Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- Walther Rathenau [Rezension]
- Date
- 1917-09-01
- Page
- 378 (sequence 2)
- Language
- German
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Im Deutschen Neich< 273 licher Ethik sehr viel Gehaltvolleres geleistet wurde. Die Auseinandersetzung zwischerr Moses Mendelssohn und Lavater, '-an die auch Rat Heu an im Borüö ergehen erinnert, griff tiefer in 'das Wesen der Frage. Nicolai schrieb von seinem philosophischen Freund: Es ist ein Gort, Las sagte Moses schon, Uno den Beweis gab Moses Mendelssohn. In so oberflächlicher -Witzelei, wie eS Unten eine Vielverbreitete Anekdote zuschrieb, hat sich die Auseinander;etzung zwischen Lavater und Mendelssohn sicherlich nicht bewegt. Man kennt die Vers-Korrespondenz, die man beiden fälschlich zuschreibt. Danach hätte Lavater geschrieben: An Gott, den Baker, glaubst du schon, So glaub' doch auch an seinen Sohn! Ihr pflegt doch sonst, bei Vaters Leben Dem Sohne gern Kredit zu geben. Woraus Mendelssohn geantwortet haben soll: Wie kann dem Sohn Kredit man geben'/ Wird doch der Vater ewig leben! Es mag hier einmal sestgestellt sein, daß an dieser, an sich witzigen Auseinandersetzung Mendelssohn und Lavater unschuldig sind, die ihren Gegenstand denn doch ernster erfaßten. Mit gründlichem Wissen und seiner Dialektik hat ihn auch Abraham Geiger lichtvoll behandelt. Walther Rathenan kam es in seiner „Streitschrift" aber nicht aus theologisches Ausschvpfcn des Gegenstandes, überhaupt nicht auf eigentliche Gottesgelahrtheit an, sonst hätte er kaum übersehen, daß man nicht im selben Atem schtfiellen kann, alle christliche Moral sei aus der jüdischen geboren, finde in ihr den reinsten Ausdruck, und doch als Jude von sich bekennen kann: „Ich stehe aus dem Boden der Evangelien." Wenn Rathenan am Judentum rühmt: es sei keine Kirche, es kenne keine Dogmen, es habe gar keine gültigen GlaübeusvorschrifLen und ob einer den Kult respektiert oder ablehnt, sei ohne jeden Belang für sein Verhältnis zum Glauben, so muß er — denn so bedeutungslos sind die Gebote doch nicht! — auf jüdischer Seite Widerspruch erfahren/ und was er vom „christlichen Staat" sagt, wird man auch-auf christlicher Seite nicht überall gelten lassen. Aber als die persönliche Auseinandersetzung eines modernen, inr Positiven wurzlnden, mehr der monistischen oder materialistischen Weltanschauung zugewandten Geistes ist diese Bekenntnisschrift von Wert und zeitpsychologischem Interesse. Sie fesselt Lurch manches kluge und gehaltvolle Wort über das Verhältnis zwischen Religion und Kirche, Kirche und Staat und sie ist, als Kundgebung eines auf Len Höhen modernen Wissens stehenden Geistes zu verstehen aus dem Schopenhauerschen Wort: „Es gibt einen Siedepunkt auf der Skala der Kultur, wo aller Glaube sich verflüchtigt." Bei alldem aber ist das Gefühl unlöslicher Zugehörigkeit zum Judentum aus jeder Seite der „Streitschrift" herauszufühlen. Rathenan kann denen, die in Verkennung des eigentlichen Wesens seiner Bekenntnis; christ schärfere Kritik an ihm üben, mit Uriel Aeosta zurufen: „Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude!" Angesichts solcher Glanbensstreitigkeiten aber empfinde-L man immer wieder die Wahrheit des -Geibelschen Spruchs: Es ist der Glaub' ein schöner Regenbogen,- Der, zwischen Erd' und Himmel aufgezogen. Ein Trost für alle, doch für jeden Wanderer, Je nach der Stelle, da er stobt, ein anderer. I- L.- &