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Der Orient · 1840-02-01 · 5 (1.2.1840) · p. 74

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Journal
Der Orient
Volume
1840
Issue
5 (1.2.1840)
Article
Jeled Secunim, oder Kind des hohen Alters ...
Date
1840-02-01
Page
74 (sequence 2)
Language
German
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75 Ahron Chorrn. Seme Wünsche; seine Reformbestrebungen. 7t» Verherrlichung des heiligen Namens Gottes, zur Ehre seiner heiligen Tora, und zur Erleichterung Euerer beengten Lage, von so manchen ermüdenden Bürden, von Mißbrauchen, welche selbst nach den bestehnden Vorschriften des Schulchan Aruch suspendirt werden mögen. Meinem diesen Blättern vorgeschickten Motto: „Säe am Morgen deine Saat, und auch am Abend laß deine Hand nicht ruhen" gemäß, füge ich folgende drei hebräische Abhandlungen bei, in welchen ich nach dm Regeln des Schulchan Aruch darthne: 1) Daß zur Verherrlichung des Gottesdienstes erlaubt sey, das Gebet am Sabbat selbst durch einen Israeliten mit Orgelspiel zu begleiten. 2) Daß es dem Jsraeliten vergönnt sey, an der für die menschliche Gesellschaft so wohlthatig einwirkende Erfindung der Eisenbahn fahrt am Sabbat Th eil zu nehmen. 3) Wie uud auf welche Art man die dem Israeliten so lästige siebentägige Trauerzeit verkürzenkönne. Die Ursache und Veranlassung zu diesen Abhandlungen habe ich in den Abhandlungen selbst angegeben, zugleich erklärt, daß ich Belehrung und Zurechtweisung von Jedem, der sie mir im bescheidenen Tone geben will, erwarte. Ich suche Wahrheit, und werde sie gern annehmen. Gemeinden Israels! Verschmähet nicht den Segen eines Greises, den er Euch, am Ende seines amtlichen Jubel- Jahres durch das Kind seines Alters ertheilt." * * * So weit die Selbstbiographie Chorin's, die hier in dem Oriente schon deshalb einen Platz verdient, da darin eine Ueberstcht der gesummten geistigen Bestrebungen und Leistungen erstrebt wird, und die Biographik bekanntlich kein unwesentlicher Theil einer Literaturgeschichte ist. Aber auch in kulturzustandlicher Beziehung verdient die Lebensskizze Chorin's bekannt zu sein. Herr Chorin spricht seit 50 Jahren über Reform des Rabbinismus, über Erleichterung des rabbinischen Joches, mit einer so seltenen Freimüthigkeit, daß die hie und da noch vorhandenen pfaffischen und heuchlerischen Rabbinen in Deutschland, die bald aus vermeintlicher Klugheit, bald aus Heuchelei diese Gegenstände nicht berühren mögen, sich schämen müßten, wenn sie beschämt werden können. Bei all dem Freimuth besitzt auch Herr Chorin eine Kenntniß des Rabbinismus, den rr bis in seine geheimsten Gange verfolgen kann, wie man sie bei den Reformschreiern in Deutschland nur selten findet. Sein Büchlein ist daher sehr reich an Reformanregungen, und jeder wahre Freund der jüdischen Bestrebungen wird es gewiß nicht unbefriedigt aus der Hand legen. In der hebräischen Beilage wird nach nowodidaktischm und rabbinischm Grundsätzen die wichtigste Reforwangelegenheit besprochen, daß nämlich der Gebrauch des Orgelspiels an Sabbaten und Festtagen, auch durch Juden gesetzlich erlaubt und moralisch wünschenswerth sei; nur wünscht er eine eigenthümliche würdig ausgeprägte synagogale Musik und keine äffische Entlehnung weltlicher Melodien und der Gesangweisen fremder Kulte. Die Synagoge muß wie in ihren uralten einfach-erhabenen Gebeten, so auch in ihrem Gesänge und Saitenspiel ein würdiges nationales Gepräge haben. Mit schmerzlicher Wehmuth und wahrer Seelentrauer blickt Chorin auf die Spaltungen der Gemeinden Deutschlands, die er, so wie den häufigen Abfall vom Glauben der Väter, den jüdischen Pfaffen oder den Rabbinen mit Recht zuschreibt, und die Absonderung durch Tempel, deren Glieder er T-pm Dtsn “P"6 onnnn D'IMK nennt, hält er für die Frucht des Bessern im Judenthume. Die ganze Discusst'on nach dem Talmud und nach den Rabbinen kann hier natürlich keinen Platz finden. Der zweite Reformgegenstcmd, der hier ausführlich hebräisch besprochen wird, und zwar durch ein tiefes Eingehen in den Sinn der Talmude und Poskim, behandelt die gesetzliche Erlaubniß, an Sabbaten und Festtagen mit dem Dampfwagen fahren zu dürfen. Nicht die Lust, Hemmnisse des rabbinischen Judenthums wegzuräumensondern die Besorgniß, daß heuchlerische Rabbinen auf den corrupten Gedanken kommen könnten, diese Entdeckung in ihr Bereich ziehen zu wollen, um dann eine Erschwerung wehr zu machen, bewog den Hc. Chorin, diesen Gegenstand aufzunehmen. Der dritte Gegenstand betrifft die Verkürzung der Tcauerwoche, dadurch daß man den Beginn der Trauer von der Stunde an rechnet, in welcher die gewaschene Leiche in den Sarg gelegt ist, nicht von der Stunde des Begrabnißes. Eine andere hebräische Berlage, die nur zum Theil auch in deutscher Sprache verarbeitet ist, bespricht in einer ausführlichen talmudischen Diskussion den Grundsatz, daß man das rabbinische Gesetz, sogar das Geschriebene sehr wohl dem Aeitbedürfnisse anpassen kann und darf, und daß der Talmud selbst nur aus einem solchen Bedürfnisse hervorgegangen sei. Fast denselben Gegenstand behandelt Leopold Löw in seiner Einleitung zu Jeled Sekunim, welche den Titel führt „die Reform des rabbinischen Ritus auf rabbmischem Standpunkte", nur behandelt ihn Herr Löw mit größerer Ausführlichkeit und mit Bezugnahme auf die Ansichten Chorin's, Geiger's und Luzzatto's und allen Bestrebungen der Neuzeit. Die Zeichnung von drei Hauptrichtungen in der jüdisch-theologischen Literatur und in dem jüdisch - kirchlichen Leben der Gegenwart leitet die Abhandlung Löw's recht würdig ein. Wir können die Anzeige dieses Büchleins' nicht besser schließen, als mit dem Spruche: „Sae am Morgen deine Saat, und am Abend laß deine Hand nicht ruhen", den Herr Chorin selbst zum Motto fernes Merkchens machte.

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