Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Article
- Abwehr und Einkehr
- Date
- 1914-09-01
- Page
- 358 (sequence 1)
- Language
- German
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35S Fm deutschen Reich. Abwehr und Einkehr. Fu ernster Zeit ist es geboten, daran zu erinnern, daß die deutschen Juden stets auf „Abwehr und Einkehr" zu achtele haben. Wie weit die Abwehr innerer Gegner künftig nötig sein wird, ist nicht vorauszusehen, da nun alle deutschen Bürger „Gottesfrieden" halten, um bei Abwehr äußerer Feinde in geschlossener Phalanx zufammenzustehen. Wichtiger ist jetzt die Einkehr. Denn in langen Jahren des Friedens und des Wohlstandes ist mancher Mißstand eingetreten, der die Selbsterkenntnis, die Selbstzucht und die Selbstveredlung bei vielen schädigte, ein Schaden, von dem auch der jüdische Bestandteil unserer Bevölkerung nicht ganz unberührt blieb. Der Centralverein hat es deshalb von jeher für seine Pflicht gehalten, zur Einkehr zu mahnen, und hat, in aller Stille, eine innere Mission ausgeübt, die bis auf geringe Ausnahmen erfreuliche Erfolge gezeitigt hat. In der Hauptsache waren die Fehlgriffe stets nur auf Gedankenlosigkeit zurückzuführen. Man konnte sie in dem Sinne des. Propheten Micha rügen: „Es ist dir kundgetan, Mensch, was gut ist; und was der Herr von dir fordert, ist doch nur: auf Recht halten, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott." Aber auch Gedankenlosigkeit muß verbannt werden. Schon in den „Leitsätzen für deutsche Juden" hatte der Centralverein auf die Folgen der Verstöße einzelner für die Gesamtheit mit den Worten hingewiesen: „Feder Jude weiß, daß ein eingewurzeltes Vorurteil für seine Fehler die Gesamtheit seiner Glaubensgenossen zur Rechenschaft zieht, und daß es ihm deshalb mehr als jedem andern obliegt, S e l b st z u ch t zu üben." Mar dies in Friedenszeiten schon geboten, dann gilt es n o ch w eit m ehr j etzt, da der Neid erbitterter Nachbarn auf Deutschlands segensreiche Entwicklung einen Weltenbrand entzündet hat. An die deutschen Juden ergeht darum die Mahnung, daß ihre ganze Haltung dem Ernst solcher Zeiten entspreche. Wir müssen beweisen, daß unser Streben dahin geht, mit dazu beizutragen, daß der große Moment ein großes und würdiges Geschlecht finde. Törichtes Geschwätz vermeide man durchaus. In der Zeit großer Gefahren empfahl der Prophet Micha eine nötige Vorsicht: „Der Tag deiner Wächter ist gekommen; wahre die Pforte deines Mundes." Insbesondere ist mit Strenge darauf zu halten, daß die Kinder in diesem Sinne erzogen werden, daß jede