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Der Orient · 1840-01-18 · Heft 3 (18.1.1840) · p. 20

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 3 (18.1.1840)
Article
Breslau
Date
1840-01-18
Page
20 (sequence 2)
Language
German
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20 in der Antrittsrede seine Stellung scharf und entschieden bezeichnen würde. Dies ist geschehen. Während man darin auf der einen Seite den wahrhaft erhebenden religiösen Inhalt bewundern mußte, unterließ er nicht auf der andern Seite, bald mit feiner, aber verständlicher Bezugnahme, welche gleichzeitig traf, ohne herb zu verletzen, bald mit klaren Worten, ohne allen Rückhalt das auszusprechen, was man von ihm und seinen Lehren zu erwarten habe, was er hier wolle, welche Gesinnungen er ln sein Amt mitbringe und zu verbreiten sich bemühen werde. Namentlich ist als Resultat seiner in einer Fülle von eindringlichen Wendungen und gelehrter Ausschmückung sich bewegenden Rede herauszuheben, daß er das Judenthum nicht als abgeschlossen und abgethan ansieht, sondern nochmals ausspricht, wie Vieles in ihm auszumerzen und zu verändern sei, wie es nur dadurch eine bessere und höhere Stellung in der Welt gewinnen könne, wenn es selbst eine Verjüngung unternehme, endlich, daß er auf das dringendste Vereinigungen zu solchem Zweck empfiehlt. Am Schlüsse seines fünfviectelstündigen Vortrages hörte ich einen mir nahestehenden ältlichen Mann, welcher mir von einem redseligen Nachbar als entschiedener Gegner Geiger's bezeichnet worden war, mit einer gewissen frommen Zerknirschung äußern, daß Geiger doch wol nicht unrecht habe und manchen Segen im Judenthume stiften dürfte. Ich werde später Gelegenheit haben, über die ersten Folgen der Wirksamkeit Geiger's weiter zu berichten. (L. A. Z.) Böhme n. Pvttg, 1* Jan. (Schluß). Die neue Synagoge (d. frühere sogenannte Altschule) ist die Burg und der Stolz der Gebildeten. An sie, alsan den lebendigen Beweis der aus dem Innern sich entwickelnden geistigen Bestrebungen, sind die Hoffnungen unserer aufgeklärten Mitbrüder geknüpft. Ordnung und Einfachheit ist das Gepräge, welches allen Veränderungen aufgedrückt ist, die sie gestattet und der Zeitgeist erfordert; jener den Glauben beschützende Genius, dem nirgend dauernde Fesseln angelegt werden können. Wo wir auch sind, wir fühlen doch das Erwachen zu einem neuen Leben; der Winter ist vorüber, und wenn auch hierund da der Frühling nur langsam herannaht, wenn oft noch unfreundliche Stürme seine Wirkung verzögern, ja die kaum erwachten Blüthen im wiederkehrenden Unwetter .ersterben, wir haben dennoch das frohe Bewußtsein, daß die trübe Zeit hinter uns-liegt. Frei ist auch in Prag die Ausübung des Gottesdienstes, kein verachtender Blick trifft ein Gotteshaus, wo noch Orthodoxen neben jüdischen Soldaten, Greisen, Jünglingen und Mädchen eine schöne Andacht eingeflößt wird durch wohlgeordnetes Gebet und lieblichen Gesang. Wer noch ein Gefühl hat für den Glauben der Vater, der tritt begeistet aus einem Tempel, welcher nicht zur Pracht geschaffen ist, dessen Dasein nicht den christlichen Brüdern zu gefallen zum Zwecke hat, sondern das Gemüth zu erheben und den Fittig der religiösen Begeisterug höher zu schwingen. Der Anwesende betet in einer israelitischen Synagoge, und kann stolz seyn, daß er ein Jude ist. Es war ein Freitagabend, als ich die Judenstadt wieder betrat, wo man Vorbereitungen zu dem bald erscheinenden Feste traf. Was war nun natürlicher, als einen Trauerblick auf das Viertel zu werfen, wo verbannte Fremde dem vielen dort uneingeschränkten Verkehre leben, und auch dem überall laut sich äußernden Idiom nach frei zu seyn scheinen, während ihr Aeußeres schon verräth, daß der Geisteszwang bei ihnen der schrecklichste ist. Die Selbstentwickelung fehlt und die Cultur wird nur durch Befehle errungen. Aber die Zwangsgeburt fristet nur kümmerlich ihr Leben und reift nie zur Manneskrast heran. Die Synagoge, in welche ich in diesem Augenblicke eintrat, gab mir allein einigen Trost. Ein in der gewöhnlichen Weise verrichtetes Vespergebet bereitete den Andächtigen durch Ordnung und Regelmäßigkeit, welche die Weise des Vorbeters wie das einstimmig von dem Chor und der Gemeinde angestimmte Amen beseelte, zur Sabbatfeier vor. Sie begann mit den gewöhnlich einleitenden Psalmen Lechu Neranena l). Hierauf folgte das Sabbatsbrautlied, wie man das Lecha Do di nennen könnte, unter Begleitung des Chors und der Orgel. Die dem Geiste des Liedes völlig entsprechende Melodie konnte den Gebildetsten befriedigen. Sie erinnerte trotz der herrlichen Feier und des schönen, wenn schon einfachen Gebäudes, an den Verlust des einigenden Nationaltempels; und die angrenzende Judenstadt 2), deren Bild mir schnell wieder vor die Erinnerung trat, mahnte mich vollends daran, daß dieses Bethaus nur eine Oase inmitten der weiten Geisteswüstenei bilde. Das Abendgebet war voll der mit dem Sabbat erschienenen Ruhe, und ein würdevolles Jigdal beschloß das Ganze dergestalt, daß ich mich einen Augenblick in jene seligen Traume zurückwiegte, die auch nach ihrem Verschwinden dem Erwachenden ein heiliges, obschon schmerzliches Andenken zurücklassen. Einen gleichen Eindruck machte der Gottesdienst am folgenden Tage auf mich. Erhebend entströmte dem Munde des Dr. Sachs, welchen die Natur durch ein vortheilhaftes Aeußece und ein herrliches Organ als Redner sehr bevorzugt hat, eine Predigt, wohl fähig die Begeisterung hervorzubringen, deren wir Alle an einem Feste bedürfen, insbesondere aber die Prager Gemeinde, welche meistens in der Befriedigung materieller Wünsche 1) Es wäre indeß nicht überflüssig, wenn der Schluß jedes Kapitels von Vorsänger und Chor angedeutet würde. 2) Die Synagoge liegt außerhalb derselben, während, sonderbar genug! die gegenüberstehende Heiligegeistkirche noch zu jenem Stadtviertel gezählt wird.

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