Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1840)
- Article
- Toscana: Judenverhältnisse in Livorno
- Date
- 1840-04-04
- Page
- 103 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360108-2362137--0336-2362183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
103 19 Lehrern unterrichtet werden. Die Knabenschule ist in 18 Klassen getheilt; deren 10 erste mit Bibeln und Eomm. so auch in 'iVti TOn, ferner in der Mischna, Talmud, Maimonides u. st w. auch mit schriftlichem Uebersetzen, beschäftigt werden, die übrigen acht sind für profane Schulwissenschaften und Sprachen (Französisch, Englisch), auch Zeichnen und Gesang; die Mädchen lernen das hebräische Gebetbuch übersetzen, Italienisch, Rechnen, Schreiben und Handarbeit. Ein Comitä von Männern besucht jene, und ein Comitü von Frauen diese, abwechselnd täglich. Die Reichen senden ihre Kinder in andere öffentliche Schulen oder halten Hauslehrer. — Die Gemeinde steht noch unter dem Rath von 40, an deren Spitze der Eancellero mit beschrankter Gewalt. Der jetzige ist ein Arzt, Dr. E m a n u e l B a sa r i, ein sehr gebildeter Mann. Die Schule Franco hat jetzt als erste Lehrer die Herrn Eastelnuovo und Curiat; auch die Ergas besteht; außerdem hält der Ehacham Biberno eine Talmudschule, worin 10 Studirende. — Druckereien giebt es wenige, und in geringer Thätigkeit. In den Schulen bedient man sich der wohlfeilen englischen Bibeln. Außer der schon erwähnten Uebersetzung des Gebetbuches nach italienischem Ritus, hat man seit 1837 eine Uebersetzung des Spanischen, von Samson Gentiluomo zu Venedig. Großbritannien. LonövA, 9. März. Bei dem am 6. März von der Königin im Jamespalaste gehaltenen Lever überreichte Isaak Lyon Goldshmid im Namen der Juden zu London eine Glückwunschaddreffe. Die Juden, sagt der Sun, seien die einzigen Unterthanen der Königin, die noch unter bürgerlichen Beschränkungen zu leiden hätten, und es muffe der Königin ersreulich sein, zu sehen, das; die Juden, wenn ihnen auch Rechtsgleichheit versagt sei, doch nicht minder ergeben gegen sie und ihre Regierung seien. Keine Klaffe britischer Unterthanen habe über so wesentliche Beschwerden zu klagen, und doch übertreffe keine Klasse die Juden in willigem Gehorsam gegen das Gesetz und in ruhiger Unterwürfigkeit gegen unverdiente Schmähung und mittelbaren Druck. „Wir hoffen, diese Umstände werden vor der Königin in das wahre Licht gesetzt werden, und sie werde sich dadurch bewogen finden, den Anfang dieser neuen und Glück verkündenden Zeit in ihrer Regierung dadurch auszuzeichnen, daß ihre hebräischen Unterthanen hinsichtlich bürgerlicher Gleichheit mit ihren Landsleuten von allen Glaubensbekenntnissen auf denselben Fuß gesetzt werden." Es ist bekannt, daß schon vor mehren Jahren durch den verstorbenen Gouverneur von Bombay, Sir Robert Grant, eine Maßregel zu diesem Zweck im Unterhause vorgeschlagen wurde, die aber an der Engherzigkeit der kirchlichen Eiferer scheiterte. Gegen dieAeußerungen des Sun ist jedoch zu bemerken, daß die Rechtsungleichheit der Juden im Grunde nur noch in einer Ausschließung von politischen Rechten besteht, da sie in Beziehung auf bürgerliche -Rechte schon lange frei, und weder in der Erwerbung von Grundeigenthum noch im Handel und Gewerbe beschrankt, und seit 1835 selbst die Hindernisse gehoben sind, welche ihnen den Zutritt zu Gemeindeämtern in London verwehrten. (L. A. Z.) Deutschland. Wien, 17. Marz. (Eingesandt.) Am 30. Januar d. I. starb zu Wien die Frau Veronika Baum garten, Wittwe des k. k. priv, Großhändlers Markus Maier Baumgarten, in ihrem achtzigsten Lebensjahre. Eine Frau, geschmückt mit den schönsten und vorzüglichsten Tugenden eines biedern Weibes, als liebevolle Gattin, als seltene zärtliche Mutter, ein schönes Vorbild still sinniger Häuslichkeit, bescheiden und fromm in ihrem Familienkreise wirkend und waltend, ward sie, Feindin alles Prunks und Gepränges, oft wohltbuend im Stillen, Mutter der Armen und Bedrängten. Mit seltener Erfahrung, Bildung und männlicher Thatkraft ausgerüstet, war auch ihr energisches Eingreifen in das Geschäftsleben ihres angesehenen Gatten, von dem wohlthatigsten Einflüsse, so, daß sie es war, die zur Beförderung des Fabrikwesens und inländischer Industrie in Manufakturen mehrere hundert Arbeiter beschäftigte. Genau wußte ihr durch Lebensansicht und Erfahrung bis zur Jnfallibilität treffender Scharfblick bei jeder Unternehmung die Folge zu berechnen, so daß sie im Kreise ihrer Umgebung, insondecs von dem Lehrer ihrer Kinder dem berühmten Ben-Seeb, nur das Orakel genannt wurde. Bis zu ihrem fünf und zwanzigsten Jahr erzogen im Hause der berühmten Frau Sybilla, Stammmutter des freiherrlichen Hauses Arnstein, das schon zu damaliger Zeit die auserlesensten Notabilitäten vereinigte, hatte sie gleich nach ihrer Vermählung eine Gnadenaudienz bei weiland Sr. Maj. dem Kaiser Leopold, in welcher ihr der Monarch die unbeschränkte immerwährende Toleranz huldreichst ertheilte. Von ihrem Gatten zur unumschränkten Gebieterin seiner Hinterlassenschaft eingesetzt, und sie selbst ohne eigentliches Testament gestorben, fand sich nach ihrem Hinscheiden ein von ihr selbst geschriebenes Memorandum mit der Aufschrift: „Was nach meinem Tode geschehen soll", in welchem sie dem Israeliten- und Christenspitale, Armen-Institute, Vereine, dem neuen Bethause und den Armen zu Eisenstadt angemessene Legate vermachte. Nicht minder mag es als auszeichnende Anerkennung ihrer schönen Verdienste gelten, daß sie Mitglied des adelichen Fraumvereines zu Wien war, dessen Vorsteherin, die durchlaucht. Fürstin von Odescalchi im Namen des Vereines, ein zartsinniges Condotenz- 14*