Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1840)
- Article
- Von der Warthe : Früchte einer milden Regierung [Nachricht]
- Date
- 1840-03-28
- Page
- 100 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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100 man öfters Juden sagen hört: „Es ist eine so unbedeutende Abgabe, womit wir uns vom Militärdienste toskaufen, daß auf manchen Familienvater oft nur 8 Gr. kommen, wahrend er fünf Söhne stellen müßte; und dennoch würden wir, wenn es uns freigestellt würde, Soldaten zu werden, dies lieber thun, als das Rekrutengeld bezahlen, daß so unbedeutend ist; denn wir würden vorziehen, derselben Ehre theilhaftig werden zu können wie die Christen und wie die Juden in den andern Provinzen." L. A. Z. Böhmen. Pvttg, 16. Marz. An interessanten Nachrichten, insbesondere an solchen, die durch Veröffentlichung im Orient Theilnahme erwecken könnten, ist Prag überhaupt arm, was sich bei einer Gemeinde, deren freier Wirksamkeit überhaupt so wenig Raum gegönnt ist und die sich daher unselbstständig langsam fortbewegt, leicht erklären läßt. Insbesondere scheint der durch die gegenwärtigen ungünstigen Handelsconjecturen mühsam werdende Erwerb alle Gemeinde-Interessen zu consumiren. So ist selbst derjenige Theil der hiesigen Gemeinde, der für die Berufung Rapaport's nach Prag so eifrig bemüht war, jetzt als dem endlichen Beschlüsse ihrer Wünsche kein Hemmniß mehr entgegentritt, kälter und gleichgültiger geworden. Man scheint verzagt und unentschlossen über den Wirkungskreis dieses Gelehrten, als wäre außerhalb der Predigt und der Läuterung des Cultus keine Wirksamkeit im Judmthume nöthig! Jene Jugend, deren Herz sich nach Verständni.ß der Vergangenheit glühend sehnt, jene Männer, die so gern wie Schüler, unserer frühem Lehrer lauschen, auch dieser Kern will gepflegt und gewartet werden. Auch unsere Literatur verlangt ihren Vertreter. Die Gemeinde sollte berücksichtigen, daß die Ernennung Rapaport's zum ersten Oberjuristen ihr ihm gegenüber eine weit größere Verpflichtung auferlegt, als es je bei einem Oberjuristen der Fall war. Napaport wurde nicht nur von der höchsten Staatsbehörde zum Oberjuristen ernannt, sondern er wurde von dem größten und intelligentesten Theile der Gemeinde dazu berufen; ec verläßt eine Stelle, für die ihm, wenn nur äußere Lebensverhältnisie und eine bequemere und sorgenfreiere Existenz zum Maßstabe genommen würden, die Prager Oberjuristenstelte schwerlich, wenigstens für jetzt nicht einen genügenden Ersatz bietet, und das blos um für seine sowohl wissenschaftlichen als praktischen Bestrebungen einen fruchtbarem und ergiebigem Boden in einer deutschen Gemeinde zu finden, die er Ln Polen bis jetzt nicht gefunden hat. Die Gemeinde und die den Gemeindeangelegenheiten ihre Theilnahme zuwenden, mögen dafür sorgen, daß ihm dieser Boden nicht verkümmert werde und die neue Heimat ihm nicht fremd bleibe. An die Berufung Rapaport's knüpfen sich die schönsten Hoffnungen für die Wiederbelebung erstorbener Interessen, für die Regeneration erstarrter Institute. Diese Hoffnungen können und werden verwirklicht werden, wenn gleich anfangs die Bedingungen sichergestellt werden, von denen jede segensreiche Amtswicksamkeit abhängt. Diese sind: eine würdige und unabhängige Stellung, die ihn über kleinliche Rücksichten hinausstellt, ein vrrtrauenvolles und offenes Entgegenkommen von Seiten der Gemeindeglieder, und endlich die möglichste Unterstützung und eifrigste Mitwirkung von jenen, die in verwandten Wirkungssphären thätig sind, oder denen sonst in Gemeindeangelegenheiten das Wort zusteht. — Ein andere Angelegenheit, die als Zeichen der Zeit die größte Aufmerksamkeit verdient, bildet die hier bei allen Behörden wieder zur Sprache gekommene Frage wegen Emancipation der Juden. Die Veranlassung dazu gaben zwei der reichsten und durch ihre Verdienste in der Emporbringung vaterländischer industrieller Unternehmungen angesehensten jüdischen Fabrikanten durch ihr in höchster Instanz eingebrachte Bittgesuch um Ertheilung der Bürgerrechte für sich und ihre Descendenten. Unter manchen harten aus der vorurtheilsyollen Beschränktheit des Mittelalters hervorgegangenen Äußerungen einzelner Stimmgeber, wurden auch viele freisinnige aus dem Bewußtsein dessen, was den Juden wahrhaft noth thut, und aus dem Durchdrungenfein von den Forderungen eines gesteigerten Rechtsstandes und den Ansprüchen der fortgeschrittenen Bildung resultirenden Meinungen und Vorschläge gehört. — Die von jedem Vorurtheil freien und stets nur durch die heiligsten Rücksichten geleitetete Gesinnung unseres humanen und thatkraftigm Oberstburggrafen zeigte sich bei dieser Gelegenheit besonders in ihren vollen Liebenswürdigkeit. Wenn es auch wahr ist, daß in einem solchen speciellen Falle, wenn auch das Resultat das günstigste wäre, nur eine lohnende Anerkennung der Verdienste Einzelner läge, die übrigens auf das Ganze ohne wohltätigen Einfluß bliebe, indem eine einzige factische Begünstigung wohl noch keinen festen bessern Rechtszustand begründet, so liegt doch in dem Umstande, daß dergleichen Fragen überhaupt auf allerhöchste Veranlassung zur Sprache kommen etwas Erfreuliches und ein nicht untrügliches Zeichen, daß die hohen und höchsten Behörden dergleichen Angelegenheiten ein williges Ohr leihen, und daß es nur bis jetzt bei uns an einem lebendigen und kräftigen Worte eines bescheidenen aber unbefangenen Wortführers gefehlt hat, der mit der Verfassung des Staates in seinen einzelnen Richtungen vertraut ist, das jüdische Leben und seine Verhältnisse genau kennt, und dabei Anhänglichkeit und Liebe genug hat für seine Brüder und seinen Glauben. — Verlag von C» S* Fritz sch? Druck von I, Nagel.