Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1919)
- Article
- Schädlichkeit des Antisemitismus
- Date
- 1919-02-01
- Page
- 95 (sequence 2)
- Language
- German
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Vücherschau 95 Was wollen die Hetzer eigentlich? Ich richte die Frage an sie: Sollen auch wir uns den deutschen Staub von den Füßen schütteln? Hat nicht etwa Deutschland gerade jetzt den Ausländsdeutschen — auch wenn er Jude ist — dringender nötig a l s je? Gegen die „geflissentlich angefachte Judenfeindschast" wendet sich ein „Eingesandt" in den „B a m & e r g e r N euesten Nachrichten" (vorn 9. Januar). Die Schlußsätze dieser aus christlicher Feder stammenden Ausführungen lauten: „Gehören aber alle, die sich jetzt noch deutsch nennen, zusammen, dann gebührt Platz in ihren Reihen auch unseren deutsch denkenden jüdischen Mitbürgern. Mag man unverblümt zugeben, daß das verhältnismäßige Ueberwregen jüdischer Elemente bei den Vorgängen der Revolution, daß die gerade im Krieg teilweise zutage getretene Uebertreibung des rasseeigenen Geschäftsgeistes unliebsame Erscheinungen sind; mit gehässigen Verallgemeinerungen werden wir ungerecht gegen die große Mehrzahl deutsch empfindender Juden, die durch redliche Anteilnahme an den Opfern des Krieges drinnen und draußen ihren vaterländischen Sinn bewiesen hat. Hauptsächlich aber schneiden wir uns damit ins eigene Fleisch. Denn — stelle man sich dazu, wie man wolle — ba§ Judentum ist in Deutschland keineswegs eine Größe, über die man hinwegge'hen oder die man ausschalten könnte. Wer mit der Rolle, die es sich in Gesellschaft, Handel und Kultur überhaupt erworben hat, nicht einverstanden ist, kann ihm nicht mit Haß und Gewalt, sondern nur im Wege ehrlichen Wettbewerbes beikommen. Die Juden sind ein Teil des Volkes geworden, ein Faktor, mit dem auf jeden Fall gerechnet werden muß. Und wo sie sich nun mit aufrichtigem Willen zur Mitarbeit für die deutsche Sache anbieten, ist es nicht bloß eine Unklugheit, sondern ein Frevel an der deutschen Sache selbst, wenn man sie aus irgendwelcher Parteidiplomatie vor den Kopf stößt. Damit treibt man diese im vaterländischen Sinn nutzbaren Kräfte entweder ins extreme Lager oder in die politische Gleichgültigkeit. Solche Diplomatie zeugt ebenso von politischer wie von kultureller Beschränktheit. Nein, wir wollen es endlich lernen, nach großen Gesichtspunkten zu denken und zu handeln und statt des Trennenden das Einigende unter den Volksgenossen zur Geltung zu bringen! Und jeden, der ernstlich am deutschen WiederauDau mitschaffen will, begrüßen toi\ in dankbarer Brüderlichkeit. BÄcherschair. Die Nervosität bei den Juden. Ein Beitrag zur Rassenpsychiatrie;, für Aerzte und gebildete Laien von Dr. med. Rafael Becker, Assistenzarzt ber Kantonalen Heil- und Pflege-Anstalt in Königsfe'lden bei Brugg. (Zürich 1919. Druck und Verlag: Art. Institut Orell Füßli. 31 Seiten. Preis 2 M.) Der Verfasser beschäftigt sich in der übersichtlich und klar abgefaßten Schrift mit den Vorurteilen, die in bezug ans Geistesstörungen der Juden noch bestehen. An der Hand der Statistik weist er nach, daß bei den Juden die Erkrankungen des Geistes Nnd Gemütes tatsächlich verhältnismäßig mehr verbreitet sind als bei -den Nichtjnden. Er wendet sich aber mit Entschiedenheit gegen den Schluß, den man daraus ziehen wollte, daß man hierin Zeichen einer Entartung und Inferiorität erblicken könne. Die Juden find an einzelnen Geisteskrankheiten prozentualiter geringer beteiligt, z. B. an Epilepsie, an den aus Alkoholismus resultierenden fast gar nicht beteiligt. Verfasser führt eingehend aus, warum die Juden an verschiedenen anderen Geistesstörungen im Verhältnis häufiger als Nichtjuden erkranken, z. B. an Neurasthenie, Hysterie, Melancholie, Paralyse,