Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 29 (18.7.1840)
- Article
- Rückblicke auf einige die Schrift: "Rabbinenwahl rc. rc." betreffende, unschuldige Mißverständnisse
- Date
- 1840-07-18
- Page
- 461 (sequence 2)
- Language
- German
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461 462 Rückblicke von Dr. Lowositz, das daß er vielleicht seine (die Eingangs erwähnte) Anzeige des Schristchens „Rabblnenwahl", auf die er ebendaselbst hinweiset, für eine Wiederlegung derselben hält. Nein, rwir sind großmüthkger denn er, wir haben seiner Anzeige nicht vergessen, wenn auch er unseres Schrkftchens vergessen bat; und dies um so mehr, als er doch auch Vorzüge desselben nahmhaft zu machen wüste, wofür wir ihm hiermit aufrichtigst danken. Daß Endergebnis; der Broschüre: Rabbinerwahl, glaubt Hr. Dr. Holdheim a. a. O. S. 16 also darzulegen: „Nur erst in neuester Zeit ist in einer kleinen Schrift (eine Anmerkung giebt hier Titel und Verfasser an), durch bekannte Differenzen m einer bedeutenden Gemeinde hervorgerufen, mit ziemlicher Dialektik für die Ansicht der Beweis geführt worden, daß jede Gemeinde, die nicht der Reform entschieden zugethan, (davon findet sich in dem Schriftchen nicht das Geringste) bei der Wahl eines Rabbinen, einem alten, jeder Zeitbildung durchaus fremd gebliebenen, mithin, nach dem gewöhnlichen Wortverstande, in Ansehung weltlicher Kenntnisse unwissenden, vor jedem andern unter dem Einflüße der obgenannten Zeitbildung gereiften und dieselbe in sich aufgenommenen Rabbinen unbedingt den Vorzug geben müsse." Zur Bequemlichkeit des Lesers haben wir hier Einiges unterstrichen, um gleich von vorn herein das Proton Pseudos den Grundirrthum zu bezeichnen, in Ansehung dessen unser Schriftchen nicht nur durchaus keine Rechtfertigung, sondern zumeist sogar den entschiedensten Widerspruch darbietet, wobei man sich allerdings gestehen muß, daß Hr. Dr. H. seine hier in Rede stehende Broschüre, so weit sie sich auf unser Schriftchen bezieht denn doch nicht immer sine ira geschrieben. Wir werden uns wohl hüten, so groß auch die Versuchung seyn mag, die Worte in der eben angeführten Stelle: „es ist der Beweis geführt worden" für uns zu urgiren, wir wollen nicht, daß die Schrift des Herrn Dr. H. also vergeblich gegen wirklich erwiesene Behauptungen angekämpft habe, wir wollen auch um solchen Preis nicht, daß sie in ihrer umfänglichen Bezugnahme auf unser Schriftchen eine überflüssige „sehr unnöthige" sei, was doch sein Recensent in den isr. Ann. ihm ins Gesicht sagt; und daran mag Hr. Dr. H. seine wahren Freunde unterscheiden lernen! — Nicht nur ist ein solcher Beweis, wie ihn Hr. Dr. H. in unserer Schrift gefunden zu haben glaubt, in der Thar nicht geführt worden, sondern er sollte gar nicht geführt werden und war auch nicht im Entferntesten beabsichtigr. Aber um so weniger glauben wir besonders auch in Beziehung auf die oben bezeichneten Umstände, so wie auch auf das, was selbst Hr. Dr. H. noch im Verfolge vorbringt, es uns länger noch erlassen zu dürfen, daß wir selbst endlich es übernehmen, Inhalt und Zweck unseres Schristchens, welches freilich nur in gedrängter Kürze die bedeutsamsten Lebensfragen und Beziehungen des heutigen Judenthums, und zwar besonders nach einer oft so gern übersehenen Sekte hin, würdigt, wahrhaft und getreu männiglich kund zu thun, und zwar erstens den Inhalt, Büchlein „Rabbinenwahl" betreffend. jedoch nur so weit er hierher gehört, wie er sich aber nur im Verlaufe des Schristchens selbst darlegt. Zerwürfnisse in jüdischen Gemeinden, namentlich bei Rabbmenwahlen, deren ernste Erwägung oft selbst hohen Orts nothwendkg (S. 1 — 2) ist. Ihr Grund nicht in mehr oder weniger unlautern Interessen der zunächst durch jüdisch-religiöse Momente getrennten Parteien — dies nur die Folge davon — sondern in der von Einer Seite ausgehenden Unterziehung des äußern jüdisch-religiösen Lebens dem Einflüsse eines fremden Princips, der Zeitbildung; und in der Würdigung desselben in seinen Einzelheiten von fremdem Gesichtspunkte (S. 2—2). Die Zeitbildung wird hierbei ihrem G run d charakter nach als eine christlich-germanische, ihrem Umfange nach als die allgemein-europäische, und, insofern sie auch mit dem was nicht Bildung und sogar das Gegentheil ist verwechselt wird, als eine oft nur vermeintliche (worüber die Anzeige in den israel. Ann. in eine wunderliche Verwunderung ausbricht, und nebenbei ihrem gepreßten Herzen mit einer Expectoratkon über die Bildung des Orients Lust macht) bezeichnet. Daher gehört das zeitliche Moment (als solches das unwesentliche, veränderliche und zufällige) in der Bildung der Zeit oder Zeitbildung nicht zu ihrem Grundcharakter; es kann aus Umständen, aus der Zeit eigenthümlichen socialen und andern Zuständen, Bestrebungen und Beziehungen hervorgehen, welche sich zum Haupt- und Centralpunkte der Menschenbildung, zur sittlichreligiösen Bildung des Geistes und Gemüthes eben so gut hemmend und störend als fördernd verhalten können. Das im ersten Falle aus ihnen hervorgehende Moment in dem Charakter (nicht Grund charakter) der Zeitbildung, kann dann immer noch ein eigentliches Bildungsmoment, ein positives sein, aber jedenfalls nur im einseitigen G e g en sa tz e zu dem W esen der Bildung zu den sittlich-religiösen Interessen. Von der Art ist nun in unserer Zeit die vorherrschende, als solche sowohl vielfältig von den Organen der öffentlichen Meinung, als von den bedeutsamsten Vertretern der heutigen Bildung (sogar mir einem Namens verzeichniß darüber, könnten wir Hrn. D. H. auswarten, wenn es uns nur bei der Hand wäre) anerkannte Richtung auf materielle und inßgesammt auf äußere Vortheile, der Materialismus der Denkweise in unserer modernen Zeitbildung (S. 5); was übrigens natürlich, zunächst im Allgemeinen geltend, Ausnahmen in vollem Maße und Umfange zulaßt, so wie überhaupt nach den Individuen in unendlicher Abstufung vorhanden ist. Die zeitlichen Momente, welche die Bildung eben zur Zeitbildung Differenziren, machen somit die Zeitbildung zu einem bestimmten Modus, zu einer bestimmten Gestattung und Form der.Bildung (S. 4); unsere Zeitbildung ist dann dem Obigen gewiß eine im Allgemeinen durch die vorherrschende materialistische Denkweise (mehr oder weniger) bestimmte Form, und dann in so f e r n, aber auch nur dann, d. i. nur da, wo in den vorbenannten Fällen die Bildung wirklich