Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1840)
- Article
- Wien: Überschau der hebräischen Literatur in Österreich
- Date
- 1840-03-07
- Page
- 76 (sequence 2)
- Language
- German
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76 den Zügen Wey Spracheaus, und Verfall und Zerwürfnis waren als Stempel, inniger Sympathie und Theilnahme ihren Idiomen aufgedrückt und sie war das elegisch tönende Echo, ihrer innern Verstörung. Das Volk mußte dem heimathlichen Heerde den Rücken wenden und hinaus in die weite Fremde die historische unstete Wallfahrt antreten, und mit ihm zugleich legte die Sprache, das rauhe Pilgerkleid um und wanderte mit ihm, ein heiliges göttliches Palladium, nach-den. fernsten Ionen der Erde. Und verschwistert pilgerten Volk und. Sprache. hinaus in das Weite, und Nichts als diese heilige und trauliche Lyra ward von allen Schätzen und Kleinodien aus der Heimat mitgenommen. Dort klagte eine treue Gefährtin und Freundin sie in melodischen Wehmuthslauten ob des Sturzes und Verfalles, dort seuftte sie mit ihm unter den Fußtritten der Bedrückung; lächelte mit ihm, wo ein Strahl der Huld und Warme erschien; und frohlockte, mit ihm, wo Eintracht, Friede, und Ruhe ihm erblüheten. — Wenn wir die noch duftenden Blumen ihrer frühesten geistigen Produktivität, jene einzelnen aus dem Gebiete verschollener Jahrhunderte in die Gegenwart herüberragenden Marksteine, zählen und beschauen; wenn wir nur die Vorreden und Einleitungen selbst damals erschienener wissenschaftlicher Werke durchlesen, so werden wir, wenn wir mit den historischen Annalen Hand in Hand gehen, es bestätigt finden, daß sie es ist, die das jedesmal zeitweilig obwaltende dunkle oderheitere Volksgeschick aufs Entsprechenvste darstellt und beurkundet. Freilich nur sehr kurz und vorübergehend waren die. lichterhellten Epochen ihres Glanzes, die aus dem-Dunkel wie der ephemere Strahl eines Blitzes auftauchenihregoldene Zeit war nie mit Alter verbunden. Nur spärlich waren ihr, wie dem äußern Mißgeschicke ihres Volkes, Momente der Erhebung, des geistigen Aufschwunges zugemessen und zugezählt. Ihr lächelte keine milde Sonnenwärme eines dauernden Frühlingsmocgens, ihr tönte kein erhebender Trostspruch eines väterlichen Beschützers, ihr zarter Blüthenkeim ward nicht von der zärtlich sorgsamen Hand eines freundlichen Pflegers gewartet und kein Balsamthau aneifernder Anerkennung träufelte erfrischend und erquickend ihr nieder, um ihrem allmäligen Gedeihen. Erfrischung und- Leben einzuhauchen und den Stempel der Vollendung aufzudrücken. Verkannt-, verstoßen- und verachtet, wie der Boden, dem sie entsprossen, blühele und entfaltete sie im Dunkeln sich' und sank wieder in Erstarrung. So schwanden Jahrtausende hm und nur isolirte Marksteine ragen aus dem Nachtgebiete einer hingeschwundenen Vec- ' gangenheit hervor , die das Dasein ihrer spärlichen Lichtpunkte und Glanzmomente bezeichnen. Historisch bedeutende, geistige numismatische Zeugen sind es, die das mannigfache Gepräge der wechselvollen Zeitverhältnisse ihrer Entstehung deutlich und unverkennbaran der Stirntragen. — Aus den Drangzeiten nachbabplonischer Wirrnis; tönen düstrer Mystizismus und kabbalistische Gnosis herüber; es wird uns in dem verworren und mosaikartig aus Bibelstellen zusammengetragenen, korrupt und dennoch plastisch und kunstvoll gefügten Baue der deutschen Pijutim, ein Bild der damals dort obwaltenden Verstörung Zerrissenheit und Wirrniß aufgestellt. Wie uns in den. gleichzeitig mit ihnen entstandenen geordneten, wahrhaft poetischen sefardischen Pijutim. ein getreues Abbild der zeitweiligen Ruhe und Eintracht entgegen lächelt. So lauschen wir in den etwas späteren heitern Klängen lüzzattischer Harfe, den süßen, obwohl mit fremdrhythmischen,, italienischen. Versfüßen einherschreitenden rein hebräischen Gesängen Luzzatto's; so-horchen wir, in der von dem Feuer des Orientes durchzuckten, Blüthe und Frische beurkundenden wessely'schen Muse, den feierlichen-priesterlich geweiheten Frühhymnen verjüngter, beseelter Auferstehung, und so sehen wir in den Meassim den gluthbesonnten Tag einer Gesangsepoche austauchen. Als letzter Impuls zur rüstigen Thatkraft, den die Neuzeit ausgegeben, stehen als prangende Ehrensäulen die herrlichen Gesänge Kohn's, die Bikure Ha-Jtim und die Kerem Chemed's da. (Fortsetz, folgt.) Wien, 4. März. Laut Ausweis über die Verwaltung des hier bestehenden israelitischen Armenvereins, hat derselbe vom 1. Januar 1839 bis 1. Jan. 1840 die Summe von 13,930 fl. E. M. an Arme vectheilt. Die Vorsteher desselben, diemit rüstiger Thätigkeit sich diesem wohlthätigem Zwecke widmen, sind die Herren I. N. Mann h eim er, S. B iedermann, Moritz Goldschmidt, M. H. Beer, Samuel Pollak und Heinrich Sichrowsk y.— Es wird hier von der Bibelgesellschaft eine neue Ausgabe der Bibel im Urtexte mit beigefügtec spanischer Uebersetzung in Rafchi- Charakteren in zwei Bänden veranstaltet. Dem Vernehmen nach bei- Edlen von Schmid. Die Ankündigung einer neuen und schönen Ausgabe des Talmuds von obigem Verleger ist unter der Presse. Berlin, 16. Febr. (Beschluß.) Es lebten Juden in den Kreisenüberhaupt wovon aus dem Lande Ahrweiler . . 469 . . 360 Neuwied . . 1076 . . . 709 Mayen . * 765 . . - 642 Koblenz . . 862 . . . 344 St. Goar . . 351 . . . 194 Kreuznach . . 1506 . . . 970 ' Simmern . . 626 . . . 459 Zell .... 286 . . . 248 Kochem . . 340 . . . 298 Bern kästet . . 825 . . . 751 Wittlich . . 333 . . . 232 w Stadt u. Land 930 . . . .664 Von diesen Kreisen gehören, die ersten neun zum Regierungs-Bezirk- Koblenz, die drei letzten zum Regierungsr. Bezirke Trier. Es istin ihnen der Weinbau ein Haupt-