Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1840)
- Article
- Berlin [Nachricht]
- Date
- 1840-01-04
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360095--0038-2361407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 dessen Aufnahme bekanntlich einige jüdische Zeloten der schlesischen Hauptstadt protestirten, hat kürzlich von der Regierung das preußische Staatsbürgerrecht erhalten. Die hiesigen (zu Berlin) Juden hoffen, daß auch auf ihre kirchlichen Verhältnisse, deren zeitgemäße Regulirung mit Hindernissen von innen und von außen zu kämpfen hat, diese Regierungsmaßregel, die als eine dem Reformbedürfnisse gemachte Concession anzufehen ist, von günstigem Einflüsse sein werde." Die Jsr. Annalen berichten von dorther denselben Gegenstand in folgender Weise: „Hr. Dr. Geiger hat das preußische Staatsbürgerrecht erhalten, und wird nächste Woche nach Breslau abgehen, nachdem er die Zwischenzeit mit einer interessanten literarischen Arbeit ausgefüllt hat, die bald ans Licht treten wird. Die Thatsache selbst, daß nämlich die unwürdigen Ranke und gehässigen Insinuationen womit man den wackern Mann verfolgt, und bald von der religiösen Seite, bald gar in politischer Beziehung zu verdächtigen versucht hat, bei der erleuchteten preußischen Regierung keinen Eingang gefunden haben, ist unrein neuer Beweis von dem hier herrschenden, oft genug verkannten Geiste der gerechten Würdigung persönlicher Verdienste und achter Tauglichkeit zum Berufe. Die bisherige Zögerung hat eben so wenig ihren Grund in der Abneigung gegen alles innere Fortschreiten unsers Cultus, als die endliche Entschließung etwa den Beweis liefert von besonderer Begünstigung einer bisher sehr zurückgedrangten Partei. Hier erkennt man darin nur den reinen Akt der Gerechtigkeit, und die Verfolgung des von jeher geltenden Verfahrens, Männern, die durch Fähigkeiten und Leistungen sich hervorthun, das Bürgerrecht gern zu ertheilen, weil der Zuwachs an Intelligenz nur vortheilhaft sein kann. Daß eine Begünstigung der Intelligenz auch wirkliches Fortschreiten zur Folge habe, liegt in der Natur der Sache, und in so fern ist das an sich nur persönlich wichtige Ereigniß zugleich eine Manifestation des vorherrschenden Willens, Cultur und innere Besserung zu befördern. Mindestens wird dieser Erfolg dahin wirken, daß die böswillige Mißgunst oder die im Finstern schleichende Heuchelei und andere verächtliche Antriebe, nicht mehr hoffen dürfen, die erleuchteten preuß. Staatsmänner weder durch falsche Anklagen in öffentlichen Blattern, noch durch geheime und verdeckte Eabalen zu blenden. Ja es steht zu erwarten, daß die sogenannte Neologie, welche im Grunde nichts weiter bedeutet, als die Herbeiziehung neu gewonnener Wissenschaft zur nähernKenntniß der so oft mißverstandenen Religionsquellen, weit entfernt die betreffenden Männer anzuschwärzen, ihnen vielmehr überall zur Empfehlung gereichen werde. Denn wie lange noch wird man behaupten wollen, daß ein blindes Umhertappen und Schleichen Erkenntniß sei, und daß die redlichen Bemühungen der Wissenschaft als eine Auflehnung verurtheilt werden müssen? Alle Beförderer ächter Erkenntnisse waren Neo logen, oder mit andern Worten, sie lehrten etwas Neues, und machten die Unwissenden auf ihr wahres Heit aufmerksam. Die Erkenntniß allein bewirkt Sittlichkeit und zugleich bürgerliche Treue und Festigkeit des Charakters überhaupt. Die Fehler unsrer Zeit sind fast alle nur von starrsinnigen Fanatismus oder von jugendlicher Unerfahrenheit ausgegangen. Beide schwinden vor dem Lichte der Wissenschaft." Frankfurt a. M., 18. Dec. Der mittelbarerweife die Zulassungsfähigkeit der Juden bezielende Antrag (Nr. 344) kam in der jüngst abgehaltenen Generalversammlung der großen LefegeseUschast gar nicht zur unmittelbaren Verhandlung, indem solcher schon durch die Vorfrage beseitigt wurde: ob es in den Befugnissen der Generalversammlung liege, an den organischen Gesellsthaftsstatuten, vor Ablauf des Gesellfchaftsvertrags selbst, durch Stimmenmehrheit Abänderungen zu bewirken? Diese Frage wurde nun mit einer beinahe vierfachen Majorität der anwesenden Gesellschaftsglieder verneint und somit den Verhandlungen über den eigentlichen Antrag selbst vorgebeugt. Bemerkenswert!) ist, daß sich nun etwa ein Drittheil sammtlicher Gesellschaftsglieder zur Generalversammlung eingesunden hatte, und daß sich bei der Minorität fast ausschlicßend praktische Rechtsgelehrte und Aerzte befanden. Gleichwohl würde man der Lesegesellschaft zu nahe treten, wollte man aus diesem Vorgang auf ihre Gesinnungen gegen die Juden schließen. Ist, was nicht zu bezweifeln, die große Mehrheit der Aufnahme der Juden abgeneigt, so kommt dies theils daher, weil die gegenwärtigen Räume zu beschränkt sind, theils ist nicht in Abrede zu stellen, daß durchschnittlich der jüdische Handelsstand, zu welchem die Mehrheit der Juden hier wie anderwärts gehört, noch nicht auf gleicher gesellschaftlichen Bildungsstufe mir seinen christlichen Berufsgenossen steht. (L. A. Z.) In dem betreffenden darauf bezüglichen Artikel (Nr. 344) vom 6. Dec. heißt es nämlich: „In der für Mitte dieses MonatS anberaumten Jahresversammlung der gro-