Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1840)
- Article
- Breslau: Dr. Geigers letztes Schriftchen und seine Gegner
- Date
- 1840-07-18
- Page
- 221 (sequence 2)
- Language
- German
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221 gungs sucht für [\i)M vergeblichen Anstrengungen durch ungegründete Anschuldigungen sich zu entschädigen suchte. Solchen Feinden gegenüber, Leuten, die so klare Zeugnisse von Unverstand geben, ziemt dem sich seiner bewußten Manne nur Schweigen; denn zu laut sprechen seine Gegner für ihn. Wo die Anfeindung sich in das Gewand der Plebejität kleiden muß, um eine Form zu gewinnen, kann man des Urtheils der Verständigen sicher sein. Zu bedauern ist es nur, daß zu einer Zeit, wo es kaum gelungen ist, unsere Glaubensverbrüderung von einer der abscheulichsten Anklagen zu reinigen; zu einer Zeit, wo das unverschuldete Leiden so vieler unserer Religionsgenossen theilnahmvollen Anklang in ganz Europa gesunden hat; daß gerade zu einer solchen Zeit, und aus dieser Vertheidigung unseres religiösen Gutes die Partei der sogenannten Orthodoxen die Waffen schmiedet, womit sie den anerkannten Ruf Geigers zu schwärzen sucht. Man sieht, wie es diesen Gegnern auf Nichts ankommt, wenn sie nur ihren thörichten Haß an den Tag legen können. Ein werthloses und lächerliches Schriftchen „die Rabbinerwahl zu Breslau" machte es sich zur Aufgabe, den Dr. Geiger als irreligiösen und unmoralischen Rabbinen hinzustellen, und der Welt zu zeigen, wie wenig Geiger sich zur Bekleidung der hiesigen Stelle eigne. Glücklicherweise konnte diese Schmähschrift, wie auch natürlich, dieser Zweck nicht erreichen, ohne in ungebührlichen Tadel gegen unseren Vorstand, ja sogar gegen die Königl. Regierung zu verfallen; ein Umstand, der diesem Schriftchen die Ehre zu Wege brachte, verboten zu werden. Der Verfasser desselben hat es nicht fürgut befunden, seinen Namen der Unsterblichkeit zu weihen, wahrscheinlich, weil er aus Erfahrung weiß, daß er eine solche auch nicht erlangt härte. Oder sollte es in der That schwer sein, aus Styl und Jdeengang einen gewissen „Doktor der Philosophie in Berlin" zu erkennen, bekannt durch Fruchtbarkeit seines Genie's? Wie wenig durch solche wahrhaft ärgerliche Verfolgungen der ruhige Sinn Geigers sich trüben läßt, zeigt eine in diesen Tagen erschienene Broschüre desselben, in welcher diese Umtriebe einer im Finstern agirenden Parthei aufgedeckt, mit dem beißenden Witze beleuchtet und der Verachtung und dem Bedauern übergeben werden. Eines gewissen vorgeblichen Doktor's, erwähnen wir hier deßwegen nicht unter seinem wahren Namen, da er ja doch der ganzen Welt unbekannt ist, und vergeblich sucht, wie ein Herostratus, sich durch unrühmliche Handlungen, einen Namen zu verschaffen. Möge, bis ihm dies gelungen ist, unser verehrter Geiger in Kraft und Freude nach Recht und Gewissen wirken; dann sind die Wünsche aller wahrhaft frommen Breslauer erfüllt. ..! 26. Juni. Sie haben, sehr werther Herr Nedacteur, an mich die Aufforderung gerichtet, Ihnen von Zeit zu Zeit aus unserm Leben und Treiben Bericht zu erstatten. Mit Freuden übernehme ich diesen Auftrag und bedauere nur das eine, daß Ihre Aufforderung an mich gerade zu einer Zeit emgetroffen ist, welche, wenn ich nicht die alte Geschichte von dem Dr. Abr. Geiger berühren will, fär den Eorrespondenten höchst dürr und mager erscheinen muß. Ich möchte sagen, es existirt jetzt bei uns gar kein anderes Lebensthema, als pro und contra Geiger, und dennoch erscheint die Angelegenheit so abgenützt, so durchsprochen, so in Wort und That oft wiederholt, daß man eben nichts (hun könnte, als die alten Phrasen neu auffrischen, wollte man die Sache dem Leser vor Augen bringen. Es ist, um nur Einiges darüber zu verlieren, eine leidige und bedauerliche Geschichte, diese Rabbinatsstreitigkeit, in der viel Kraftaufwand um nichts vergeudet worden ist, so daß am Ende nichts weiter erschöpft erscheint, als der moralische Fond der ganzen Gemeinde. Von welchem Standpunkte aus man auch die Sache ansehen mag, immer bleibt es bedauerlich, einer Gemeinde ein Element aufgedrungen zu sehen, das ihr zum großen Theile fremdartig ist, immer erscheint es als etwas trostloses, einen Mann in eine Welt geschleudert zu sehen, die taub für seine Zunge ist. Da werden Fanatismus, Gehässigkeit, Argwohn, Verkleinerungssucht, andererseits religiöser Stolz, falsches Märtyrerthum, starres Beharren, Consequenzmacherei u. dergi. Dinge mehr geweckt, die am Ende zu nichts führen, als daß sie das alte, ehrwürdige Band auflösen, das seit Jahrhunderten die Gemeinde Israels auch in ihrer Zerstreuung zusammengehalten hat. Es ist überhaupt betrübend, wenn der aufmerksame Beobachter erfahren muß, daß gerade jetzt, in Mitten der Entwicklung einer neuen Aera, obgleich als ein nothwendiges Zeichen der sich neugestaltenden Zeit, im Schooße der Gemeinden selbst so viele Kämpft sich entfalten; wenn nicht allein vor dem Forum der Literatur diese Kämpft um die Wahrheit und den Bestand geschlichtet werden, sondern wenn die Leiter der Gemeinden den ruhigen Ton der Forschung vergessend, sich einer leidenschaftlichen, persönlichen Sprache überlassen, ja befleißigen und dadurch die Losung zum allgemeinen Unfrieden geben. Es muß gekämpft werden, dies verlangt Zeit und Wahrheit, aber man bekämpft Prinzipien und nicht Menschen. Doch ich wollte von Breslau berichten. Nehmen Sie heute vorlieb mit der Anführung einiger liter. Notabilitäten, die sich nicht allein um jüd. Wissenschaft und Leben, sondeern auch um unsre Gemeinde schon so viele Verdienste erworben haben, daß mit Recht unsre Augen, so bald sie sich von diesem Skandal wegwenden, auf sie gerichtet sind, und zu erwarten steht, sie werden sich entschließen, ihre Kräfte dem Dienste der Humanität zu widmen, damit unsre Gemeinde nicht zurücksinkt in die längst verfallene Zeit des Obscurantismus, ohne jedoch ihren selbstständigen Charakter zu verlieren. . Zuvörderst denken wir an den gelehrten Marcus Beer Frieden that, dessen reiche Erlebnisse sowohl,