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Der Orient · 1840-04-04 · Heft 14 (4.4.1840) · p. 102

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 14 (4.4.1840)
Article
Kandia : jetziger und früherer Zustand [Nachricht]
Date
1840-04-04
Page
102 (sequence 2)
Language
German
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102 ein großes Vermögen erwarb) deren einzige Tochter Casta mz an ihren Verwandten Elija verheiratet und wurde Mutter unseres Josef Salomo. Der altere Abba nämlich, den wir oben als Bruder Schemarja's, des Stammvaters der bisher Aufgezahltenkennen lernten, hatte drei Söhne: Elija, Mose und Elkana, alle drei ausgezeichnete Talmudisten, von denen Mose spater in Jerusalem lebte, die beiden andern in Kandia blieben; sie nahmen sich ihres Landsmanns Mose Kapsoli an gegen Josef Kolon. Elkana's Sohn, Samuel, gleichfalls Rabbiner, starb vor der Geburt seines Sohnes, der daher Samuel Menachem genannt wurde; dieser war Lehrer der Philosophie und jüdischer Theologie in Padua und Zeitgenosse des Juda Minz, in den Kriegen zwischen der Republik Venedig mit dem Kaiser wurde er in Padua — wahrscheinlich als Unterthan der ersteren — gefangen genommen und sein Vermögen eingezogen, worauf ihn dann seine Landsleute auslösten und ihn zurück nach Kandia beriefen als Rabbiner. Sein Sohn Abba (ü.), gleichfalls Talmudist, hinterließ wieder einen Sohn, Namens Elieser, einen Schüler des Isaak Berab in Kahira und des Josef Karo in Safet (um 1560), der im Verkehre war mit Elieser Aschkenasi und in lebhaftem Streite gegen kabbalistische Behauptungen Menachem Asaria's (Immanuel) aus Fano und 45 Jahre lang eine talmudische Hochschule hielt; dessen Sehn Elija, an seines Vaters Bestrebungen Theil nehmend, folgte diesem im Rabbinate zu Kandia und war der Gemahl der Casta und Vater unseres Josef Salomo. Italien. Toseerrtlr, Jan. 1840. Der Judcnmisffonär Ewald aus Heidelberg theilt in dem Mifsi'onsbtatte Jeicisk IntelL von Jan. 1840 folgende Nachrichten über die Israeliten in Toscana mit, die hier einen Platz finden mögen. — Au Anfänge des 16. Jahrhunderts waren noch sehr wenige Israeliten im Toscanischen; eine kleine Gemeinde war im Ghetto zu Florenz und eine kleine Zahl in Livorno. Die Vertreibung aus Spanien brachte viele hierher, und alsbald schieden sich zwei Gemeinden: Spanier (Sefardim) und Italiener ’OD), mehrere gingen nach Pisa und Siena. Die Sefardim behielten in Livorno die Oberhand, und ihr Ritus ward in der 1659 erbauten großen Synagoge eingeführt. Sie haben durch ihren mitgebrachten Reichthum Livorno zu einer blühenden Handelsstadt gemacht. Das Oberhaupt der 40 Rathsherrn heißt: Jl Cancellero, und hat sein Amt' auf Lebenszeit; er hat vier Beisitzer, und diese zusammen hatten sonst die Befugniß, Streitigkeiten zwischen Gemeindegliedern zu schlichten; ein Richter ward beigegeben für religiöse Angelegenheiten. — Sie errichteten zwei Schulen (für Religionsguellenstudium), die eine Franco, die andere Ergas genannt, an jeder wurden 10 Rabbinen angestellt, die täglich 5 Stunden zu lehren hatten. Monatlich sollte einmal, und zwar spanisch, gepredigt werden. Dazu kam noch eine Armenschule. Auch eine Braut-Ausstattungsgesellschast ward gebildet. Alle wurden sehr gut fundirt. Die Synagoge in Livorno ist eine der schönsten in Europa, sie hat 3 Schränke mit 60 Gesetzrollen; und wenn an hohen Festen Abends die hunderte von Candelabern angezündet sind, das Haus gefüllt ist, das Militär die Menge in Ordnung erhält und der Chor das Halleluja anstimmt, ist der Eindruck majestätisch. — Die Israeliten in Toscana genossen große Freiheit, und während ihre Brüder in Italien verfolgt wurden, lebten sie in Ruhe. Als 1787 die Inquisition abgeschast wurde, waren die toscanischen Israeliten so erfreut darüber, daß sie als Beweis ihrer Dankbarkeit bei der Regierung darauf antrugen, ihre (Zivilsachen vor die Landesgerichte bringen zu dürfen, was ihnen bewilligt ward. Der Eancellero verlor dadurch viel von feinem Ansehen. — In Toscana treiben fast 'Alle Handel; Gelehrsamkeit nahm bald so sehr ab, daß man nicht mehr einen zuverlässigen Richter für religiöse Angelegenheiten finden konnte, daher man jetzt deren drei anstellt, welche die Emolumente unter einander theilen. Eben so hat man die höheren Schulstellen, welche, nach den Leistungen, mit 6 bis 3O Thaler monatlich hvnorirt werden, weil sich für größere Leistungen keine Subjecte fanden, theilen müssen. — Wissenschaftlichkeit wird völlig vermißt; die Schulen, welche in Deutschland, Frankreich und England und sonst überall verbessert werden, sind hier gar nicht fortgeschritten. Selbst das Spanische ist vergessen, und der Prediger redet zu den Wänden. Die wohlhabendere Jugend wird in christliche Schulen geschickt, die ärmere erhielt einen sehr unbedeutenden Unterricht in einer Schule von neun schlecht gehaltenen, düstern Classen, bis die neuern Verbesserungen, seit 1836, eintratm. Ich begreife nicht, woher Dr. Jost in Berlin feinen Bericht genommen, daß (im I. 1803) eine gute Bürgerschule von sechs Classen vorhanden sei u-.f.w. (Geschichte d. Jsr. Bd. 9. S. 134), da die Gemeinde niemals an Errichtung einer Schule für Wohlhabende gedacht hat. In diesem Jahre begann man die Reform des Gottesdienstes; derselbe erhielt fünf Vorsteher: die Rabbinen tragen Ornate gleich den katholischen Priestern; ein Chor ist gebildet; Ruhe und Ordnung herrscht durchgehend^ Gegen die Einführung der italienischen Sprache protestirte der Seckelmeister, welcher erklärte, die Zahlung inne zu halten, sobald man vom Spanischen abginge. Man errichtete ferner zwei Kleinkinderschulen, die für Knaben hat etwa 60, die für Mädchen etwa 40 Zöglinge; Alles schön, geräumig, reinlich und wahrhaft bewundernswürdig. Durch mehrere Vermächtnisse ward man in Stand gesetzt ein neues großes Schulhaus zu erwerben, wo jetzt die Armenkinder (zus. geg. 150) von

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