Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1840)
- Article
- Wien: Legate der Frau Veronika Baumgarten
- Date
- 1840-04-04
- Page
- 104 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360108-2362139--0341-2362184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
104 Schreiben an den einzigen Sohn der Verewigten, 5pm. Max Baumgarten, zu übersenden geruhete, das tief innigste Vedauem über den Abgang eines ihrer thätigsten und wirksamsten Mitglieder aufs unverkennbarste athmend und aussprechend. Doch, wenn auch manche Perle den Kranz ihrer weiblichen Tugenden schmückte, die schönste und edelste bleibt immer noch diese, daß sie, als seltene Erscheinung sorgsamer und zärtlicher Mutterliebe ewig unvergeßlich im Kreise ihrer tiefum sie trauernden Kinder und Angehörigen bleibt. Ruhe ihrer Asche! — Wien, 19. Marz. Der Antrag, die Emancipation der Israeliten in Ungarn betreffend, ist auch in der Reichssitzung der hohen Magnaten durch den Tavernicus Baron Cötvos am 9. d. bei Verhandlung des zweiten Standenunciums in Angelegenheit des Urbariums zur Sprache gebracht und allgemein angenommen worden. Demgemäß ist folgender Beschluß gefaßt: „Daß die Israeliten in Ungarn, wo sie bis jetzt wohnen und durch die Gesetze nicht ausgeschloffen sind (die gesetzliche Ausschließung erstreckt sich nicht weiter als auf die Bergstadte), zu Urbarialftssi'onen eben so wie jeder andere Unterthan befähigt sein sollen. „In der Ständetafel stützte der Abgeordnete des Pesther Comitats, Dubraviczky, seinen Antrag auf die traurige Lage des in der ganzen Welt zerstreuten israelitischen Volkes. Er behauptete, daß es überall im Auslande gelinder behandelt wird. Außerdem, daß die Israeliten in der Monarchie die allgemeinen Lasten, so wie andere Contribuenten, mittragen, werde von ihnen noch eine Duldungssteuer gefordert. Sie seien aus Ursache verschiedener Vorurtheile von ordentlicher und unbeschränkter Erlernung der Handwerke ausgeschlossen i auch als Soldat könne es der Israelit trotz ausgezeichneter Eigenschaften und Verdienste nicht bis zum Ofsi'cier bringen, und kaum ein besseres Loos habe er zu erwarten, wenn er sich auf das Feld der Wissenschaften verlege. Daher komme es, daß das israelitische Volk blos auf den Handel beschränkt sei, und daß es in Ermangelung eines geregelten Verdienstes, auf Schacher und Wucher verfalle. Zwar dürste der Israelit jetzt schon, wie andere Unterthanen, Urbarialsessionen kaufen und benutzen, allein noch sei er vom Besitze größerer Pachtungen ausgeschlossen und er trage deshalb im Auftrag seiner Eommittenten darauf an: „daß die israelitische Religion in die Reihe der im Lande angenommenen Religionen gestellt, daß ferner die Israeliten in die. Rechte der nicht adeligen Ungarn gesetzt, und zu allen — nicht adeligen Christen offenstehenden Bedienstungen fähig sein sollen, was natürlich auch auf den Militärstand sich erstrecke, und daß endlich die Israeliten so wie jeder Nichtadelige in Folge ausgezeichneter Verdienste solle geadelt werden können." Die einstimmige Annahme dieses Vorschlags haben wir bereits gemeldet. Deak, Jertelendy und Szegedy unterstützten den Antrag in feiner ganzen Ausdehnung. Letzterer fügte noch bei, daß diese Begünstigung der Juden auch auf die zu Ungarn gehörigen Länder Kroatien, Slavonien und Dalmatien ausgedehnt werden möchte, was ebenfalls Annahme fand. Man ist bereits mit Verfassung eines Nunciums hierüber nebst Project zu Gesetz und zur Präsentation beschäftigt. Augsb. Allg. Zeit. Berlin, 18. März. Dem jetzt in Breslau angestellten zweiten Rabbiner, Dr. Geiger, ist kürzlich, wie von dort berichtet wird, von dem Magistrate die Erlaubniß ertheilt worden, an der dortigen Realschule einen besonderen Religionsunterricht für diejenigen Schüler mosaischen Glaubens zu ertheilen, welche diese Schule besuchen. Wie es heißt, soll auch hier Linnen Kurzem eine ähnliche Maßregel in Bezug auf den Religionsunterricht jüdischer Schüler und Schülerinnen, welche christliche Schulen besuchen und bisher gar keine Unterweisung jener Art erhielten, Angeführt werden. L. Z. Leipzig, 30. März. Eine interessante Monographie hat so eben die Presse verlassen, die zur Geschichte der Juden in Deutschland einen schönen Beitrag liefert. Diese Monographie führt den Titel: „Geschichte der Juden in Sachsen, mit besonderer Rücksicht auf ihre Rechtsverhältnisse, zum Theil nach archivalrschen Quellen bearbeitet" und der Professor Bülau in Leipzig, der geistreiche 'Forscher auf dem Gebiete der Geschichte, hat eine große von Humanität und Duldung überströmende Vorrede dazu geschrieben. Als Motto stehen die schönen Worte Gabriel Rießer's: „Darum ist hier der Sieg der Menschlichkeit der schönste, der Sieg der Freiheit der erhabenste. Erst mit den letzten Finsternissen des Hasses werden die letzten Vorurtheile gegen uns aus den veredelten Gemüthern schwinden.'" Diese ganze Schrift auch, voll des jugendlichen Muthes und der Hoffnung auf die Zukunft, ist zur Vertreibung solcher Vorurtheile abgefaßt, und von einer jugendlichen Begeisterung und einer innigen Liebe zum jüdischen Volke wird das Ganze getragen. Noch nie hat uns ein Correspondent, so weitschweifig ec auch gewesen sein mag, die Emancipationsgeschichte der sächsischen Juden seit 1830 so treffend und organisch geschildert, als dieser jugendliche Verfasser (Isidor Kaim), und es ist kein Wunder, da die Hoffnungen Israels nur in seiner aufblühenden Jugend wohnt; dem Leser des Orients wird es gewiß angenehm sein, eine Probe dieser so ziemlich pragmatischen 'Arbeit zu lesen, und wir (heilen hier die Schilderung mit, welche das letzte Jahrzehend betrifft. „Mehr als irgend eines verdient das Jahr 1830 den Anfang einer neuen Periode in der Geschichte der Rechtsverhältnisse der Juden in Sachsen zu bilden; theils der Wichtigkeit wegen, welche ihm überhaupt in den sächsischen Annalen zugestanden werden muß, theils weil eine gänzliche Umwandelung der Innern Verhältnisse des Vaterlandes nothwendig mit der allgemeinen Reform auch die Zustände der Jsrael-iten ändern, und ihre nächste. Zukunft von der Zeit daticen mußte,