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Der Orient · 1840-04-25 · Heft 17 (25.4.1840) · p. 132

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 17 (25.4.1840)
Article
Pesth: Schilderung jüdischer-ungarischer Zustände
Date
1840-04-25
Page
132 (sequence 2)
Language
German
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132 — ren reichendes Alter. So viel ist gewiß, daß die Epoche ihres jetzigen Bestehens, mit der Niederlassung, Erstehung und Heranbildung auf fürstlich Parvischem Schloßgrunde und unter dessen huldreichem Patronate begonnen, wo ihnen Handel und Gewerbsbetriebsamkeit jeder Art, beinahe unbeschrankt frei und offen steht und sie eigene Häuser haben dürfen. Kaum fünfzig Jahre sind es, daß sie auch unter städtische Aegide gekommen, indem ihnen der Consens auch die rechte, auf städtischem Grunde liegende Gegenüberseite der Judengasse bewohnen zu dürfen, ertheilt wurde, auf welcher Seite ihnen, unter mehrfachen Beschränkungen, wie Gewerbsbetrieb, Weinschank, Greißlecei, Gasthaus, Handel mit neuen Mobilien, Kleidern, Materialien und der Ankauf von Hausern — blos der Kleinhandel gestattet ist. Die ganze Gemeinde mit allem dahin gehörigen, ihres Geschäftes und Berufes halber anderwärts etabilirten, Einwohnern, zahlt etwas über 2000 Seelen und an 700 Familien, unter denen nur sehr wenige vorzüglich reiche, mehr als ein Dritttheil die Armuth und die übrigen den Mittelstand bilden, die sich größtentheils außer denjenigen die ihr Geschäft anderwärts haben — vom Klein- und Hausirhandel, in der jüngsten Neuzeit, auch vom Gewerbsfleiße, ernähren. Die Judengaffe bildet eine große und lange aufwärts gehende Hauptstraße, zwei Nebengaßchen, den von ihr getrennten ,,Zuckermandat" und die ihnen erst jüngst zuerkannten drei Gaßchen in der Stadt, die aber noch von Wenigen bewohnt. Es bestehen hier zusammt der großen 13—15 förmliche Synagogen, die meistens von Privaten gestiftet und worunter auch einige durch Fideicommiß befestigt, und für die Dauer fundirt und begründet, unter welchen bfe des angesehenen seligen Israel Brüll, des Emanuel Lemberger vorzüglich, erwähnenswerth. Letzterer hat eigentlich das besondere Verdienst, vor etwa 24 Jahren ein Bet Ha-Midrasch gestiftet zu haben, zu welchem Behufs er zwei, große Zimmer feines schönen Hauses dazu bestimmte, sie mit einer enormen Anzahl talmudischer und sonstiger hebräischen Bücher ausstattete und bei seinem Tode mit einem Legate zu dessen Erhaltung es versorgte. In diesem Bet ha-Midrasch kommen täglich Abends, mit dem Beschlüsse des Tagsgeschäftes, die Mitglieder zweier Vereine zusammen, und zwar im ersten Zimmer die sogenannte Schaß - Chebra, denen ein Uuterrabbkne den Talmud, in fortlaufender Ordnung der Traktate, mit einigen nöthigen Kommentaren vorträgt, und welche bereits in einem Zeitraum von zwanzig Jahren einmal das ganze Gebiet des Talmuds durchgegangen, welches Befchlußfest mit einer großen solennen Feier zu Pceßburg gefeiert wurde — wobei merkwürdig, daß sich einige Mitglieder dabei befanden, die nicht eine Vorlesung seit dem Beginne verabsäumt hatten. Im andern Zimmer, der Machstke-Tora-Verein, dessen Mitglieder fromme, des Talmuds unkundige Hausvater, und von einem Lekcor den Wochenabschnitr der Tora mit Verdeutschung und dem Commentare Raschi und einige Paragraphe aus dem Ocach Ehajim sich vortragen lassen, welche letztere, sich auch am Samstag Vormittag nach dem Austritte aus der Synagoge daselbst versammeln, und von ihrem Lehrer die Stimme der Religion und Moral zu vernehmen. Außerdem haben die Handelsbeflissenen ' unverheirateten Jünglinge einen Verein: Tiserer Bachurim, um Samstag Vormittags eine Stunde Tora und Moral zu vernehmen. (Fortsetzung folgt.) Preßbnrg. Auf dem Landtage zu Preßburg kam die Emancipation der Juden zur Sprache. Die Debatten waren sehr kurz; ein Deputicttr, Denk, stellte unter andern ganz summarisch folgendes Dilemma: Entweder sind die Juden Menschen, oder nicht; sind sie keine Menschen, so werft sie doch zum Lande hinaus; sind sie aber Menschen, so gebt ihnen auch alle Menschenrechte. Daraus wurde die völlige Emancipation der Juden von beiden Ständen (von der Ständetafel und der Magnatentafel, an. welcher auch fünf Bischöfe sitzen) einstimmig genehmigt. Die Juden sind nun in alle Rechte nichtadeliger Christen eingesetzt; sie können Grundbesitz erwerbern, und die höchsten Civil- und Militäramter bekleiden; ja, sie können auch (eine Bestimmung, die man, den ungarischen Verhältnissen zu gute halten muß) geadelt werden, und zwar nicht blos. für Geld, sondern auch für politische, literarische oder andere Verdienste um ihr Vaterlands denn der ungarische Jude hat jetzt ein Vaterland. Das Emancipationsgesetz ist von den Ständen auch auf die zum Königreich gehörigen Länder. Kroatien, Slavonien und Dalmatien ausgedehnt worden. Der König (so nennt man in Ungarn den Kaiser von Oesterreich) kann höchstens einige Punkte ermäßigen, ein pures Veto steht nicht zu gewärtigen. — Der gerade Sinn, und die unverfälschte Gutherzigkeit eines Naturvolkes hat also ein unheiliges Vorurcheil früher besiegt, als die hohe Civilifation Deutschlands, wo, wie man sich oft gegen Frankreich und sonstiges Ausland rühmt, jeder Bauer schreiben kann, und jeder Gevatter Schneider sein,,Tageblatt liest. In Ungarn giebt es noch keine so weit verbreitete Fibelbildug, auch keine ihre Zeit so hoch, überragenden Geister, wie in Deutschland, aber das Volk in Ungarn ist auch nicht so überreich an buchstabendürren Philisterseelen und verschrobenen Focmelmenschen, die den Sauerteig übermächtiger Satzungen statt des Gehirns im Kopfe tragen. Ehre den Magyaren! . —f—. Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Hkagel<

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