Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 18 (2.5.1840)
- Article
- Ueber den Judeneid
- Date
- 1840-05-02
- Page
- 277 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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877 Ueber den Judeneid v. S. I. Rapaport an das gallizische Landesprasidium. 278 (Chullin 13, 6.). Durch den conditionellen Zusatz: „in fremden Ländern," will er blos das Land Palästina ausschließen, welches damals fast nur von Israeliten bevölkert war. Wenn von diesen einer zum Heidenthume überging, mußte er freilich als freiwilliger Götzendiener betrachtet werden, denn ihm wurde ein solcher Dienst nicht von seinen Aeltern überliefert. — Die Humanität und allgemeine Menschenliebe dieses Nabbi leuchtet auch aus andern Stellen hervor. Er lchrete, daß der Ewige selbst mit den Egyptiern Mitleid fühlte, als sie das Meer verschlang, und daher den Engeln den gewöhnlichen Lobgesang verwehrte. „Meine Geschöpfe ersäufen im Meere, und ihr wellt jetzt Hymnen singen?" soll der Allgütige, nach der Allegorie dieses Rabbi gesagt haben (Megilla 10, b.). Er verbietet auch einem Nichtjuden Uebles nachzureden, und wollte diese schöne Lehre in dem 20. Vers des 50. Psalms gefunden haben: „Du sitzest da, redest über deinen Bruder, heftest deiner Mutter Sohn Schandflecken an" — welches er zum Behuf seiner Moral auf folgende Art erklärt: Wenn du über deinen Bruder, der nicht der Sohn deiner Mutter (derIsraelitischen Religion) ist, Uebles redest, so wirst du am Ende auch dem Sohne deiner Mutter, deinem Glaubensgenossen, Schandflecken anheften. (Midrasch Raba zu Deut.). — In diesem Sinne wird derselbe Vers anderswo (Midrasch Tanchuma Parascha Ele Pekude) auch von dem frommen und toleranten Rabbi Iosua ben Lewi erklärt, nur setzte er zu dem Worte „Bruder" nvch den Name«? „Edom" hinzu, der in der heiligen Schrift immer ein Bruder Israels genannt wird, worunter aber bekanntlich von den Talmudisten die Römer verstanden werden. Derselbe Rabbi Iosua wollte auch sogar keinem Ketzer fluchen, und als er darüber befragt wurde, antwortete er: Es steht geschrieben (Psalm 145, 9) „Gottes Erbarmen maltet über alle seine Geschöpfe" (Behotrach 7, a.'. Noch mehr behauptete er, daß nach der zu hoffenden allgemeinen Auferstehung, auch alle andere Völker nicht mehr sterben werden, indem es in der heiligen Schrift (Jesaja 25, 8) heißt: „Der Ewige wird von jedem Gesichte die Thränen trocknen lassen." (Bereschit Raba 26. Parascha) Dieses sind nun die Lehren der zu gewissen Zeiten so verschrieenen Talmudisten! Und man glaube etwa nicht, daß die citirten Männer zu den unbedeucendern im Talmud gehören; sie sind vielmehr zu den authorisirtestrn, geehrtesten und wohlbekanntesten Rabbinen ihrer Zeit zu rechnen. Rabbi Akiba ist bekannt als ursprünglicher Ordner und Ausbildner aller Mischna's, Midraschim, des Siphri und überhaupt der ganzen traditionellen Lehre. Alle spätern Lehrer der Mischna sind seine Schüler, deren Zahl bis auf zwölftausend gestiegen sein soll. — Samuel, der Weise seiner Zeit genannt, war Lehrer und Vorsteher einer großen talmudischen Akademie zu Nahardea, und sein Ausspruch in der Rechtslehre wird allein gegen alle seine Gegner im Talmud als gültig angenommen. — Rabbi Iochanan soll während 80 Jahre hindurch einer großen talmudischen Schule zu Liberias vorgestanden, und mit Hilft seiner Schüler den jerusalemischen Talmud versaßt haben. — Rabbi Iosua, Lewi's Sohn endlich, wird völlig als Heiliger betrachtet, und manche Talmudisten lassen ihn sogar lebendig ins Paradies steigen. — Es sind also ausgezeichnete, durch Rang, Gelehrsamkeit und eifriger Frömmigkeit bei der Nation im höchsten Ansehen stehende Männer, welche solche humane Aussprüche gegen Andersdenkende und Glaubende äußerten. Schwerlich werden andere Religionsvölker, besonders zu jener alten Zeit, so viele eifrig fromme Männer aufzuweisen haben, die eben solche tolerante Gesinnungen gegen ihre Nebenmenschen andern Glaubens verbreitetem Man schlage die Kirchengeschichtsbücher aller Nationen auf und überzeuge sich. Wie viele Ströme Bluts mußten der Intoleranz fließen, wie viele Zeitepochen verstreichen, wie viele Geistesbildung und Verstandesaufhellung mußten vorangehen, ehe in Europa ein Fenelon und Boffuet geboren ward' Die eifrigen Orthodoxen einer jeden Religion haben immer ihre Glaubensgenossen für die Auserwählten gehalten, und ihre Lehre schien den meisten von ihnen, die Ausschließung Andersdenkerder vom irdischen und überirdischen Glücke deutlich zu verlangen. Das Canonische Recht hat immer, zum Wohle der gesammten Menschheit vor dem politischen und bürgerlichen weichen müssen. Und nun verlangt man in einem kanonischen Rechtsbuche der Israeliten , was doch allein dcn Inhalt des fraglichen Choschen Ha-Mifchpat ausmacht, das zu finden, was man in eben solche Art Bücher anderer Völker vergebens suchen wird! Die Juden besitzen keine eigentlichen Bücher der Rechtslehre, denn sie machen keinen besondern Staat mehr aus. Ihre alten Rechtsgefttze stammen nicht, wie bei andern Völkern, von profanen Gesetzgebern her, sie wurden vielmehr von gottcsfürchtigen Patriarchen, Nesiim in Palästina genannt, und Nabbinm, dem Volke als Gottes Wort gelehrt, und nachher von den Spätern in frommen Eifer ausgezeichnet. Und selbst unter diesen haben wir viele ausgezeichnete Männer von toleranter Denkungsart, außer den bereits citirten, aufzuwekfen. Es ist aber auch nicht zu laugncn, daß in den schrecklichen Zeiten der römischen Herrschaft, als die fürchterliche Blursucht eines Nero, Heliogabal, Diokletian und ihres gleichen wüthete, und die ganze Menschheit blos im Stillen trauern konnte, auch einigen Frommen Israels manche brennende Seufzer entschlüpften, die zu gegen.- ftitigen Absonderungen und Ausschließungen Anlaß gaben, und die nachher in spätere Bücher übergingen; jedoch keineswegs in dem Maaße, wie cs von manchen Anklägern aus Absicht oder Mißverstand entstellend vorgegeben ward, und das Hoch!, k. k. Landes-Praesidium zu glauben scheint. Nie und nirgends ist im Choschen ha-Mischpat Mord, absichtlicher Betrug und dergl. selbst gegen die Akum (Götzendiener), ja selbst gegen die gedachten anerkannten Verfolger des gesammten Menschengeschlechts erlaubt worden. Man findet im Gcgentheil auch in diesem Choschen Ha-Mischpat manche, bereits citkrte Beispiele einer strengen Moral in Hinsicht der Verhaltung mit ihnen, welche Lehren jedoch mit jenen erpreßten Seufzern sich auffallend widersprechen. — Wie diese Widersprüche zu heben sind, und auf welche Art den Israeliten die wahre Richtung zur 18*