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Der Orient · 1840-05-16 · Heft 20 (16.5.1840) · p. 156

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 20 (16.5.1840)
Article
Pesth: Stellungen und Zustände der Juden in Ungarn
Date
1840-05-16
Page
156 (sequence 2)
Language
German
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156 bte reine und nackte Göttin als einen heidnischen Götzen verdächtig und gab dem ungestüm rollenden Blute der Völker, die nach Freiheit verlangten, einen Ableiter, indem er in den Fanatismus die Banner der Heere pflanzte und die Taufe aller Völker predigte, die den christlichen Namen nicht führten. Auch die Ungarschen Juden wurden in dieser Epoche des Fanatismus hart gedrückt, und mußten sogar unter Ludwig l. das Land meiden. Die einmal zum Tode verwundete Nationalität lebt nicht sobald wieder aus, und von Geschlecht zu Geschlecht erbte es gleich einer gedankenlosen, stumpfsinnigen Gewohnheit fort unter den Nachkommen der Bedrücker, daß die Juden außer aller rechtlichen Beziehung standen. Zwar richteten sich die Armen, hecumgejagten hier und dort wieder ein, so bald nur die Strenge der Verfolgung einigermaßen wieder nachließ; denn ausgestoßen von aller Welt, blieb ihnen nichts übrig, als hier und dort ein stilles Plätzchen zu suchen, wo sie unbeachtet ihr kümmerliches Brod essen konnten, aber jetzt war nicht mehr von natürlichen Willen, sondern von Launen und Willkür die Rede und ihr Schicksal gestaltete sich, so wie überall auf Europas Erde, so auch in Ungarn auf das mannigfaltigste und wiedersprechendste. Da kein oberstes Gesetz ihre Verhältnisse ordnete, da im Gegentheil die Macht der Städte und Vasallen immer mehr und mehr wuchs, und bei ihrem Gewicht, das sie in die' politische Waage zu legen hatten, immer mehr verbrieft werden mußte, so daß endlich fast eben so viel Herrschaften oder Republiken im Staate existirten, als Herren und Städte: so ward auch die Lage der Juden ganz in die Hände der Einzelnen gegeben und sie hingen hier ab von einem duldsamen Klerus, dort von übermüthigen Vasallen, wieder wo anders von leidlichen Corporcitionen der Städte und Zünfte. Doch auch jetzt noch gibt die Geschichte dem edelmüthigen Volke der Magyaren ein schönes Zeugniß ihres großherzigen Geistes, denn noch einmal sei es gesagt, ihre Freiheit und das Gefühl derselben gab dem Volke Selbstgenügsamkeit und das Bewußtsein unantastbarer Würde. Deutschland und Frankreich, die großen Träger europäischer Civilisatlort und Cultur, waren bei weitem unduldsamer als das fernere Ungarn. Hier wurden die Juden aus dem Lande in gewisse Städte zusammen getrieben, dort in gewisse Quartiere gebannt, die namentlich des Nachts förmlich abgespecrt wurden. Ein schimpfliches Abzeichen mußte sie kenntlich machen und alle Handthierung, alles Gewerbe ward ihnen untersagt; nur durch den Handel, der nothwendiger Weise bald in den demoralisirenden Schacher überging, durften sie das Leben fristen und sich gefallen lassen , als wahres Macipium der Krone betrachtet zu werden. Nicht so in Ungarn. Zwar wirkte das Beispiel Deutschlands und Frankreichs auch hier und dort verderblich auf die Mächtigen und die Gebietenden des Reichs, aber wie dort der Glanz der Freiheit, so war hier die Schmach der Bedrückung nur eine Ausnahme und vorübergehend. Die königl. Freistadt Tyrnau duldete keinen Juden in ihren Mauern, und denen, die auf der Reise befindlich waren, wurde die Passage durch die Stadt verweigert, so daß sie auf einem wenig betretenen Wege um die Stadt ihren Marsch weiter zu setzen hatten. Dieselbe Unduldsamkeit theilte die konigl. Freistadt S tu hl wei ß en b urg, und in Preß bürg ^zwang das 16. Jahrhundert die Juden, das schimpsiiche Abzeichen zu tragen und die Synagoge verfiel. Im Jahre 1526 ließ sogar die bedrängte Maria, Ludwigs IE. Gemahlin, trotz des eignen Unglücks und. nicht erst durch ihren edlen Gemahl, der die Juden mit vielem Gerechtigkeitssinn behandelte, die Juden aus Preßburg verdrängen und die ihnen zugehörigen Häuser an ihre Hofleute vertheilen; allein, wie schon erinnert, es waren dies alles nur vorübergehende und isolirte Erscheinungen, die eine trübe Laune hervorrief, und der Gerechtigkeitssinn der Kommenden wieder aufhob. König Ludwig If. konnte behaupten, als er 1520 den Preßburgern verbot, den Juden das Tragen eines Abzeichens fernerweit cmzumuthen, daß an keinem andern Orte im ganzen Königreiche diese ungerechte Maßregel üblich sei. Sehen wir uns nach dem Grunde dieser Erscheinung um, die, wenn nicht unwahrscheinlich, doch höchst auffallend in einem Lande erscheinen muß, daß sich auf dem Landtage von 1523 so streng und glaubenseisrig gegen die Evangelischen aussprach, so finden wir denselben nicht sowohl in den Reichsgesetzen, die auch hier dieselben waren, wie allerwarts; sondern vielmehr in den gewaltigen Fueros der Magnaten, in der ganzen Zusammensetzung und äußern Constitution des Landes. Man halte zuvörderst fest, daß der größte Theil der Bewohner Ungarns aus Eingewanderten besteht, denen der verträgliche Geist, der biedere Sinn des Magyaren gern , ein Plätzchen neben sich in seinem blühenden, reichbegabten Lande verstattete, daß er ihnen, als ob dies sich von selbst verstünde, wie Boden, so auch Rechte neben sich einräumte und jeden auf seine Weise sich zu nähren erlaubte, weil die Masse der Fremden alle Eifersucht entfernte, die gesegnete Erde Brots genug gab und der genügsame Sinn wenig verlangte. (Schluß folgt.) Verlag von C. L. Fritzfche. Druck von I. H. Nagel»

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