Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 21 (23.5.1840)
- Article
- Die Biuristen
- Date
- 1840-05-23
- Page
- 321 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Literaturblatt des Orients. Berichte, Studien und Kritiken für jüdische Geschichte und Literatur. M 21 Leipzig, den 23. Mai 184«. Die Biuristen. Andeutungen zu einer Charakteristik derselben. — Ueber das Princip der jüdischen Ehe von I. A. Frankel. Die eheliche Verbindung nach den Grundsätzen des Talmud beleuchtet. — Literarische Analekten. Todesjahr delMedigo's, von I. M. Landau. Chajim Gallipapa, eine literargeschichtliche Notiz von Dr. M. Sachs. — Die kabbalistische Philosophie, aus den Quellen beleuchtet von Dr. Freystadt, angezekgt und beurtheilt. — Literarische Ankündigungen. — Die Bittersten. Andeutungen zu einer Charakteristik derselben. Mit Moses Mendelssohn beginnt in der jüdischen Culturgeschichte eine neue Epoche. Man hat mit vollem Rechte Moses Mendelssohn mit Musa Maimuni in Parallele gestellt. Beide Männer übten einen gewaltigen Einfluß auf das jüdische Volk, der sich nicht allein aus alle Wohnländer der Juden, sondern sogar über mehrere Zeitalter erstreckte, und über alle Facher des Wissens und alle Verhältnisse des synagogalen Lebens verbreitete. — Betrachten wir den Einfluß, den Mendelssohn aus das jüdische Volk übte, genauer, so ergiebt sich, daß es ein geistig bildender, obgleich auch zuweilen verderblicher war. Er war geistig bildend, indem Mendelssohn statt des jüdischdeutschen Jargons die hochdeutsche Schriftsprache zum Organ der jüdischen Literatur machte, indem er die End: schast eines einseitigen talmudistischen Scholasticismus und einer transceirdentalen kabbalistischen Mystik herbeiführte; indem er den geistigen Verkehr des jüdischen Volkes mit der christlichen Welt anknüpfte und in eigner Person förderte; indem er den jüdischen Studien eine den christlichen parallellaufende und mit ihnen wetteifernde Richtung gab und auf dem Gebiete der Wissenschaft eine freiere, unbefangnere, hellere Forschung und Darlegung derselben in einer verständlicheren, logisch klareren und ästhetisch geschmackvolleren Form anregte. Derselbe Einfluß war aber, von einer andern Seite betrachtet, verderblich. Mendelssohn schied aufs strengste zwischen Gesetz und Glauben. Das ecstere, eingeschlossen das traditionale, galt ihm für schlechthin verbindlich, selbst da, wo seine letzten Gründe unerkennbar seien; hingegen die erkenntnißlichen Lehren der Offenbarung können und müssen (so meinte und that er) der freiesten, unbefangensten und parteilosesten Prüfung unterworfen werden. Mendelssohn beobachtete das Eeremonialgesetz, gehalten durch eine innere ererbte Scheu, befangen in den Fesseln der Gewohnheit, und stellte übrigens die Philosophie oder Vernunfterkenntniß über die Offenbarung. Er (egte täglich seine Tefilin an nach althergebrachter Weise, und philosophirte auch täglich über die Gesetze des A. T., über die Dogmen der Synagoge nach neuhergebrachter Wotf- Lessingisch-Reimarus'scher Philosophie. Es ist ein Widerspruch in Mendelssohn, der durch Vergleichung seiner deutschen und hebräischen Schriften leicht erkennbar ist; dieser Widerspruch mußte sich aber nach und nach auflösen und zu einer allseitigen Opposition gegen die positive sowohl praktisch-gesetzliche als theoretisch-dogmatische Offenbarungslehre werden. Diesen Uebergang von sogenannter Denkglaubigkeit zu dem crassesten Rationalismus, und zugleich sowohl den wohlthätigen als verderblichen Einfluß Mendelssohns stellen auch die schriftstellerischen Arbeiten der Biuristen dar. Ich gedenke ebenhier auf die reiche Literatur der Biurim oder alttestamentlichen Eommentare aufmerksam zu machen, die seit Mendelssohn in hebräischer Sprache erschienen sind, die außer ihrer Wichtigkeit für die Culturgeschichte des jüdischen Volkes eine nicht unergiebige Fundgrube für Bibeldolmetschung und grammatisch-historische Bibelerklarung werden könnten, durch Männer, die im Besitz der geistlichen Diagnose oder Unterscheidungsgaben sind. Moses Mendelssohn selbst eröffnete die Reihe der Biuristen. Seine Uebersetzung der Psalmen, die sich eng an die luthecsche anschließt, und wo sie abweicht, (Heils auf jüdische Tradition, vorzüglich Raschi, (Heils auf philosophische Meinung sich gründet, ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist der Biur zu den Psalmen, der, nebst der Uebersetzung, erweitert und mit Prolegomenen über Poesie, heilige Poesie und heilige Musik vermehrt von Ivel Löwe, Prof, an der Wilhelmschule zu Breslau, 1791 zu Berlin erschien; sein Biur zu dem Buche Kohelet (1770), der die Tendenz hat, die Stellung des Buches unrer den Büchern der Offenbarung 21