Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1840)
- Article
- Prag: jüdischer Oberrichter in Pesth ...
- Date
- 1840-05-02
- Page
- 140 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360112-2362414--0444-2362448- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
diger, nicht nur durch seine seltne talmudische Gelehrsamkeit, sondern auch durch seine Kennmiß der alten klassischen Sprachen ausgezeichnete Mann, ist auch nicht Schüler des sei. R. Joachim Deutschmann, sondern wurde in der Schule des berühmten sel. Rabbi Moses Minzin Preßburg gebildet, dessen Talmid Chabib er war. Seine Predigten, die er nach dem bisher in den meisten mährischen Gemeinden üblichen Gebrauche an gewissen Sabbaten des Jahres halt, sind dem Bedürfnisse der Gemeinde ganz entsprechend, und nützen durch ihren acht nationalen, frommen und sittlichen Geist, der in ihnen herrscht in seinem Kreise gewiß mehr, als die deutschen Predigten der meisten jetzigen jungen Rabbiner die, voll des erborgten Schimmers, auf jede Eigen- Lhümlichkeit verzichten, und in ihrer Gehalt- und Cha- -rakterlosigkeitweder belehren noch bessern. — So viel ist doch wahr, daß in diefer Gemeinde mehr geschehen könnte; aber auch daran, daß bis jetzt nicht mehr geschehen ist, sind die Verarmung der meisten Gemeindeglieder und die beengenden Verhältnisse, in denen sie leben, Schuld. Ich habe Ihnen bis jetzt Neuigkeiten aus der Fremde mitgetheilt; nun will ich Ihnen auch das Bemerkenswerthe aus dem jüdischen Leben in Prag mittheilen. Nach gestern elngegangenen brieflichen Mittheilungen kommt Rappaport nach Ostern sicher nach Prag, um hier seine Stelle als erster Oberjurist und Religionsvocsteher anzutreten. Somit wiederlegen sich die vielen Gerüchte, mit denen man sich hier mehrere Tage herumtrug, als hätte R. seinen Entschluß geändert, und auf die ihm verliehene Oberjuristenstelle resignirt. — Seit einiger Zeit hat sich hier unter dem Protektorate Sr. Excellenz des Herrn Karl Grafen von Chotek, Oberstburggrafen und unter der Direktion des Gründers und Stifters Herrn Leo Leopold Grafen Thun- Hohenstein als Vorsteher, ein Verein zum Wohle entlassener Züchtlinge mit allerhöchster Genehmigung consti- (uirt, der mehre israelitische Mitglieder zahlt, und dessen wohlthatige Wirksamkeit von jeder Glaubensverschiedenheit absehend auch auf jüdische Individuen sich erstreckt. — Ungarn. Pesth, 15. April. (Fortsetzung.) Außer diesen genannten Dreien bestehen noch sechzehn Vereine, nämlich 4, die Chebra Kadischa Gemilut, Chaßadim, die Brüderschaft zur Besuchung und Abwartung der — gefährlichen insonders — Haus- und Spitalkranken, zu Todtenbeerdigung, zu welcher die Elite, der größte und vorzüglichste Theil der Gemeinde sich zählt, und durch Grundstücke,- Legate, Fideicommis, außerordentliche und fixe jährliche Beiträge — indem jeder Hausvater mindestens 1 fl. C.M. jährlich beizutragen verpflichtet — am reichlichsten dotirt, aber auch das große und schöne aus mchrern Sälen bestehende Krankenhaus (Hekdesch) in allen Beziehungen, wie Bezahlung der Aerzte, Apotheke, Krankenverköstigung, Stecbekleider für arme im Spital Verstorbene und die für Hausarme vom Vereinsvorstehec gestempelte Receple und den Gehalt des Spitalvaters zu bestreiten hat, unter dessen Specialaufflcht das Krankenhaus steht. Dieser Verein feiert jährlich am Lag ba-Omer %b) ein großes Fest, nach dem samwtliche Mitglieder am Tage vorher bis halb Ein Uhr Mittags zu fasten verpflichtet, sich auf dem Gottesacker versammeln, das Gebet Menucha Nechona verrichten und wo nachher der Oberrabbine über ein eigenes zu diesem Behufe bestimmtes Thema des Talmuds eine passende Predigt hält, worauf der Verein im Speisesaate das Vefpergebet verrichtet und ein sogenanntes Frühstücksmal einnimmt. Es ist dies ein alter verjährter Brauch, der aber noch mit allem Rektz der Neuheit Jahr für Jahr gefeiert wird. Und es ist ein wahrhaft schöner und überraschend herrlicher Anblick, die mit den golddurchwirkten Ladevorhängen und Altardecken aus sammtlichen Synagogen durchgängig tapecirten und ausgeschmückten Speisesaale an diesem Tage anzuschauen. Ein harmloses, frommes und religiöses Volksfest. Ein schönes und bleibendes Verdienst um die Verschönerung und ordnungsmäßige Verbesserung des Krankenhauses und der Organisation dieser Vereinsangelegenheiten überhaupt, haben sich die seligen Isaak Löwy und Maier Tausk erworben, deren Name gewiß noch lange mit dankbarer Ehrfurcht genannt werden wird. Damit verbunden sind die Vereine 5—6 Meschibat- und Pikuach Nefesch, von welchen ersterer die Kranken — insonders Reconvalescenten — mit labenden und erquickenden Genüssen versorgt, und letzterer, neue Wasche und dergl. zur Zeit des Bedarfs für das Spital anschafft und dessen Vorsteher auch genaue Kontrole darüber führt. Dann 7 Anije Jrenu, von welchem Hausarme, sogenannte Pauvre Honteuse, alte und gebrechliche Individueneinen monatlichen Gehalt beziehen. Ein Seitenstück zu diesem bildet 8 der Verein Maßkil el Dal, der beinahe einen gleichen nur in etwas differirenden wohlthätigen Zweck hat. 9 Talmud Tora, Lehrgehaltsverern für die arme Jugend, nicht eben am schlechtesten durch Legate fundirt und wozu auch jeder Hausvater einen jährlichen Betrag zu geben obiigirt. (Forts, foglt.) . Druck von I. H. ddagel. Verlag von L. Fritzsche.