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Der Orient · 1840-08-01 · Heft 31 (1.8.1840) · p. 235

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 31 (1.8.1840)
Article
Lyon : jüdische Zustände daselbst [Nachricht]
Date
1840-08-01
Page
235 (sequence 2)
Language
German
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235 auf das, was die Israeliten dieser zweiten Stadt Frankreichs angeht, wieder zurückkommen. Arch. Isr. Avignon, 20, Juni. Wir besitzen wenig Speckelles über die Geschichte der Juden zu Avignon. Wir wissen blos, daß sie von dem Papste zur Zeit jener entsetzlichen Verfolgung in Schutz genommen wurden, welche sie im Jahre 1320 in Frankreich und Spanien unter dem Namen der Hirten - Verfolgung (ferseculion des pasleurs) zu dulden hatten. Als 1348 die Pest in Frankreich wüthete, und als man die Juden anklagte, die Brunnen vergiftet zu haben, gleichsam als wenn sie, sagt Herr Cremieux in seiner Schutzschrift vor dem Tribunal zu Saverne sehr geistreich, kein Wasser getrunken hatten, so maß Papst Clemens VI. diesem Volkswahne keineswegs Glauben bei und schützte die Juden.. Es scheint jedoch, als ob die Nachfolger in spätem hartern Zeiten nicht dieselbe Toleranz gegen die Juden gezeigt hätten, denn wir treffen sie um das Jahr 1789 zu Avignon unter der Last eines sehr schmachvollen Joches schmachten. Unter dem 20. Juni berichtet uns ein Israelit aus dieser Stadt, daß 1789, als die Revolution wüthete, die begütertsten Israeliten Avignon, wo die härteste Bedrückung, das schmachvollste Joch auf Israel lasteten, verlassen hätten. Und obwohl sie durch den Zustand der Erniedrigung, unter der sie geschmachtet hätten, gänzlich in Erstarrung versunken waren, so hatte der Ruf der Freimachung doch auch bis in dieses päbstliche Gebiet herüber getönt, und alle waren davon ergriffen, alle tief durchdrungen worden. Dann setzt er hinzu, es könne wohl kein Mensch von dem Rufe der Freiwerdung mehr bewegt werden als der Israelit. Sie hätten sich durch die ruhmreiche Erinnerung an das Schicksal in Egypten erhoben gefühlt, hätten sich freiwillig und in vollem Laufe dem neuen Zustande in die Arme gestürzt, batten sich in Frankreich niedergelassen, um in der Luft der Duldung zu alhmen. Gleicher Weise wäre es zugegangen in den israelitischen Gemeinden zu Carpentras, Jsle und C a v a i l l o n. Zu behaupten, daß der Cultus durch diese Verandrung nicht gelitten hatte, hieße der Erfahrung widersprechen'wollen. Er habe sehr gelitten, aber anderntheils auch Genugthuung erhalten; denn die israelitische Bevölkerung sei gewachsen und habe dadurch das gestörte Verhaltniß wieder ausgeglichen. Da die Grafschaft Venaissin noch einige Jahre Anstand genommen, ehe sie sich mit Frankreich vereinigte — d. h. später als 1791. — so waren die Israeliten, reiche und arme, alle ausgewandert. Ein so gewaltiger Naturtrieb wohnt dem Menschen inne, sich naturgemäßer Weise von dem Orte der Tyrannei zu flüchten, die ihm aus die Folter legt! Im Jahre 1789 blieb nur noch ein kleiner Theil Israeliten zu Avignon. Die nothwendige Folge dieser Juden-Auswanderung war die Verarmung und Erschlaffung der Gemeinde. Sie wäre unbezweifelt ganz untergegangen, wenn nicht spater, als die Anarchie aufhörte Frankreich zu verwüsten, neue Familien nach Avignon eingewandert waren, die eine neue Epoche für den Cultus gründeten und dem beinahe abgestorbenen Körper neues Leben einhauchten. Man darf jedoch nicht meinen, daß die Gemeinde nun wirklich in all' ihrer Herrlichkeit ausgeblüht wäre; dazu fehlt ihr noch manches. Im Gegentheil befindet sie sich in einem Zustande noch sehr bedauerlicher Passivität. Und ihr liebet rührt davon her, daß die eingebornen Israeliten, aus einer leicht zu entschuldigenden Neigung für abgeschlossene Nationalität, verlangen, daß der Gottesdienst sich nach dem Ritus von Avignon richte, wahrend die auswärtigen Israeliten wünschen, daß der Ritus nach den Gebräuchen zu Carpentras, Nimes und Aix eingerichtet werde, weit dort die Mehrzahl lebt. Die Juden der letzteren Stadt fügt unser Correspondenz bei, sind sehr zahlreich, begütert, geachtet, und ohne die einen in den Himmel zu heben und die andern niederzutreten, muß man doch sagen, daß sie die herrschende Majorität bilden. Diese Verschiedenheit der Einsichten in Bezug auf diesen Gegenstand veranlaßt bisweiten lebhaften Hader, so daß ein sehr ehrwürdiger Mann der Kehila, der vor ungefähr 20 Jahren ohne Gehalt und aus reiner Liebe zur -Religion die beschwerlichen Functionen des Tempels verwaltete, gezwungen wurde, sein Amt niederzulegen, weil er sich stets in gewisse Anfeindungen verwickelt sah und tagtäglich eines Amtes willen leiden mußte, so lange er damit belastet war. Daher wäre im Interesse der Gemeinde und zum Frieden Alter zu wünschen, daß eine Reform beabsichs tigt würde, die in Gebeten, im Gesänge, kurz in dem eigentlichen Rituale ein Einheit bewerkstelligte. Sie wäre in allen Synagogen Frankreichs willkommen. Der Erfolg einer solchen gemeinsamen Reform würde viel Gutes Hervorbringen, würden den israelitischen Cultus in sein wahres Licht stellen, und einen lebendigen Glanz auf die Religion unsrer Vater werfen.*) Schließlich bemerkt der Correspondent, der uns diese erste Mitlheilung gleichsam als Einleitung betrachten heißt, und uns Details über den Zustand in der Grafschaft Venaissin vor und nach 89 verspricht, die Administratoren des Tempels zu Avignon haben oft Reclamationen an den Minister des Cultus gerichtet, um eine Vergütigung für ihre geistlichen Amtsverrichtungen *) Liese Vereinigung ist auch in dem Portugiesischen und deutschen Ritus zu wünschen. Die Versuche dazu sind zu Paris gemacht worden , allein ohne Erfolg. Wer sollte düs glauben? Die Schwierigkeir ist von den Juden des portugiesischen Ritus ausgegangcn, die sich zu keinerlei Concession verstehen wellen. 31*

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