Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Article
- The Jewish Bogey by Lucien Wolf, London - The History of a Lie, study by Herman Bernstein, New York [Rezension]
- Date
- 1921-07-01
- Page
- 237 (sequence 3)
- Language
- German
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Bücherschau 237 reiche NeligionZstistung, von der der Stifter behauptete, daß sie auf Engelsverkündigungen und auf geheimnisvol! gefundenen „heiligen Messingplatten" beruhe, deren Schriftlichen nur durch eine gleich geheimnisvolle Wunderbrille gelesen werden konnten. Die Mormonenlehre ist aber höchstwahrscheinlich zurückzuführen auf einen 1812 verfaßten geschichtlichen Roman des Pfarrers M. D-avison. Hier haben wir also nebeneinander in neuerer Zeit die Religion, die auf einem Roman aufgebaut ist, und daneben die politisch-antisemitische Bewegung, die auch als eins ihrer Fundamente eineu Roman benutzt: ein lustig-trauriger Beitrag zur »Oomsckio humaine*. Wer über die Entstehung des Koran einigermaßen unterrichtet ist, um nur noch dieses Buch namhaft zu machen, das einen so gewaltigen Einfluß auf die Entwicklung großer Teile der Menschheit ausgeübt hat — der wird sich nicht wundern, daß in unseren Tagen auf weit enger begrenztem Gebiet krause Phantastik und grobe Fälschung noch immer Menschen beeinflussen und politisch in die Irre führen, — diesmal hergerichtet und benutzt von den Antisemiten der verschiedenen Länder. P. N a t h a n. Leben rrrrd Worte des Balschemm. Nach chassidischen Schriften. Auswahl und Übertragung von Salomo Birnbaum. Welt-Verlag, Berlin. Breis M 10, Ob dieses kleine Buch eiue literarische Lücke ausfüllt, mag bezweifelt werden. Auf keinen Fall kann es sich mit der gewaltigen Kraft des Eindrucks mesien, der für den europäischen Leser (sogar den Nicht-Juden) von Martin Bubers beiden Werken „Die Legende des Baalschem" und „Die Geschichten des Rabbi Nachman" ausgeht. Aber dies ist wohl auch gar nicht seine Absicht. Die vorliegende Erzählung des Lebens des Israel ben Elieser Baalschem und die Sammlung seiner Aussprüche geht mit einer mehr dinglichen Treue an die Quellen (Volksbücher) des Chassidismus heran, als dies Buber getan hat. der mit der Intuition eines großen Dichters alles das, was hier zu finden ist. in mächtiger Lebendigkeit vor uns aufbaut. Schlichter ist Birnbaums Buch jedenfalls, als etwa Eliasbergs „Sagen polnischer Juden". Wenn uns heute zur Kenntnis des Chassidismus — soweit er sich nicht nur dem unmittelbaren Erleben erschließen kann — etwas fehlt, so wäre es neben den guten Arbeiten von S. A. Horodetzky eine Verdeutschung der (von Buber angekündigten) Sammlung der Worte des Baalschem von M. S. Berdyczewski. — Wenn schon die Dokumente des Chassidismus selbst geboten werden sollten, so wäre möglichste Vollständigkeit — zumindest etwa des Briefes an Gerschon Kutower — erwünscht gewesen. Die Anwendung jiddischer Ausdrücke macht — wenn sie auch dem Original entnommen ist und trotz des leider nötigen Glossars — die Lektüre des Büchleins nicht reizvoller: eine durchgängige Verdeutschung würde sicher vorzuziehen sein; es ist nicht recht einzuseben. worin der besondere Reiz oder das Unübertragbare, z. B. des Wortes „Besser" (Behelfer, Helfer), des jiddischen „Pejstech" statt Pefach und „Duwvid" statt David mitten in sonst hochdeutschen Sätzen bestehen soll. Demgegüber ist wieder die Schreibung „Balschemm" statt „Baal-Schem" eine zu weitgehende Konzession au h-o umeuntmg richtiger Aussprache: Da wäre schon durchgängig „Bescht" bester gewesen. Dr. Eduard Strauß. Martin Buber: Die jüdische Bewegung. Jüdischer Verlag. Preis: 1. Folge 28,60 Mark, 2. Folge 28,60 Mark. Das zweibändige Werk enthält gegen 40 Aufsätze und Ansprachen aus den Jahren 1900—1920. Es ist keine systematische Geschichte der zionistischen Bewegung, wie man nach Titel und Verfasser vermuten könnte, sondern die zionistischen Ideen, Hoffnungen, Pläne und Arbeiten spiegeln sich in den kurzen Abschnitten einer Rede, eines Essai, eines Dialogs. Doch ist das Werk keineswegs nur ein Kommentar zur Zeitgeschichte, sondern Buber arbeitet an der Aufstellung und Ausarbeitung der Probleme mit. Für Buber ist der Begriff jüdisches Volk eine Wirklichkeit und ein nationaler Begriff. Damit ist die Stellungnahme des Buches als eine Zionistische gekennzeichnet. Für Buber bedeutet jedoch der Begriff des jüdischen Volkstums eine sittliche Verpflichtung zur Arbeit an sich selbst, zur Arbeit für die Menschen. Das ist jeweils der Vorzug der Buberschen SSristen über das Judentum: sie bedeuten keine flache Polemik, sondern sie schälen aus dem Judentum die sittlichen Begriffe neu heraus und geben ihnen eine Form, die unserer Zeit entspricht, und vermögen durch die dichterische Kraft ihrer Worte die Begriffe so zu gestalten, daß sie zugleich Zwang und Pflicht werden. Buber wirkt auf uns als Ethiker des Zionismus, und wenn wir grundsätzlich auf einem anderen Standpunkt als Buber dem jüdischen Volkstum gegenü bersteben, io verlobnt eS sich dock uns. das Büch kennenzulernen und uns mit . den einzelnen Problemen von neuem auseinanderzusetzen. Or. Frank, Heppenheim a. d. B.