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Im deutschen Reich · 1919-04-01 · Heft 4 (April 1919) · p. 189

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
25 (1919)
Issue
Heft 4 (April 1919)
Article
Antisemitische Geistesverwirrung
Date
1919-04-01
Page
189 (sequence 2)
Language
German
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Vermischtes 189 zur Nationalversammlung, dessen Verfasser der „Deutschen Zeitung" sicher nicht fernstanden, der mit den Worten begann: Achtzig Prozent Juden sitzen in der Regierung; wir erinnerten uns der illustrierten Flugblätter „gegen die Judenregierung der Landsberg, Hirsch, Davidsohn usw." Also wenn die ganze Regierung aus Juden besteht, wie werden dann die Juden bei ihrem gerade in der „Deutschen Zeitung" stets besonders hervorgehobenen starken Solidaritätsgefühl einen bewaffneten Aufstand gegen "bicfe Regierung machen? Antisemitisches sns der „Deutschen Tageszeitung". Die beiden vom Centralverein verbreiteten Flugschriften von Rabbiner Jacob-Dortmund und Rabbiner Bruno Länge-Essen haben den Essener Mitarbeiter der „Deutschen Tageszeitung" "in begreiflichen Zorn versetzt. Unter der Ueberschrift „Wo waren die Hetzer im Ruhrgebiet?" behauptet er (in der Nummer vom 10. März) u. a., die beiden Broschüren wollen die Lammesunschuld des Judentums entgegen dem berühmten jüdischen Zeitwort „Die Revolution ist Judas Stern" beweisen. Zähe wie Unkraut und unsterblich wie die Dummheit sind antisemitische Erfindungen. Die ältesten und gewaltigsten Eichen kann man ausroden, antisemitischen Schwinde! nicht. Daß sich jener Ausspruch „Die Revolution ist Judas Stern" nicht in den Schriften von Graetz befindet, ist schon vor Jahren und vor einigen Wochen noch einmal (auch in dieser Zeitschrift) sestgestellt worden. Der Essener Herr spricht nun allgemein von dem „berühmten jüdischen Leitwort". Fälschung bleibt Fälschung, ob mit oder ohne Zitierung von Graetz. Auf den "sachlichen Inhalt der Leiden Flugblätter geht der Herr begreiflicherweise nicht ein, er schiebt die unbequemen Fest- 'skeüungen der beiden Rabbiner mit einer nonchalanten Geste beiseite: Die eine Flugschrift gebe einen im Centralverein gehaltenen Vortrag wieder und „dürste daher schwerlich Anspruch aus ernsthafte Widerlegung machen". Das ist die Waffe der Beschränktheit. Der Aufsatz will dann Nachweisen, daß der ganze Aufstand in Rheinland und Westfalen von russischen und polnischen Juden organisiert worden sei. Daß russische Juden vielfach revolutionär sind, wird jeder begreiflich finden, der weiß, daß sie jahrzehntelang in Rußland schlimmer als das Vieh behandelt worden find; aber hinter den paar Juden in Rußland oder in Deutschland stehen unzählige christliche Revolutionäre. Es wäre aber —- vorausgesetzt, daß die Angaben oes Mitarbeiters der antisemitischen „Deutschen Tageszeitung" richtig sind — den russischen und polnischen Organisatoren niemals gelungen, im. Ruhrgebiet Aufstände und Ausstände Zu veranlassen, ohne die Missetaten, die während des Krieges von nichtjüdischer Seite, auch von Schwerindustriellen und Anhängern der agrarischen „Deutschen Tageszeitung" (man denke nur an die Preissteigerungen und Verschiebungen von Lebensmitteln) verübt worden sind AMisemitischer Aufruf im Eymuasten. Im Bismarck-Gymnasium Berlin-Wilmersdorf war im Januar ein Aufruf der Bismarck- Abteilung „Jung-Deutschland" angehestet, der die „christlichen, nationaldenkenden Schüler", soweit sie das 11. Lebensjahr erreicht haben, aufsorderte, der Bismarck-Abteilung des „Jung-Deutschland-Bundes" beizutreten. Da durch solche Aufrufe schon in der Schule ein Keil zwischen Mitschüler verschiedener Konfessionen getrieben wird und indirekt die jüdischen Schüler gegenüber den christlichen herabgesetzt werden — denn Zwischen den Zeilen des Ausrufes ist zu lesen, daß jüdische Schüler nicht national empfinden —- hat sich der Centralverein mit einer Beschwerde an den Direktor des Gymnasiums gewandt. Der Direktor hat tzeantwortet, daß der Ausruf von dem Vorsitzenden der Bismarck-Abterlung, seinem früheren Schüler des Bismarck-Gymnasiums, an. das schwarze Bret! geheftet worden sei, ohne daß Her Aufruf ihm, dem Direktor, vorgelegt, oder die Erlaubnis zum AnjHlag eingeholt worden sei. Der Auiruf sei inzwischen entfernt worden.

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