Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 28 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Article
- Hochschulantisemitismus
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
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L4 Im boitifdSen Reich riur-.-cn vor Gonng\'cäü%im$ im ÜTfe-Iiiiäjen äibert. lichen Rolle gefiel sich ein großer Teil des deutschen Judentums nun von jeher den Hochschulsragen gegenüber/ Solange der Antisemitismus ihn persönlich nicht berührte, kümmerte sich der Einzelne nicht darum. Als das Haus bereits lichterloh brannte und als im Jahre 1886 einig/ jüdische Studenten in Breslau die freie Verbindung „Viadrina" gründeten, die ausgesprochen jüdischen Charakter trug und ihre jüdischen Farben offen führte, war der erste Eindruck auf die Philisterschaft der eines lähmenden Entsetzens. Und es hat sich furchtbar gerächt, daß man an den Hochschulen den Kampf lediglich einer Handvoll von tapferen Studenten überließ. Als in den achtziger Jahren die große antisemirische Welle kam, überflutete sie vorerst die akademischen Verbindungen. Treitschke und Stöcker fanden ihren Hauptanhang in studentischen Kreisen, und der einzige Boden, auf dem wirklich starke antisemitische Organisation gedieh und sich immer mehr ausbreitete, war der der Hochschule. Mit dem „Verein deutscher Studenten", der im Jahr/ 1880 gegründet wurde und als erster den Judenhaß zu einem Programm- Punkte machte, begann eine Entwicklung, deren reife Früchte sich heute in dem absolut antisemitischen Geiste fast der gesamten Studentenschaft Deutschlands zeigen. Und es ist ein ernster Vorwurf für die jüdische Gesamtheit, daß sie die Gefahr nicht erkannt hat oder nicht erkennen wollte, daß sie nichts dagegen tat, und daß so der Antisemitismus sich an den Statten deutscher Wissenschaft ein so festes Bollwerk schuf, daß heute ein Kampf gegen ihn fast aussichtslos erscheint. So tapfer die jüdischen Studentenverbindungen, die nach dem Vorüilde der „Viadrina" entstauden waren und sich zu einem Verbände, dem „Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens" (K.C.), zusammengeschlossen hatten, auch kämpften, esJoar ihnen natürlich — zumal sie sich auch mit innerjüdischen Ltrömungen auseinanderzusetzen hatten — unmöglich, eine Aufgabe zu leisten, zu deren Bewältigung die Kräfte der gesamten organisierten Judeniieit gerade ausgereicht hätten. Von welchen Wirkungen die antisemitische Einstellung der deutschen Studentenschaft wurde, ist heute leicht einzusehen. Diejenigen Musensöhne, die man als Studierende in den vielen antisemitischen Verbindungen erzog, sind heute die geistigen Führer Deutschlands und die Träger aller Gewalt! Gewiß war bei vielen, insbesondere den Denkenden und geistig Hochstehenden, das Leben ein besserer Lehrmeister als die Verbindung, und manche werden vielleicht die Scheuklappen ihrer Erziehung abgelegt haben. Von der großen Masse gilt das aber gewiß nicht, und man mache sich die Tatsache klar, daß die große Mehrzahl der deutschen Verwaltungsbeamten, der Richter, der Mittelschullehrer, der technischen Beamten, der Hochschulprofessoren, durch die Schule eines Antisemitismus hindurchgegangen sind, der gewiß in seinen Formen wechselte und zwischen dem Radaurassenantisemitismus des „Vereins Deutscher Dtudenten" und dem gesellschaftlichen Abschluß der Korps als