Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1840-05-23 · 21 (23.5.1840) · p. 333

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1840
Issue
21 (23.5.1840)
Article
Chajim Gallipapa
Date
1840-05-23
Page
333 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/8555529-9891396-9891432-2362606--0431-2362634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

■m Literarische Übersichten. Dr. Freystadt's Philosophia cabbalistica. 334 daß man im vierzehnten Jahrhunderte schon auf den kühnen Einfall kam, am Sabbat das Haar zu kämmen. Literarische U ebersichten. 5) Philosophia cabbalistica. Ex fontibns primariis aduinbravit alqne inter se comparavit Dr. Freystadr. Der Vers. dieser Schrift hat sich die rühmliche Aufgabe gestellt, die vorwurfsvolle Behauptung mehrerer namhaften christlichen Gelehrten, als sei die kabbalistische Philosophie ein Absenker des Pantheismus, welcher bekanntlich zum Atheismus führt, durch eine vergleichende Aufstellung der Lehrsätze beider philosophischen Systeme auf das Gründlichste zu widerlegen. Denn, bemerkt er p. 115. treffend, während der Kabbalismus einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Schöpfer und der von ihm geschaffenen Welt anerkennt, sucht der Pantheismus seinen Gott in der Materie, den Unendlichen im Räumet Während der Kabbalismus eine Welt ohne Gott nicht zu denken vermag, wohl aber auch die Existenz Gottes, selbst wenn die Schöpfung noch riecht oder nicht mehr ist, begreiflich findet, lauguet der Pantheismus ein Vorhandenseyn des Schöpfers außer der Kreatur, und hebt also zwischen endlichen Wesen und dem unendlichen Geiste jeden Unterschied willkürlich auf. Ferner erklärt die kabbalistische Philosophie Gott als eine Intelligenz, der unbeschränktesten Freiheit theilhaftig; dem Pantheismus ist der Schöpfer nur das Naturgesetz, welches sich selbst unbewußt pwducirt. Schon die Grundlehre der kabbalistischen Philosophie, daß Gott vor der Weltschöpfung, aber nur in der Idee gewesen, nachher sich in Raum und Zeit zu offenbaren beschlossen habe, wodurch die sichtbare Welt entstanden, bekämpft das pantheistische System, welches einen Schöpfer ohne Schöpfung nicht zu denken vermag, und nur die mißverstandene Lehre von den Sefirot hat zu einer Vergleichung der Kabbala mit dem Emanationssystem der Pantheisten geführt. An diesem Mißverstandniß, meint unser Verfasser, ist die -Bequemlichkeit der Gelehrten schuld, welche sich von dem Wenigen verständlichen Idiom, in welchem das Buch Sohar und die andern altern Schriften der Kabbalisten abgefaßt sind, noch mehr aber von der unsystematischen Vortragsweise ihrer Verfasser abschrecken ließen, aus der Quelle selbst zu schöpfen, und sich also mit einer oberflächlichen Kenntniß dieses philosophischen Systems begnügen zu können glaubten, wie sie Irira's „Himmelspforte" nur höchst dürftig darbietet, welcher sich von der auf sein Zeitalter influirenden Aristotelischen Philosophie zu sehr beherrschen ließ, um uns einen ungetrübten Blick in jenes Gebiet der kabbalistischen Ideen thun zu lassen. Daher kam es, daß Morus, Helmont, Kleuber, Jakobi u. a. m. wegen ihrer irrthümlichen Ansichten von der kabbalistischen Philosophie -bis jetzt nicht widerlegt worden sind. Für die Gründlichkeit, mit welcher unser Berf. sein Thema abgehandelt hat, möge eine flüchtige Inhaltsanzekge der zweiten Abtheilung sprechen. Hier wird, nach vorausgeschickten allgemeinen Betrachtungen über den Pantheismus, die materialistische Seite desselben in den Theorien der jonischen Weisen, des Aristoteles und der Stoiker beleuchtet, hierauf die idealistische Weltanschauung der Braminen und Neuplatoniker, deren Reflex noch in den Systemen eines Fichte und Hegel bemerkbar ist, endlich auch der Dualismus der Pantheisten, wie in der Lehre Spinoza's und in Schellings Idee des Absoluten sich zu erkennen gibt, zur Sprache gebracht. Den Schlußstein des Gebäudes bildet jene Parallele der kabbalistischen und pantheistischen Lehrsätze, welche zu einem der erstern Schule günstigen Resultate führen, und wovon wir die überzeugendsten Sätze vorher in gedrängter Kürze aufgeführt haben. Aber nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der philosophischen Systeme ist dieses Schriftchen zu nennen, in welchem man auf wenigen Seiten die Hauptsätze aller Partheien aneinandergereiht überblicken kann, sondern auch von den christlichen Theologen dürfte dies Buch nicht unbeachtet bleiben, wäre es auch nur wegen der vielen neutestamentlichen Schriftstellen, die hier (S. 57 rc.) citirt werden, um für die kabbalistische Vorstellungsweise ihrer Verfasser Zeugniß adzulegcn. Die eigentliche Absicht, welche den Verf. zur Herausgabe seiner Schrift stimulirre, dürfte der Wunsch gewesen sein, durch die Verteidigung des Kabbalismus unsere Glaubensbrüder, die seit den letzten Jahrhunderten in der Philosophie zur Aristotelischen Schule sich hingeneigt hatten, von dem überschätzten Maimuni wieder zur Anerkennung der mystischen Weisen aus dem Zeitalter des Sohar und der Tekunim zurückznsühren, deren Studium als eine Pflicht gelten sollte; umsomehr als die im Sohar ausgestellten Ideen als in dem Israelitischen Klima selbst erzeugt, ihrer Natur nach, die heilige Schrift, die ein Produkt des hebraischdn Geistes ist, sicherer commentiren helfen, als jene maimonidische Versahrungsweise, welche die Spuren ausländischer Denkformen nicht verläugnen kann. Unter allen Israeliten möchte aber diese schätzbare Monographie den slavischen Juden in Polen und Rußland, die noch so fest und so tief in der herrlichen Literatur ihrer Vater wurzeln, zu empfehlen sein, zumal man dort unter ihnen die imwre Beschauung und Auffassung des Iudenthums der flachen Aufklärern vorziehet. Herrn Dr. Freystadt aber möchte ich eine Stellung wünschen, in der das geschriebene Wort zu einem lebendigen wird, und die lebendigen Worte zu fruchtreichen seegenspendenden Glaubensthaten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.