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Im deutschen Reich · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. 100

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Article
Professor Dr. Julius Goldsteins Kritik meines Kunstwart-Aufsatzes
Date
1913-03-01
Page
100 (sequence 4)
Language
German
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100 Fm deutschen Reich. gehörte der Tag, an dem mir die Augen aufgingen, nicht zu. den glücklichen. Aber Hie Logik: eine Erkenntnis ist peinlich, vielleicht gefährlich, folglich ist sie falsch — gilt im Zeitalter Nietzsches nicht mehr. Die zionistische Hoffnung ist nun bekanntlich, daß eine wieder vereinte jüdische Nation eine jüdisch nationale Kultur erzeugen und diesem Zwiespalt im Laufe der Zeit ein Ende machen werde, und mein Kritiker fragt, worauf sich diese Hoffnung gründe? Der nationale Individualismus des 19. Jahrhunderts habe ja weder in Italieu noch in Griechenland Weltdichter hervorgebracht. Darauf ist zu erwidern, daß das Erscheinen jÄdischer Genies nicht vorherzuberechneir ist, wir hoffen auf sie, aber wir können uns täuschen. Das wird zugegeben. Im übrigen aber: aus dem nationalen Individualismus sollen die großen Leistungen hervorgehen? Was ist das wieder für ein Mißverständnis! Weder auf Individualismus, noch auf Nationalismus, noch auf Zionismus, überhaupt auf keinen Ismus imb auf keine Theorie gründen wir unsere Hoffnung, sondern auf das Volk, auf das gesunde nationale Leben, wie es alle anderen Völker führen und woraus geistiger Aufstieg und Niedergang, Fruchtbarkeit und rlnfruchtbarkeit folgen in natürlichem Wachstum und nach allen möglichen Gesetzen, nur nicht danach, welche Theorie zufällig die Köpfe beherrscht. Wird ein jüdisches Volk da sein, so wird auch ein jüdisches Geistesleben da sein, das ist die ganze Lehre. Was ist darüber zu diskutieren? Ich halte diese Ziele für eine Konsequenz unseres Europäertnms und wies im Kunstwart darauf hin, daß schon Moses Mendelssohn versucht hätte, die Juden aus mittelalterlichen Gettomenschen zu Europäern zu machen. Dagegen wendet nun der Kritiker spöttisch ein: „Ich wußte noch nicht, daß . . „Ich dachte bislang . . ." Was ist das für ein Beweis! Ich soll dadurch ad absurdum geführt werden, daß, wenn meine Behauptung gilt, der Herr Professor etwas nicht gewußt haben müßte, welches eine unmögliche Konsequenz wäre; folglich usw. Der Herr Professor weiß aber hier wirklich etwas nicht. Mendelssohns Wirksamkeit für die Emanzipation der deutschen Juden steht im Einklang mit einer euröpäischen Bewegung, die in allen europäischen Ländern auch zu den gleichen Resultaten geführt hat. Man nannte sie Humanitätsideal, und wenn die Juden hier zu Deutschen, dort zu Franzosen, dort zu Engländern gemacht wurden und sich selbst dazu erzogen, so war das ideale Ziel jener Zeit „die Menschheit", wie man sagte, irr Wirklichkeit die Zivilisierte Menschheit oder der Europäer. Indessen, was rede ich von Moses Mendelssohn und ähnlichen Dingen! Ich besitze ja „nicht einmal mehr ein Verhältnis zu jüdischer Frömmigkeit". Auf dieses köstliche „nicht einmal" will ich doch den ginger legen. Ich gestehe, daß der Kritiker recht hat; ich habe so wenig ein Verhältnis zn jüdischer Frömmigkeit wie unzählige moderne Menschen zu ihrer jeweiligen Kirche. Aber wen geht diese durchaus begreifliche und ganz private Tatsache etwas an, und was hat sie mit den von mir zur Debatte gestellten Fragen zn tun? Auch möchte ich doch wissen, woher der Kritiker mein, nunmehr zugegebenes, Verhältnis zur jüdischen Frömmigkeit kennt. Gesagt habe ich davon in meinem Kunstwartaufsatz gar nichts. Der Satz, den er anführt, heißt etwas ganz anderes, nämlich daß wir uns nicht in dem Sinne für- „mosaisch" halten wie andere Deutsche, katholisch oder protestantisch oder reformiert sind, sondern, daß uns Judentum auch eine nationale Zusammengehörigkeit bedeutet. Ich sollte weinen, daß dieser Sinn nach dem Zusammerrhang nicht verfehlt werden konnte^

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