Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Article
- Ein seltenes Beispiel [Nachricht]
- Date
- 1921-09-01
- Page
- 274 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316919--32231-2358915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
274 Im deutschen Reich Ein seltene- Beispiel dafür, daß selbstloses und vaterländisches Wirken eines Juden ln den Kreisen der christlichen Ocssentlichkeit anerkannt und gewürdigt wstv ist die Tatsache, daß RabbinerOr. Tänzor-Goppingen von der Göppinger Kampf,' Genossenschaft mit der Abfassung der Festschrift zur Feier ihres bosährigeri Bestehens beauftragt wurde. Das Jubiläum wurde am 2). August i'>2i mit große: Feierlichkeit in Göppingen begangen. Rabbiner Dr. Tänzer hat auf Wunsch dnr prächtige Festrede gehalten, über welche die Görvinger Presse einen ausführlich^ Bericht veröffentlichte. Gleichzeitig wurde Rabbiner Dr. Tänzer zum Ehren- Mitglied der Kampfgenossenschast ernannt. Kommerzienrat Louis Ladcwig in Ehemniy ist daS Opfer eines tödliche Unfalls geworden. Er war ein kerniger Mecklenburger, ein aufrechter deutscher Mann, mir gutem, jüdischem Herzen. Wir haben uns oft an ihn gewandt, niemals har n versagt. Feind jeder Lcisetreterei. Freund jeder offenen Aussprache. war er iurmu der Unsere. Mir werden ihn sehr schmerzlich vermissen. Alfred Kornblum, Rathenow, einem eifrigen Mitglied unserer Ortsgruppe ist der oberschlesische Adlerorden 2. Klasse für besondere Verdienste um die oberschlestsche Sache verliehen worden. Bücherfchau. Walther Nathcuau von Prof. Dr. Gaston NaphaLl, Paris, in deutsche: Bearbeitung und mit kritischen Anmerkungen versehen vor Dr. Rudolf Ber g er -B e rlin. korrespondierendes Mitglied de: französischen Akademie der Wissenschaften und Künste ArraS, Verlag Ernst Litfaß' Erben, Berlin 019. Preis M. 15.-. ES ist beachtenswert daß ein frcmzösicher Gelehrter dem jetziaerr Minister Rathenau so viel Beachtung schenkt und so vieler Worte für würdig hält, daß er in dem vor. liegenden Buch sogar den ganzen Werdegang Rathenaus entwickelt. Um so bemerken?, werter ist es, daß ein Franzose ihm Gerechtigkeit widerfahren läßt, seine Schwächen nicht verschweigt, sein Urteil über ihn aber ausklingen läßt in der Erk'ürung: Von einem Manne vonder Bedeutung eines Walther Ratbenau haben wir ein Urteil zu erwarten, das stets an erster Stelle in Betracht gezogen zu werden verdient. DaS Buch selbst enthält einen AuSzug aus den bedeutendsten Schriften RathenauS. Man bekommt beim Lesen einen Ueberblick über Rathenaus Gedanken auS vielen feirirr Werke. Man erkennt, wie aufrichtig Rathenau nach Wahrheit und Klarheit such:, sieht daS Grobe in dem häufig recht unsympathischen Menschen Rathenau allein vor sich und — schämt sich für die Landsleute, die ihn verurteilen, dem der Feind sogar Gerechtigkeit widerfahren läßt und Bedeutung zuerkennt. j Wer Rathenau rennenlernen will, wer aber auch Gedankenanregung für eine1 ideale Betätigung auf durchaus praktischer Basis bekommen will, dem kann daß Buch nur warm empfohlen werden. B. S. Äff. Drrbnow: Die neneste Geschichte beS jüdischerr Volkes. — Deutsch von Alex. Eliasberg. (1769—1914.) 2 Bd. — Bd. I 1789-1815, 834 S. - Vd.U 1815-81, 618 S. (Berlin. Jüdischer Verlag. 1920.) Preis M. 86,- (für 2 Bd.). Dieses Geschichtswerk ist nach Anlage und Durchführung ein Meisterwerk, dai stch den besten Schöpfungen der neueren Geschichtschreibung ebenbürtig zur Seitr stellt. Der gewaltige Stoff ist klar und übersichtlich geordnet: die großen Linien treten bei aller Breite der Darstellung überall scharf bervor: die politischer:, kulturellen und religiösen Vorgänge und Tatsachen werden gleichmäßig beachte: und zu einem einheitlichen Bilde zusammengesaßt: die Sprache endlich ist fesselnd, die Darstellung überhaupt so gehalten, daß sie den Ansprüchen des Laien ebenso wie denen des Fachmannes gerecht wird. Wenn hier noch etwas zu wünschen ttbrigbleibt. so dtelleicht eine stärkere Berücksichtigung des Volkswirtschaft' lichen Momentes, wie es der Breite und Tiefe des Werkes einerseits, dm Stande und der Richtung der neuzeitlichen Geschichtsforschung andererseits ent« sprechen würde. Der Ausgangspunkt der letzten Epoche der jüdischen Geschichte ist tti<$ Dubnow nicht nur durch die sranzöfifche Nevoluliorr mit ihren gewattigen (r.n* Wirkungen aus das Schicksal der Juden scharf und deutlich markiert, soudcw ebenso sehr durch die Auslösung der Einheit der europäischen Judenheit infolge der kulturellen Spaltung des deutsch-polnischen Zentrums derselben. — Den weiteren Verlauf der politischen Entwicklung gliedert D. in zwei Hauptperioden: 1.789—1905 (russische Revolution), 1905—1914. (Die vorliegenden beiden Vändr erschöpfen nicht die erste Periode: ein dritter Band soll später noch erscheinen.) Innerhalb der ersten Periode erkennt D. zwei Parallelreihen von Prozessen: eine äußere politische von Emanzipation und Reaktion und eine innere kulturelle von Assimilation und Nationalisierung, die infolge ihrer Voraussetzungen und Eigenart natürlich in Wechselbeziehungen stehen. Den politischen Prozeß gliedert D. wieder in vier Perioden: erste Emanzipation 1789—1815, erste Reaktion bis 1848, zweite Emanzipation bis 188!, zweite Reaktion bis 1905. Es zeigt stch jedoch aus den ersten Blick, daß diese Gliederung nicht objektiv begründet, sondern der Idee von der politischen Einheit des „jüdischen Volkes" zuliebe konstruiert worden ist. ist das Jahr 1905 uns deutschen Juden, wie überhaupt allen nichtrussischen Juden, sicherlich nicht als ein Wendepunkt in der jüdischen Geschichte bewußt geworvln.