Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 4 (April 1919)
- Article
- Antisemitischer Aufruf im Gymansium
- Date
- 1919-04-01
- Page
- 190 (sequence 2)
- Language
- German
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190 Im deutschen Reich Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Angelegenheit — auch der „Teutschnationale Jugendbund" hat sich an höhere Lehranstalten mit der. Bitte gewandt, seine Aufrufe unter den Schülern zu verteilen — hat -er Centralverein die Angelegenheit dem Brandenburgiichen Provinzialschnlkollegium unterbreitet Das Provinzials'chulkollegiurn hat, wie es uns antwortete, bereits ein Rundschreiben an alle höheren Lehranstalten des Amtsbereichs versandt, in dem es auf die Unzulässigkeit hinweist, parteipolitische Bestrebungen in die Schulen zu verpflanzen; alle politischen Vereine seien von der Schule fernzuhalten. An dieses Rundschreiben fügte Herr v. Loebell den schriftlichen Zusatz, daß das Provinzialschulkollegium alle Maßregeln mißbillige, die geeignet sind, eine Scheidewand zwischen den jüdischen und den christlichen Schülern zu errichten. Sollten also trotzdem in Lehranstalten Aufrufe wie der oben erwähnte angeschlagen oder verbreitet werden, so würde das gegen die — selb st verständliche — Anweisung des Provinzialsch u lko lle gi um s verstoßen.; Mit welchen grotesken und widerwärtigen Mitteln Antisemiten sich wirtschaftlich zu helfen suchen, davon zeugt folgendes Inserat, das in der schwerindustriellen „Deutschen Zeitung" vom 9. März veröffentlicht wurde. Dringend. Jeder schmutzige Handels; ude findet Kredit für seine Wucherzwecke; sollten sich von Selbstgeber für eine Witwe, Mannim Kriege gestorben, zwei Söhne gefallen, der dritte kriegsverletzt zurückgekehrt, zur Existenzermöglichung nicht mi) m 9000 Mark finden lassen, die als abzahlbares Darlehen, hochverzinst, hypothekarisch sichergestellt werden. Wer hilft hier schnell? Die Witwe, deren menschliches Schicksal zu beklagen ist, muß ihre Gesinnungsgenossen gut kennen; sie hält den anspornenden Hinweis auf den schmutzigen Handelsjuden nicht für zugkräftig genug und stellt deshalb dem Helfer noch hohe Zinsen in Aussicht. Vielleicht meldet sich nun ein Antisemit, getrieben von jenem arischen Idealismus, Len wir in der Umschau beleuchten. Die MoLezeiümg „Für das deutsche Haus" (Verlag Vobach L Co. nt Berlin) wird auch in jüdischen Kreisen viel gelesen. Trotzdem hat sie in letzter Zeit wiederholt zur Verbreitung antisemitischer Behauptungen bei-- getragen. Der Centralverein hat sich an den Verlag gewandt, jedoch eine sachlich ungenügende Antwort erhalten, woraus zu schließen ist, daß die Modezeitung „Für das deutsche Haus" nicht versehentlich, sondern mit Bewußtsein antisemitische Tendenzen vertritt. Kein Antisemitismus? Das Hamburger „Mittags-Blatt" veröffentlichte am 19. Februar einen Leitaufsatz „Misslinge", der sich mit den A.- und S.-Räten befaßte und u. a folgende Satze enthielt: „Den meisten Herren in den Ä - und S -Räten wird dieser Vorwurf allerdings erspart bleiben: sie hatten mit dem Kriege wenig oder gar nichts zu tun. Diejenigen, denen der Herrgott eine besondere Nasen bi ld un g als besonderes Kennzeichen (und gesellschaftliches Verkehrshindernis) mit auf den Lebensweg gegeben hat, haben sich als Drückeberger erfolgreich betätigt und in Kaffeehäusern geschlemmt, während Deutschlands Mannen einen eisernen Wall gegen eine Welt von Feinden bildeten." — Dieser plumpe antisemitische Angriff ist uns von mehreren entrüsteten Lesern zugeschickt worden. Auf eine Beschwerde der Hamburger Ortsgruppe antwortete die Redaktion des „Mittags-Blatt",