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Im deutschen Reich · 1920-01-01 · Heft 1 (Januar 1920) · p. 43

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 1 (Januar 1920)
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Date
1920-01-01
Page
43 (sequence 2)
Language
German
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Vermachtes 43 Von einem Dortmunder Mitbürger wird uns geschrieben; Die Franzosen haben ein Sprichwort: La muraille c’est le papier de la Canaille. Zu deutsch: ^Die Mauenvände sind das Papier der Kanaille." Dies kräftige französische Sprichwort scheint uns treffender als das deutsche: „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände", wenn man gegenwärtig das Treiben der antisemitischen Kanaille beobachtet. Denn, wie Mommsen gesagt hat: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille und Kanaille bleibt Kanaille." Seit einiger Zeit findet man auf Schritt und Tritt kleine, meist bunte' Zettel angeklebt, welche nach einem sich offenbar über das ganze Land erstreckenden Kriegsplan die Bevölkerung gegen die Juden aufreizen und allmählich zu Pogromen reif machen sollen. lieber den Inhalt ist kein Wort zu verlieren. Es sind die bekannten antisemitischen Hetz- und Lügenworts. Interessanter find einige Nebenumstände. Zunächst die echt antisemitische Feigheit, mit der bei der Anbringung vorgegangen wird. Zumeist wählen sich die Helden die Stunden der Dunkelheit und des spärlichen Straßenverkehrs, und wenn sie sich unbeobachtet glauben, dann beleckt die Heldenzunge - hastig das Schmu tzölättchen, rasch wird es an jbie Wand gepreßt und nach also vollbrachter Heldentat wird schleunigst Reitzaus genommen. Am heimischsten aber suhlt sich die Kanaille auf — bem Klosett,, dessen Wände sie mit Borliebe zu ihrem Stammbuch macht. Es sind ferner fast durchweg edle Jünglings aus den sogenannten gebildeten Standen und von den höheren Schulen, die den neuerstaudenen reaktionären Jugendöünden nicht fernstshen und auf diese Weise ihrem gepreßten patriotischen Herzen Luft machen. Die proletarische Jugend ist dazu anscheinend zu unaebildet. Es wäre für die Herren Direktoren der höheren Knabenschulen ^ehr belehrend, wenn sie öfter diese verschwiegenen Stätten dnti Inspektion unterzögen. Sie würden die interessantesten Einblicke in das Seelenleben und die liebliche Phantasie dieser goldenen Jugend gewinnen. Doch verschmähen sie auch heiligere Stellen nicht, z. B. ihre Schulbücher und neulich fand sich ein solcher Zettel sogar in der — Klassenöibe! einer der obersten Klaffe einer höheren Knabenschule, eine treffliche Illustration zu den Säßen dieses Buches wie: Liebet eure Feinde und dergleichen. Nuf diese Weise also soll Deutschland erneuert werden. Nach alledem dürfte für die neuaermLnischen Schmutz- und Trutzbünde ein viel treffenderes Sinnbild und Wappen als Wotan mit dem Blitz oder Thor mit dem Hammer oder Siegfried mit dem Schwerte fein: Jung- Sregfried auf dem Nosstt mit dem.Papierchen in der Hand. In diesem Zeichen, Jrmg-DeutschLand, tnirst du siegen! So wird das Vaterland gerettet! AlMtMiieK» Die folgende Notiz ging kürzlich durch die Berliner Presse: In einem vornehmen Weinlokal am Kurfürstendamm erschienen am Sonntagabend zwei Herren mit einer „Dame", die sich in lärmender und pöbelhafter Weise in widerlichen Beschimpfungen der Juden ergingen. „Ich will heute noch einen Juden schlachten!" brüllte der eine durch das volle Lokal. Der geschmackvoll- Krieasrus fand bei seiner Begleitung und einigen seelenverwandten Gästen ein begeistertes Echo. Als aber schließlich die Beschimpfungen immer gemeiner wurden und sich der eine dieser „Kavaliere" an einen Herrn Wandte und ihn mit den Worten: „Da sitzt so ein Jude!" begrüßte, kam es zu einer WeÄung der Dinge, die die Radaubrüder nicht vorausgesehen hatten. Der an gerempelte Herr, ein junger Arzt, gab dem antisemitischen Rohling ein paar derartige Ohrfeigen, daß dieser platt auf den Rücken fiel und wahrscheinlich für die nächsten paar Wochen Süßer Gefecht gestellt sein durfte/ Der slss öffentlich Geshrfsigte, der übrigens schon

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