Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1917)
- Article
- Ohne Götter [Rezension]
- Date
- 1917-05-01
- Page
- 232 (sequence 2)
- Language
- German
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232 Im Deutschen Reich, fuhrt. Wir alle sind seine Truppen. Ich gehe, weil ich Weid und' Kind liebe und weil ich mein Volk liebe . . . Ich gehe, weil ich es nicht ertragen würde, in Scham vor meinem Sohne einst 31t versinken, wenn er mich fragen wird: And was tatest du, als Deutschland in diesem Kriege stand? .Wie dientest du, als seine Söhne starben? - - JH gehe, weil mir . , . nach kaum noch lebendig gebliebener Hoffnung unerwartet nun der Glaube auferstand. Der Glaube an meines Volkes Lieder, an seine Not, die auch mich, verlangt als dienendes Glied am deutschen Körper. Ich gehe, weil ich sonst nicht leben konnte, Ich gehe, weil ich meine Götter fandst Das Hohelied der Jugend ist dieses Buch. Die sorgsam „eingeweckten" und nun frisch gebrauchsfertig hervorgeholten Eindrücke einer Anzahl wohlverbrachter akademischer Semester sind hier vor .uns ausgebreitet. Wie lieb werden sie uns nach und nach alle, diese jugendlichen Himmelsstürmer, die da in allen: Aeberschwang mit Himmel und Holte um ein Ideal ringen, die mit etwas Witz, mit etwas-billiger Kritik und etwas unbewachtem Eigendünkel den lieben Herrgott entthronen, um ihn später unter Schmerzen und Leiden, aus allen im Lebenskampf empfangene):: Wunden blutend, wiederzufinden und auf den Thron zu setzen. Vom seelenlosen, spöttelnden Zyniker bis zum eifernden, in Ekstasen lebenden Fanatiker sind sie alle hier vertreten und — als neueste Gattung — fehlt.-auch, eine st5Ündentin nicht, die, eine sumpfen^ sprossene Schlingpflanze, de:: Edelstämmen, um die sie sich rankt- .Saft und Mark und Lebenskraft entzieht. Diese rücksichtslose Speknlantin int Reiche der Liebe ist denn auch der Mittelpunkt dessen, was „Roman" ist in diesem Werken so sehr Roman, daß oft der Brodemchiberhitzter (Sinnlichkeit allusehr aufwirbelt und unklare Köpfe oder Sinne leicht benebeln kann. Von diesen, kaum für Töchterschulen bestimmten kleinen Abschnitten abgerechnet, ist das Buch zwar vielfach spannend, aber niemals Spannung berechnet. Richard Otto Frankfurter, der in früheren Schöpfungen gern frei im erdentrückten Reiche einer ungebänbigten Phantasie schweifte, hat sich hier wnrzelsest auf dem Boden der Wirklichkeit angesiedelt, aber den alten Gesetzen der E r z ä ly l e r f it n st hat sich der dichtende Mann des Rechts nicht unterworfen. Eigenwillig verstößt er oft gegen die einfachsten Gebote der Spannung, .und wenn sonst die Handlung uns hetzend ihr „vorwärts! vorwärts!" znherrscht, ist ihm das oberste Gebot: „verweilen! verweilen!" Er muß jede Stimmung langsam gründlich, völlig auskosten. Jeder Gedanke wird bis in seine Tiefen und in allen Verzweigungen . verfolgt. Mit besonders liebevollem Behage:: sind die Szenen wohlig ansgestaltet, in denen vor uns der aus der Gottesweisheit WeltklugheiK schöpfende alle Samelfohn seine Talmndgelehrsamkeit in Lebensregeln ummünzt. Rührend ist die Begegnung zwischen dem alten Talmudforscher und dem erzstarr-orthodoxen, glaube ns eifrigen protestawtis-chen Pastor. Die Sprache, überall von natürlich-edlem Schwung, und unaufdringlicher Eigenart, gefällt sich nur zuweilen in kleinen Wortspielereien und — selten zwar — in eigen mächtigen Wortbildungen wo ein ererbtes Wort gleichen Dienst getan hätte. Ihren Gipfel erreicht die Schilderungskunst des Verfassers in der Kraft und Lebensfülle, mit der er den W,irbekstu.rm der Volksbegeisterung in den ersten Kriegslagen schildert. Hier liefert der Romanschreiber dem künftigen Geschichtsschreiber vortreffliches Material.