Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 11 (November 1918)
- Article
- Eine Eingabe gegen sittliche Verwüstung
- Date
- 1918-11-01
- Page
- 444 (sequence 1)
- Language
- German
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444 Im deutschen Reich Eine Eingabe gegen sittliche BerWüstung. Der „Deut sch b und", an deffen Spitze der Antisemit Prof. Langhaus in Gotha steht, hat sich beschwerdeführend an den Reichskanzler gewandt wegen der „Entfremdung unseres Volkes von sittlichen Grundgedanken" und der furchtbaren Verheerungen, die dadurch entstehen. Damit meint der Deutschbund nun nicht etwa die antisemitische Agitation, sondern ihm hat es eine Schrift des um das Volkswohl hochverdienten Professors Blaschko angetan. Diese Schrift, die mit Bewilligung des Kriegsministeriums im Heer verbreitet wird, dient der Aufklärung über die Gefahren und Verhütung der Geschlechtskrankheiten. Aber der Verfasser ist Jude. Hilft also nichts; er wird verbrannt im Ofen Zn Gotha. A«S Ahlem wird uns geschrieben: Das oldenburgische Verdienstkreuz erster Klasse erhielt Herr Julius Stein aus Mellrichstadt i. B., Lehrer und Erzieher an der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem. Zwei ehemalige Schüler der genannten Anstalt, Willi Spei er aus Hoof bei Cassel und Albert Tr es per aus Berlin, find mit dem Eisernen Kreuz erster Klaffe ausgezeichnet worden. BLcherschs«. Ihr. Netter, Oberrabbiner in Metz. D ie Schulden not der Metzer Gemeinde 1789—1854. Ein Beitrag zur Geschichte der jüd. Gemeinde in Metz. (Berlin, Louis Lamm. 1917. 137 S. 8°.| Der ehrwürdige Verfasser, der sich bereits mehrfach literarisch auf dem Gebiet der jüdisch-lothringischen Geschichte betätigt und letzthin uns ein lehrreiches Buch über die Geschichte des Talmuds geschenkt hat — das hoffentlich bald in zweiter Auflage wird erscheinen können —, gibt uns in vorliegendem Wer? ein anschauliches Bild der Leidensgeschichte der im Mittelalter und auch in der Neuzeit so bedeutenden Gemeinde; wir erinnern nur daran, daß im 13. Jahrhundert Jonathan Eiöenschütz, Jacob Reischer und Josua Falk — dieser eine kurze Zeit auch in Berlin amtierend —, das Rabbirmt von Metz bekleideten. Es ist besonders die Verschuldung der Gemeinde, die uns hier geschildert wird. Das Wohnrecht in der Stadt mußte bei der französischen Regierung oft unter großen Opfern von der Gemeinde erkauft werden, deren eigentliche Neukonsntuierung. nach der früheren Vertreibung im Jahre 1365 unter der deutschen Herrschaft, in das Jahr 1595 Mt. Eine verhältnismäßig günstige Epoche der Metzer Juden bildete die Regierung Ludwigs IIYV während die seines Nachfolgers ihnen viele Unannehmlichkeiten brachte und damit zugleich eine Verschlechterung der Finanzlage. Viel trug daM bei der Prozeß gegen Raphael Levy, der des Ritualmordes angeklagt war und auch wirklich hrngerichtet wurde, was sich jedoch nachher als Justizmord herausstellte. In der Folge beschnzor die von damals an fanansierte Menge immer derartige Hetzmarchen herauf, mit dem Ergebnis, daß die Juden sich immer duäh große Geldopfer bei den staatlicher? und kirchlichen Behörden den Schutz gegen die ihnen vom Pöbel drohenden Gefahren erkaufen mußten. Wir sehen hier, wie unsere Glaubensgenoffen bei den Franzosen dasselbe Schicksal erlitten, wie bei den sich so gern der geistigen Verwchrdtschaft mit ihnen rühmenden Polen. Auch boxt konnten sie, besonders infolge der Treibereien der Jesuiten, sich von den Ritualmordverdachtigungen nur durch ungeheuere Summen loskaufen, durch die sie bei den Kirchen und Klöstern allmählich in drückende Schulden gerieten, an denen z. B. die pojenschen Gemeinden noch am Anfang des 19. Jahr-