Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1840)
- Article
- Prag: Die neue Synagoge ...
- Date
- 1840-01-18
- Page
- 21 (sequence 2)
- Language
- German
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21 ihr höchstes Glück sucht, eine Gemeinde, in welcher die Jugenderziehung im Allgemeinen noch lange nicht bis zu demjenigen Punkte gediehen ist, daß die neue Generation eine bessere Aussicht in diesen Beziehungen gewahren könnte. Jndifferentismus und Orthodoxie zu bekämpfen war des Predigers Absicht; und um den Sieg sicher zu erringen, ließ er alle Seitenzüge liegen, und ging gerade los auf das Ziel durch die Schilderung des reinen Glaubens, welcher allein die Zerstreuten bisher erhielt, trotz aller Bitterkeit, mit welcher Aberglaube und starre Unbeweglichkeit von Innen, von außen Fanatismus und Intoleranz ihn bestürmten. Die Rede war desto glänzender, je inhaltschwerer der Text, welcher schon von den Alten, so wie das ganze hohe Lied auf das israelitische Volk ausgedeutet wurde: Hat auch der schwüle Sonnenbrand Mein Angesicht entstellt Doch ist's noch yold wie Prachtgewand, Wie königlich Gezelt! Der Mutter Söhne stellten mich Auf ihrer Berge Hut So wahrte stets ich schwesterlich — Ach nnr das fremde Gut! Das halb verbrannte, doch immer noch liebliche Antlitz Israels gewährt neuen Trost; noch, sagte mir eine innere Stimme, ist die fromme Andacht der Gemeinde, noch ist unser Volk nicht verloren! Ein Kranz von Immergrün krönt seine Stirn, und seine Gestalt erleuchten des Glaubens helle Strahlen, die einen Augenblick sich verbergen, aber nie ganz entrissen werden können! Die Orgel allein könnte, trotz aller Mühe sie zu entschuldigen, dem israelitischen Hörer unnöthig erscheinen. Wir treten hiermit keinesweges auf die Seite ihrer entschiedenen, hitzigen Gegner, die auch das Entfernteste herbeiziehen, um den Vertheidigeru der Orgel ihre Makel zu zeigen. Aber, kann man fragen, war auch der Eifer, -mit welchem diese für sie in die Schranken traten, nicht eben so ungerecht? Amatgamiren wird sie sich wohl schwerlich jemals mit allen sonstigen Verbesserungen, welche im Geiste unseres Gottesdienstes, wenn auch in anderer Gestalt, dem alten Gewände angepaßt werden. Doch, irre ich mich nicht ganz, so findet sie selbst bei den Prager Bewohnern, ja selbst bei manchen Begründern derselben nicht den Anklang, den man erwartet hatte. Und erhebt etwa dieser schöne einfache, unbegleitete Chorgefang an Ruhe-und Festtagen nicht ebenso sehr, als diese uns seltenen Orgeltöne? Und weil diese so selten, blos bei Eingangsgebeten an den Vorabenden der Feste sich hören lassen, so lohnt sie vielleicht nicht die Mühe und Kosten, welche darauf verwendet worden. Ja, sie erscheint eben wegen der Seltenheit noch unbekannter, als in einer Kirche anderer Confession. Und warum ist diese Synagoge das Meteor, welches das Prager Dunkel erhellt? Weil sie ohne Eitelkeit und Prunksucht, aus frommen Eifer für das Heilige, aus dem reinen Gefühle für das Ieitbedürsniß geschaffen wurde, weil sie ein ungekünsteltes Institut ist. Zer» reißt eure Ketten, macht euch selbst frei, so seid ihr frei! ruft der irische Agitator seinem Volke zu, und diese Worte können wir mit Fug an unsere Reformatoren richten. Nicht Traume von politischer Freiheit sind es, welche uns dazu reizen. Aber auch die Freiheit unsers innern geistigen Lebens ist nicht verloren, ruft laut jeder aufgeklärte Glaubensbruder. Nein! ruft noch lauter die Geschichte unserer Tage. Wo sich in neuerer und neuester Zeit aus Israels Mitte eine aufrichtige Stimme für wahre Bildung der jungen Gemüther, für Religion und Toleranz hören ließ, da wurde sie vom Schicksale erhört. Die schönen Pflanzschulen, wo Elementarunterricht in anderen Sprachen mit Religianslehre und der nöthigen Kenntniß des Hebräischen verflochten wurden, tragen die schönsten Blüthen, und kein rauhes Gesetz hat diese Blüthen zerstört. Denn welcher Regierung kann daran gelegen sein, unwissende Juden zu erziehen! Der thorichte Wahn der Proselytenmacherei war ein Phantom, das bei dem ersten, großen Versuch, ins Leben zu treten, verschwand. Nicht einmal Halbchristen warm es, die das Opfer solcher Speculationen wurden. Jeder Versuch einer Verschmelzung des jüdischen mit dem christlichen Element scheiterte an dem festen Willen der Israeliten, ihren Glauben zu erhalten. Hier aber ward das Bedürfniß nach vollkommner Jugenderziehung sehr wenig laut, man warf sich der Regierung in die Hände, die mit. dem besten Willen doch das Scepter der Religionsbildung nicht so führen konnte, wie es zugleich das Judenthum erheischt, dessen Zustand sie ja nicht fo genau kannte, und welches sie blos nach allgemeinen Principien beurtheilte. Jndeß fern sei es, den großen Reformator tadeln zu wollen, der auf Oesterreichs Thron saß, fern den leuchtenden Stern am damals für die Juden dunkeln Himmel durch Vorwürfe verdunkeln zu wollen. Joseph bleibt stets für uns der fromme Säemann, der die Mühe seines kurzen, doch thatenreireichen Lebens daran setzte, fein Feld fruchtbar zu machen. Konnte er dafür, daß die Ernte nicht segensreich war, weil das Unkraut von uns nicht völlig ausgerissen worden? Nimmer kann man es glauben, daß seinem Munde dir Worte entfahren sind, welche eine undankbare Nachwelt ihm zutheilt: „Nicht durch Zwang, durch Milde nur macht man den Juden zum Christen!" Proselyten zu machen war Josephs Absicht nie; sondern jede Klasse von Glaubensgenossen zu bilden, um ein aufgeklärtes Volk freisinnig zu beherrschen. ■ Wenn mancher Staatsbeamte in anderem Sinne handelte, fo trübt das nicht sein e Absicht. Die jetzige Regierung fährt in diesem milden Sinne fort, nach freisinnigen Principien für die Jugenderziehung zu sorgen; es ist nur Schuld der glaubenskalten Gemeinde, wenn das religiöse Element vernachlässigt wird»