Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Die Zustände an dem Technikum Mittweida
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 326 (sequence 1)
- Language
- German
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326 Im deutschen Reich. — Die Anstände an dem Technikum MiLLweiöa sind für uns von besonderem Interesse, zumal die Stiftungs-Kommission der jüdischen Gemeinde in Berlin Stipendien zum Besuche dieser Anstalt gewährt und diese auch noch durch jüdische Stiftungen unterstützt wird. Das Technikum wird von fast 300 Juden verschiedener Rationalitäten besucht, und ein Teil dieser Besucher ist in einem „V e r e i n jüdischer T e ch n i k e t" vereinigt, der unter der Bedingung, keine Politik zu treiben, von der Direktion genehmigt wurde. Diese Bedingung veranlaßte wohl vor einigen Jahren den Direktor, den damals am Technikum MitLweida bestehenden zionistischen Verein aufzulösen. Am so auffallender ist es nun, daß an der Anstalt ein nur aus Polen bestehender Verein geduldet wird, der zweifellos politische Tendenzen verfolgt, da diese „Polnische Kolonie" in den ersten Monaten die Devise herausgeben durfte: „B o h ko tt den Juden. Was unsere Eltern in der Heimat (Polen) tun, wollen wir hierher verpflanzen." Obgleich die jüdischen Techniker fast den sechsten Teil der Besucher des Technikums bilden, ist bisher nichts geschehen, was die organisierten polnischen Studenten verhindern könnte, den Antisemitismus nach dem Vorbild ihrer „Heimat" nach MiLtweida zu „verpflanzen". Die jüdischen Techniker können selbst dagegen wenig tun, weil sie fürchten müssen, an ihren Studien Schaden zu nehmen. Diese Besorgnis ist darauf zurückzuführen, daß sie nach der scheinbar ungleichen Behandlung auch keinen rechten Schutz von der Leitung erhoffen, die bisher grundsätzlich tüchtige jüdische Lehrkräfte nicht angestellt und dies damit begründet hat, daß sich voraussichtlich die anderen Lehrkräfte nicht mit ihnen vertragen würden. Auf einen Versuch hat es die Direktion bisher nicht an kommen lassen. Die Anstalt ist ein Privatunternehmen unter städtischer Aufsicht und staatlicher Oberaufsicht, so daß verlangt werden darfdaß nicht nur jüdischen Verbindungen, sondern auch „polnischen" einepolitische Betätigung untersagt wird, und der Grundsatz der Parität in allen Teilen durch geführt bzw. eingeführt wird. — Das.Schauspiel „Vaterland" von Maximilian Böt t cher enthält einen, gelegentlich der Berliner Aufführungen des Werkes im Reuen Kgl. Operntheater (Kroll) vor jüdischen Zuhörern vielfach und mit Aecht peinlich empfundenen, dem General von Porck in den Mund gelegten Passus, der etwa folgendermaßen lautet: „Die Juden sind Schacherer, und mit Schacherjuden will ich nichts zu tun haben." Wir haben uns, um eine Fortlassung der unsere Gesamtheit so unverdient beschimpfenden Aeußerung zu erreichen, au den Leiter der Berliner Aufführungen, Oberregisseur Julius Haller, gewendet und von ihm die Auskunft erhalten, ba| seinerzeit der von ihm redigierte Dialog des Stückes eine die Juden krankende Stelle nicht enthalten habe. — Wir waren unseren Lesern dankbar für Mitteilungen, ob und wo das Werk noch zur Aufführung gelangt, und ob der beschimpfende Passus darin vorkommt. Sollte dies der Fall sein, dann würde jeder Jude von Ehrgefühl dem Besuch solcher Vorstellungen fernzubleiben gut tun. — Jüdische Sportsleute. * Ans unserem Mitgliederkreise erhalten wir vielfache Anfragen über den von Judengegnern höhnisch bezweifelten aktiven (nicht bloß mäzenatischen) Anteil der Juden am modernen Sport. Eine erschöpfende Antwort vermögen wir noch nicht zu geben; wir sammeln noch entsprechendes Material. Schon heute aber weisen wir auf den französischen Fechter Sulzbacher hin, der ebenso dem Judentum angehört wie der Pilot Gouggenh e i m und wie Herr K a p f e r e r, der sich als Luftschifflenker großen Ansehens erfreut.