Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 30 (25.7.1840)
- Article
- Die fortschreitende Entwickelung der Cultur der Juden in Deutschland
- Date
- 1840-07-25
- Page
- 475 (sequence 2)
- Language
- German
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475 476 Fortschreitende Entwickelung de» Cultur der Juden in Deutschland. angedeutet, in der bessern bürgerlichen Stellung der Juden Deutschlands der Anfangspunkt ihrer fortschreitenden Cultur zu finden ist, so sind Nicht minder in der mannigfaltigen Literatur von Mendelssohn bis auf unsere Zeit, die verschiedenen Entwickelungsstufen (Epochen) der religiösen und bürgerlichen Cultur der Juden zu suchen, mnd wir nehmen daher, aus Gründen, die sich später ergeben werden, folgende Epochen an: a) die Mendelssohnische (Stufe der Allgemeinheit) von 1750 — 88. "b) die der Mendelssohnischen Schule (Stufe der Subjektivität) 1783 — 1308. e) die historische (Stufe der Objektivität) 1808 — 30. d) die gegenwärtige (Stufe der Subjekt-Objektivität). A. Die Meiidelssohnsche Epoche (Stufe der Allgemeinheit) 1750 — 83. Wir haben in der Einleitung den Zeitabschnitt von Mendelssohn bis auf die Gegenwart in seiner allgemeinem Haltung gezeichnet, und kehren nunmehr zu den einzelnen Epochen ausführlich zurück. Die Zeit von 1750 — 83 war . für die Juden Deutschlands in bürgerlicher Hinsicht eine von nächtlichen Wolken des Vorurtheils und der Unmenschlichkeit noch sehr getrübte. Der bessere Geist der Duldsamkeit und Anerkennung der Juden als Menschen und Bürger eines Staates erhellte und belebte erst die deutschen Fürsten und Regenten nach Bekanntwerdung des Loleranzediktes Kaiser Joseph 11. (1782), und wiewohl, dieses Gesetz nach seinem ganzen Umfange weder in Oesterreich, noch in sonstigen deutschen Landern zur Ausführung kam, wirkte es doch auf die Juden wohlthatkg, daß sie aus ihrer Lethargie geweckt wurden, und sich selbst bemüheten durch Erlernung einiger Wissenschaft, die ihnen bisher gänzlich versagte Achtung sich thellweise zu verschaffen. Dazu kam noch das seltene und musterhafte Beispiel Moses Mendelssohn's, der zu Dessau im Jahr 1723 von armen Eltern geboren war und sich in seinem 14. -Lebensjahre nach Berlin begab, wo er durch angeeignete wissenschaftliche Bildung es -bald dahin brachte , daß seine so niedrig gestellten preußischen Glaubensbrüder von den Staatsmännern mehr berücksichtigt, in bürgerlicher Beziehung besser gestellt und er selbst von ihnen hochgeachtet worden ist. — Von dieser Zeit dacirt sich eine neue Epoche in der Geschichte der deutschen Juden, die in ihrem ganzen Wesen und Erscheinen, die von Mendelssohn aufgestellten Principien zu realisiren suchte, weßhalb wir ums mit diesen vertraut machen müssen. Mendelssohn bekanntlich ein Jünger und Fortbildner der Leibniz - Wölfischen Philosophie , sprach den Grundsatz aus „Was ich als wahr nicht denken kann, macht mich als Zweifel nicht unruhig. Eine Frage, die ich nicht begreife, kann ich auch nicht beantworten, ist für mich so gut als keine Frage" (Briefe über die Lehre des Spinoza 2. Ausgabe 1783. S. 85—86), und dieser Grundsatz war auch das vorherrschende Prinzip aller seiner Bestrebungen innerhalb des Judenthums für dasselbe. — Darum suchte er vor Allem seine Glaubensbrüder mit den Gesetzen des' Denkens durch seine geistreiche Erläuterung des Milor Higajon (logische Lerimnologie) bekannt und vertraut zu machen, sodann führte er ihnen, gestützt auf seinen früher veröffentlichen, wohlberechneten und durchdachten Commcntar des Buches Kohelet, das Wahre und die Wahrheit der geoffenllarten mosaischen Religion in einer gesunden deutschen Uebersetzung des Pentateu.hs vor die Augen und in den Sinn, und endlich sprach er in Jerusalem den Satz aus „Die Religion kennt keine Handlung ohne Gesinnung, kein Werk ohne Geist" und wieder „Ich glaube das Judenthum wisse von keiner geoffenbarten Religion in dem Verstände, in welchem dieses von den Christen genommen wird. Die Israeliten haben göttliche Gesetzgebung. Gesetze, Gebote, Befehle, Lebensregeln, Unterricht vom Willen Gottes, wie sie sich zu verhalten haben, um zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit zu gelangen; dergleichen Satze und Vorschriften sind ihnen durch Mosen auf eine wunderbare, übernatürliche Weise geoffenbart worden; aber keine Lehrmeinungen, keine Heilswahrheiten, keine allgemeine Vernunftgesetze (pag. 256 der Wiener Gesammtausgabe). (Fortsetzung folgt.) Rii AS ticke auf einige die Schrift:, „Rabbinenwahl re. rc/h betreffende, unschuldige Mißverständnisse. (Fortsetzung.) Es wird'nun bemerkt, wie beide Falle (die B edin gu ng e n der Wirklichkeit im Allge m e inen und die Wirklichkeit selbst im Einzelnen) hier eintreten, und daß ferner diese Möglichkeit einer Befangenheit des Urtheils in Sachen der jüdisch-religiösen Praxis bei dem Rabbinen der neuen Schule begründet, daß aber in Ansehung der gewöhnlich so genannten alten Rabbinen d. i. solcher, die mit ihrer ganzen Gesinnung, Anschauungs- und Gefühlsweise noch in der alten Schule wurzeln, ohne darum der allgemeinen, wahren Zeitbildung fremd geblieben, oder wie Herr D. H. dies umschreibt, „in Ansehung weltlicher Kenntnisse unwissend" sein zu müssen — weder im Einzelnen die Wirklichkeit, noch im Allgemeinen auch nur die reale Möglichkeit einer solchen Befangenheit von der Zeitbildung, von derjenigen Zeitbildung nämlich, die aber nur Asterbildung, vorlkegt; daß sogar schon die bloße Einnahme einer solchen Möglichkeit die ganze- Geistes- und Gewüthsrichtung dieser Rabbinen entgegensteht, und um so mehr auch jene zweite Möglichkeit: die Befangenheit des Urtheils in Dingen der jüdisch-religiösen Praxis zufolge der Zeitbildung-, bei diesen .Rabbinen nothwendia wegfällt und