Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 19 (9.5.1840)
- Article
- Ueber den Judeneid ...
- Date
- 1840-05-09
- Page
- 297 (sequence 2)
- Language
- German
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297 Ueber den Judeneid v. S. I. Rapaport. Dr. Geig er's Melo Chofnajim. 298 dert Jahren enthält. Daher die scheinbaren Widersprüche, die, nach ein wenig Berücksichtigung dieser oder jener Zeit, dieses oder jenes Mannes und dergl. leicht verschwinden. — Wie, und auf welche Art dort viele verschiedene Meinungen und Sagen über alle göttliche und menschliche Angelegenheiten sich nach Verschiedenheit der Personen, Zeiten, Länder, Umstände und Sitten, gestalteten, ist an einem andern Orte klar und deutlich gezeigt werden. Hier genüge es, zum Behuf des gemachten Vorschlages die Anwendung davo'n zu machen, daß nämlich den Rabbinen noch ein weites Feld übrig bleibt, um im Talmud wirklich alles das finden zu können, was man zu finden wünscht. Dieselben haben nur jene Sagen und Grundsätze herauszusuchen, welche in Länder und Zeiten gesagt worden sind, die, in Rücksicht der guten und menschlichen Behandlung der Juden, den Unsrigen gleichen, dann ist selbst bei den bigotten Israeliten viel gewonnen. Es liegen noch sehr viele wichtige Stellen dort völlig übersehen oder unbenutzt, aus Ursache der traurigen Gemüthsstimmung der spätern Sammler, die eine Folge der finstern Zeiten und des unmenschlichen Verfahrens gegen ihnen war. Die Belege dazu sind vielfältig. Solche Stellen werden nun von der Rabbinal-Synode vom Neuen erörtert und dem Volke als Fingerzeige zur allgemeinen Menschenliebe gegeben werden. Es wäre hier zu weitläufig zu beweisen, welchen Nutzen überhaupt für Regierung und Volk eine solche permanente Anstalt haben muß, und wie dringend ihre baldige Errichtung zu sein scheint, ohne sie erst auf das, seit so vielen Jahren umsonst erwartete Iuden-System zu verschieben. Eine Nation, deren Vorgesetzte in der Religion in gar kein Verhältniß mit der Regierung kommen, muß immer, in gewissen Hinsichten, als isolirt im Staate dastehen. Die Negierung schreibt ihre Gesetze vor, und die Religionshäupter, durch bloße Einflüsse, die ihrigen. Wie viele Collissionen können da nicht zuweilen zum Nachtheile beider entstehen! Stehen aber die Letztern tir fortwährender Corrcspondenz mit der Erster» — indem jene oft Berichte ihrer Leistungen in Predigten, öffentlichen Erklärungen und in der Erziehung der Jugend, an dieser zu erstatten genöthigt sein werden, —- dann müssen sich die religiöse Ideen dieses Volkes nach jenen des Staats überhaupt modeln. — Die Negierung dürfte sich hierbei nur in Acht zu nehmen haben, einer solchen Synode kein e Kirch enmach t einzuräumen. Ihre Wirkung auf das Israelitische Volk müßte bloß in der Belehrung und Ueberführung, nicht aber in Zwangsmitteln bestehen; sonst könnte, durch die neue Nahrung, die man dem Zelotisnms verschaffen würde, der Schade weit größer als der Nutzen werden. Dieses hat bereits Moses Mendelssohn in seiner Vorrede zu dem Werke: „Rettung der Juden" *) klar erörtert, und wir wollen uns daher nicht mehr dabei aufhalten. *) Manasch Ben Israel, Rettung der Juden , aus dem Englischen übersetzt. Nebst einer Vorrede von Moses Mendelssohn, als ein Anhang zu des Hm. Kriegsrath Dohm Abhandlung: Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden. — Es bleibt nur noch zu zeigen übrig, daß eine solche Rabbinal-Synode bei den Juden gar nichts Neues ist. Sie war bereits zur Zeit des Talmud völlig organisi'rt, und ihre Glieder erscheinen dort unter den Titel: Aelteste (Sekenim), worunter man aber nicht die Aeltesten an Jahren, sondern die Ansehnlichsten im Range der Gelehrsamkeit und Weisheit verstand. Die Belege hierzu sind an einem andern Orte, von dem Verfasser dieses Aufsatzes geliefert, wie auch dazu, daß diese Aeltesten zu jener Zeit, wirklich ernannt worden sind. Es scheint, daß diese Art Anstalt blos durch die spätere Zerstreuung der Juden iiri Mittelalter in damals von einander entfernten Städten, unter verschiedene Beherrscher, besonders in Europa, in Vergessenheit gekommen ist. Denn es versteht sich von selbst, daß eine authorisirte belehrende Versammlung von Geistlichen blos für ein ganzes Land, nicht aber für eine einzelne Gemeinde paßt; und die verschiedenen Gemeinden mußten sich jede mit ihrem einzelnen Kirchenhaupre begnügen, da die Unmöglichkeit des Zusammenhanges, die Unterhaltung einer solchen gelehrten Versammlung, sowohl in pecunäirer als literarischer Hinsicht, unmöglich machte. Sollte das bisher gesagte nicht überzeugend genug erscheinen, so bin ich bereit, auf Verlangen, dieses in einer eigenen Abhandlung umständlich, mit gründlicher Auseinandersetzung, darzuthun. Ich schließe mit der, meinem Volke vom Propheten (Ezechiel 36, 15) zugesprochenen Hoffnung: „Ihr werdet nicht mehr hören die Vorwürfe der Nationen, und keine Schande mehr von den Völkern tragen." Notizen über Dr. Geigers Anmerkungen zu dem Literaturhistorischen Briefe von I. S. del Medigo aus Kandia an den Karaiten Serach ben Natan zu Lorok (Melo Chofnajim, deutscher Theil S. 1—25; besonders paginirt). Wie überall im menschlichen Leben, auf den Reiz der Neuheit gespannt, das Fremdländische und Unbekannte die Aufmerksamkeit des Publikums in einem hohen Grade mehr beanspricht, als das Inländische und Bekannte, so ging es auch wir, und gewiß vielem Andern, bei der Lectüre des interessanten Werkes Melo Chofnajim. Der Hauptinhalt des eben erwähnten Buches, die Lebensgeschichte und Spiegelbild del Medigo's, dessen Charakteristik, die, wie von Herrn Dr. Geiger Der redliche und menschenfreundliche Beamte, dem dieser Aufsatz übergeben werden dürste, wird im Namen dieses unglücklichen, so oft und so grausam verkannten Volkes, inständigst gebeten, diese kleine Schrift sammt der sehr merkwürdigen Vorrede dazu, durch zulesen, um die Beschuldigungen aller Zeiten und' Formen, gegen die Juden, würdigen zu können.