Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1840)
- Article
- Pesth: die Vereine daselbst ; die Schulen ...
- Date
- 1840-05-30
- Page
- 170 (sequence 2)
- Language
- German
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170 zahl leer ausgegangenen am Samstag und Feiertagen und der dritte giebt ihnen von Zeit zu Zeit auch Wasche und Schuhe. Diesen Vereinen müssen alle auch fremde zu Preßburg studirenden vermöglichen Tatmudjünger ex officio beitreten. Schließlich ist noch das Kimcha de- Pischa zu erwähnen, wo auf Kosten der Gemeinde den unbemittelten Hausarmen, das unbeschrankt nöthige Mehl zum- Osterbrod unentgeltlich vertheilt wird. Oeffentliche Anstalten bestehen daselbst drei: die mit der Talmud-Tora vereinigte k. k. Normalschule, mittelbar unter dem Vorstande .t er Gemeinde stehend, die erst vor einigen Jahren einen regelrechten, zeitgemäßen und organistrten Umschwung erhalten hat, in welcher vier Lehrer zum stusenweisen Unterricht des Talmuds, zwei zum Vorträge des Pentateuch mit deutscher Uebersetzung und etwas Raschi, Nebiim Ketubim und der Hebräischen Sprache, zwei zu deutschen Gegenständen, wie deutsche Sprachlehre, Orthographie, Rechnen, Kalligraphie, etwas Geographie und Religion, und ein Elementarlehrer fungiren. Die Ausgaben dieser Anstalt belaufen sich jährlich auf circa 11000 Fl. W.W. und erst jüngst hat die Gemeinde ein neues, schönes und geräumiges Schulhaus erbauen lassen (um dessen Herstellung sich vorzüglich der erste Vorsteher, Herr M. H. Singer, verdient gemacht hat). Dann ist nur noch zu erwähnen, daß diese Anstalt eine eigene Schulkommisston hat, welche abwechselnd sie beaufsichtigen; zur wöchentlichen Prüfung des Talmuds ist sogar ein besoldeter Rabbine bestellt. Ueber die übrigen Gegenstände werden jährlich zwei Cursprüfungen abgehalten. 2. Die k. k. Primärhauptschule, in welcher, mit Ausnahme des stabilen Talmudunterrichtes, alle obengenannten Gegenstände in etwas ausgedehnterem Sinne, was die deutschen betrifft, und mit wahrer Bezugnahme auf den rmrkantilischen Zweck und zur Vorbereitung für polytechnische Studien der Zöglinge vorgetragen werden, die auch tüchtige Lehrer zahlt und deren Zeugnisse bei allen Landesschulen des österreichischen Kaiserstaates autorisirte Geltung haben. Jammerschade ist es, daß diese beiden Anstalten nicht vereint, verzweigt und verflochten in brüderlicher Eintracht ihre schönen Leistungen zum Heile des Allgemeinen spenden, deren vereinte pädagogischen Kräfte und pekuniären Hülfsquellen Großartiges schaffen und ein Institut formiren könnten, das in der österreichischen Monarchie seines Gleichen zu suchen hatte! Nochmals und wiederholt wollen wir hiermit bei dieser Gelegenheit ein beherzigenswertes' Wort für diese Vereinigung ausgesprochen haben. Denn wahrhaft widersinnig und dem Geiste der Zeit nicht entsprechend ist es, daß zwei für einen und denselben edeln Zweck begründete Institute in einem und demselben Orte als Fragmente dastehen, wo sie ein schönes completes Ganzes bilden könnten, daß sie ihre Strahl- und Wärmekräfte' zersplittern, wo sie, verbunden, eine milde Sonne der Förderung prangen würden!"Wo ei n Wille alles beseelt. eine Tendenz alles bestimmt und eine Richtschnur allen vor Augen, da soll und darf kein äußerer, auf eiteln, nichtigen Gründen beruhender Zwiespalt den Keim und das Gedeihendes Guten beeinträchtigen! Und das Wort, das wir hierüber aussprechen, ist nur ein Echo der Zeitstimme, die jetzt in Ungarn den Sinnesadel einer großen und und hochherzigen Nation beurkundend, den Heilesruf staatsbürgerlicher Gleichstellung ertönen laßt und — wollt ihr von außen gleichgestellt und von Innen im Zwiespalt verharren? „Wie schön und lieblich ist's, wenn Brüder in Eintracht zusammen wohnen!" Und Preßburg, daß in jeder andern Beziehung seit je ein schönes und herrliches Muster und Vorbild der Eintracht und des Gemeindesriedens gewesen, wird, wie dies von der Lenksamkeit, dem Billigkeitsgefühle und der Hellern Denkweise des gegenwärtigen Vorstandes zu erwarten steht, nicht lange mehr zögern, die so oft allseitig gewünschte Vereinigung dieses padagogisch-institutiösen Doppelgängers zu fördern und ins Leben zu rufen! Um die zweite Anstalt haben sich der selige W. Breisach und die Herren Schwabacher und Kohn ein schönes Verdienst erworben. Denn die Mädchenschule, die trotz ihres oftmaligen Sinkens und mannigfachen Eingehens, endlich doch wieder erstanden und begründeter als früher besteht, indem die Gemeinde die Besoldung eines Lehrers und und einer Lehrerin übernommen, der Sold übrigens und die andern Bedürfnisse müssen vom eingehenden Schulgelde bestritten werden. Auch sie liefert schöne Resultate ihrer Thätigkeit und verdankt hauptsächlich deren neueste Regulirung den lobenswecrhen. Bemühungen der Herren Singer, Kohn, Schwabacher, I. Oppenheim und mehreren vornehmen Frauen, die bereits andere Blatter schon genannt und aus welchen ich nur Frau Annette Oppenheim hervorhebe. (Fortsetz, folgt.) Pesth. Stellungen und Zustände der Juden in Ungarn. 2. Artikel. Bedingungen vor dem Jahre 1840. a) materielle. Wst müssen es wohl ffesihatten, daß das, was wir die Juden bis herab in die neueste Zeit behaupten und genießen sehen, reine Gunst des Magyarenrhums ist; denn erst die Gegenwart geht damit um, den Juden eine gewisse Stellung zu sichern, das Gesetz statt der bloßen Gunst in Kraft zu setzen, und das' als allgemein anzunehmen und zu sanctioniren, was den Juden bisher die reine Humanität als vereinzelte erhabene Erscheinung gewährte. Ein Blick auf die Geschichte des Landes und Volkes trübt auf den ersten Augenblick unser Gefühl; denn wir finden vom Anfänge her die Juden Ungarns so frei, so sehr mit dem allgemeinen Menschenthume verschmolzen, daß der Glaube durchaus keinen Unterschied bewirkt und sogar die Verheirathung zwischen Juden und Christen als etwas ganz natürliches gestattet erscheint. Aber die folgenden Jahrhunderte des unverträglichen, abergläubischen und fanatischen Mittelalters reißen die