Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 4 (25.1.1840)
- Article
- Das Buch Kuzari
- Date
- 1840-01-25
- Page
- 55 (sequence 2)
- Language
- German
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56 55 Das Buch Kuzari von Brecher. Jüdische Religionsphilosophie. und hiebei ging man vom Standpunkte des Glaubens aus, wandte sich aber von der strengen Formglaubigkeit ab und ging wehr dem Gemächlichen, ahnungsvoll Höheren, dem Edelsittlichen zu— ein Aufbauen eines neuen, wissenschaftlich systematischen, aber mit den Glaubenssätzen doch analogen Gebäudes. In allen drei Richtungen i) ist von jüdischer Seite Vieles geleistet worden; alles tragt aber natürlich den Stempel der aristotelischen Philosophie, so wte auch den des Jüdischen, Nationalen deutlich an der Stirn. Und dies ist die scharf markirte Eigenthümlichkeit, wodurch sich die Werke der jüdischen Philosophen jener Zeit von denen ihrer Zeit- und Systemgenossen, den Werken der Araber und der christlichen Scholastiker streng unterscheiden. Unter allen Produkten dieser Zeit aber, so wie überhaupt unter allen jüdischphilosophischen Werken, ist wohl keines so ächt national, so dem Geiste des Judenthums in allen seinen Nüancen, selbst der staatlichen, volksthümlich selbstständigen angemessen, keines für die wissenschaftliche Entwickelung des jüdischen Glaubens so fruchtbar und auf dessen Gestaltug so mächtig einwirkend, als das Werk des auch als Dichter so berühmten Jehuda Ben Samuel Halewy, als das Buch Kuzari, das uns jetzt von Herrn G. Brecher in einer neuen Ausgabe, im Geleite eines Commentars und einer Uebersstzung, vorgeführt wird, und dem, nach dieser allgemeimern Einleitung über jüdische Philosophie, wir nun unsre speciettere Aufmerksamkeit zuwenden wollen. Der Verfasser des Kuzari gehört seiner philosophischen Anschauung nach eigentlich weniger zu den Aristotelikem, und sein Werk gehört, um es einstweilen ganz allgemein zu klassisiciren, in die dritte Klasse, der oben von uns angegebenen Richtungen, die aus dem Zusammentreffen der Philosophie und des Judenthums sich hervorbildeten. Der schon durch Philo in dasselbe gekommene neuplatomsche Synkretismus, welcher durch sein Anlehnen an orientalische Systeme, durch seinen Einfluß aufs Christenthum, und vorzüglich durch seine Emanationstheorie sich in jener Zeit sehr geltend gemacht hatte, war eigentlich unter dem Gewände und der Hülle aristotelischer Formen der wahre Herrscher im Mittelalter. Dieses Ahnen und Schauen eines Höheren, eigentlich Unsichtbaren, dessen Verbindung mit dem Sichtbaren und die natürliche Herleitung dieses aus jenem, und vor Allem das feste Behaupten dieser Lehren, die herzerhebend waren, indem sie dis Schranken zweier Wetten durchbrachen, und dem sehnenden, gläubigen Gemüthe somit große Bell Genauer bezeichnet, und ziemlich scharfsinnig mit früheren analogen Erscheinungen m der innern Geschichte des Iudenthums verglichen, findet man diese drei Seiten der jüdischen, zugleich wohl auch aller, Religisusphilosophie, in Dr. Geigers Zeitschrift, in dem Aussätze „die wissenschaftliche Ausbildung in den zwei ersten Jahrhunderten unsersJahrtausends," Band 1. S,. 32 tu f. fricbiguhg gaben, die überdies auch noch dem Positiven des Judenthums sich leicht anschmiegten, weil dies mit seinen Wundern in ihm leicht Erklärung fand/ dieses Alles vereint und confequent durchgesührt, zum System erhoben, fanden wir im Kuzari, der, wenn auch zur Zeit seines Auftretens weniger ausgenommen, doch in der Zukunft um so tiefere Wurzeln schlng, auf die fernere Ausbildung des einzig möglichen jüdischen Mysticiswus Einfluß übte, der freilich aber leider nicht mehr in der strengen Vernünftigkeit des Kuzari blieb, sondern in pietistische Spielereien ausartete. Die äußere Anordnung des Buches Kuzari ist bekanntlich die, daß Jehuda Halöwy einen, ob erdichteten, oder historisch wahren, werden wir hernach sehen, Chazaren-König durch einen Traum und durch Engelerscheinungen auf das Gott Wohlgefällige seiner Gesinnungen und Mißfällige seiner Handlungen aufmerksam werden läßt, worauf dieser dann nach unbefriedigenden Unterhaltungen mit den Vertretern der Philosophie jener Zeit, der muhammedanifchen wie christlichen Religion, endlich in dem Dialog mit einem jüdischen Gelehrten Beruhigung und Ueberzeugung gewinnt, so daß er und ein großer Theil seines Volkes sich zum Judenthume bekehren. Es gehört also das Buch gewissermaßen in die Klasse der im Mittelalter ziemlich häufigen DTO, (Re§ ligionsdispute); nur daß eigentlich die Widerlegung der entgegengesetzten Religionsparteren und ihrer Ansichten mehr praktisch durch die vollständige Begründung des jüdischen Glaubens geschieht. Der Inhalt ist nun eine streng aufs Judenrhum angewandte Durchführung der Ansicht, daß nicht blos der Glaube, sondern auch das Thun nach den religiösen Vorschriftm zum Heile führe, und daß der Glaube selbst nicht ein rationalistisch zu erlangender, sondern ein historisch gegebener sei. Daß also die Übereinstimmung der Offenbarung mit den Vernunftbegriffen kein Kriterium für der ersteren Richtigkeit sein könne; die geschichtliche, durch unmittelbares Schauen erhaltene Offenbarung höher als alles stufenweis und kümmerlich sich heraufarbeitende abstrakte Denken stehe, indem sie uns durch ein urplötzliches, aus der höheren geistigen Kraft derselben uns zufließendes Erfassen der reinen Wahrheit zu Theil wird. Diesen Glauben nun müsse der Mensch, in sich aufnehmm, müsse in seinen Handlungen ihm entsprechen, und erhebe sich dadurch zu einer höheren Stufe geistiger Anschauung, als der gewöhnliche Verstand erreichen könne. Diese Meinung nun wird aufs Judenthum übertragen, und bei ihrer consequenten Durchführung spricht mm der Verfasser fast über Alles, was irgend aus dem Judenthume hervorgeht, oder in demselben hervorragendes Interesse hat, und fein Buch wird dadurch ein fast vollständiges Eompendmttr der jüdischen Theologie, und ist zugleich unendlich reich an einer Masse in verschiedene Wissenszweige gehörige