Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Article
- Ein antisemitischer Oberkirchenrat
- Date
- 1920-02-01
- Page
- 89 (sequence 2)
- Language
- German
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Vermischtes 89 nährt Bolkspart-er enthaltene Ausführung — bezüglich derer ich dahingestellt sein lasse, ob Sie dem Centralverein im zutrefserrden Wortlaut bekannt geworden ist — sich selbstverständlich auf unwiderlegte PreffemiLteilungen und einwandfreie Beobachtungen gründet. Wenn ich erst heute dazu komme, die genannte Zuschrift zu beantworten, so liegt es daran, daß meine Zeit sehr kostbar ist. Ich kann überhaupt keine Zusage geben, einen Schriftwechsel zu führen, den ich nach der Sachlage für zwecklos halte und darum nur aus Höflichkeit führen würde. Hochachtungsvoll und ergebenst gez. Mayer, Geh. Oberkirchenrat, Landtagsabgeordneter. Herr Mayer irrt seltsam in der Beurteilung unserer Absichten. Uns kam es nicht darauf' an, seine sehr kostbare Zeit und seine Höflichkeit für die Einleitung eines Schriftwechsels in Anspruch zu nehmen. Vielmehr handelte es sich darum, von einem an hervorragender Stelle tätigen Politiker Rechenschaft darüber zu fordern, wie er seine die deutschen Juden aufs schwerste beleidigende Behauptung sachlich stützen will. Darauf verweigert Herr Mayer die Antwort, indem er sich aus Pressemitteilungen und Beobachtungen beruft, die er nicht näher bezeichnet. Wir müssen daher in der Oefsentlichkeit seststellen: Herr Landtagsaögeordneter und Geh. Oberkirchenrat Mayer bat die nichtswürdige und gewissenlose Lüge, daß die Juden selbst die ihr Leben, ihre Ehre und ihr Gut bedrohende Pogrombewegung absichtlich fördern, leichtfertig weitergegeben. Für diese Feststellung trägt der Unterzeichnete die Verantwortung. Hochachtungsvoll Dr/ Marx, Rechtsanwalt. Vorsitzender der Ortsgruppe Karlsruhe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Die „Badische Presse" hat sich im allgemeinen im zustimmenden Sinne zu der Angelegenheit geäußert. Nur in der „Süddeutschen Zeitung", dem Stuttgarter Hetzorgan der Deutschnationalen Volkspartei, erschien als Antwort ein Schmäharrikel mit der Ueberschrift: „Eine hebräische Staatsaktion". Wie dem Eentralverein mitgeteilt wird, hat- Herr Mayer inzwischen die Privatklage gegen den Vorsitzenden der Ortsgruppe des Centralvereins eingeleitet. Ueöer den weiteren Verlauf der Angelegenheit wird, noch berichtet werden. , Dr§ AntisemitM machen Schule. In „Deutschlands Erneuerung", einer in dem antisemitischen Verlage von Lehmann in München erscheinenden Wochenschrift, figurierte im Januarheft ein Hetzartike! von Dr. Walter Sie! „Der Anteil des Judentums an dem Zusammenbruch Deutschlands". Im Heft 4, 1919 unserer Zeitschrift S. 164 erwähnten wir u. a. einen Satz dieser als Sonderschrift in Massen verbreiteten Hetzschrift: „Für den jüdis chen Arzt ist der Kranke in erst er Linie ein Kundeund die Krankheit eineWar e." Diese antisemitische Giftblase ist offenbar über den Ozean nach Amerika geflogen und bat dort ihre Wirkung — gegen das Deutschtum getan. Inder „Deutschen Medizinischen Wochenschrift", die in Berlin erscheint, findet sich in der Nummer vom 6. November 1919 in einem B r i e f a u s S t. Louis fast wörtlich derselbe Ausspruch, nur logischerweise von dem Amerikaner nicht auf die deutschen Aerzte