe seinen Wohnsitz haben müßte; dann könnte für die Synagoge wie für den Unterricht der Jugend in ganz Pommern etwas Erhebliches geschehen. Der gute Wille ist da, nur die energische That fehlt; einzelne angesehene Männer müssen mit dem Vorschläge beginnen, und alle werden ihn hoffentlich zur Ausführung bringen; denn rr6. &Oil; und gelangt der Vorschlag nicht zu einer wirklichen Ausführung, gedeiht die gestreute Saat nicht zur reifem Frucht: so bleibt den Unternehmem das Bewußtsein, für Israel den Kampf des Geistes begonnen zu haben, und der tröstende Gedanke: in magnis voluisse sat est. A l ch a ri ri. Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von "I. H. Nagel.

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